Am 4. August 2026 hat das American College of Physicians in Annals of Internal Medicine ein Positionspapier veröffentlicht: „Public Policy Approaches to Addressing Adult Obesity“. Der Volltext ist frei lesbar. Das ist erwähnenswert, weil das meiste, was darüber geschrieben wird, aus der Pressemitteilung stammt.
Das Papier enthält zehn Empfehlungen. Empfehlung 1 verlangt von allen Kostenträgern die Übernahme eines vollständigen Behandlungspakets, ausdrücklich einschließlich Adipositaschirurgie. Empfehlung 4 verlangt Initiativen gegen Gewichtsvorurteile und Stigma. Beide Sätze stehen im selben Dokument, beschlossen von demselben Gremium, am selben Tag.
Das ist kein Widerspruch. Es ist eine Asymmetrie, und sie ist messbar.
Was das Dokument ist
Autoren sind Ryan Crowley, Micah Beachy und Priscilla Carr für das Health and Public Policy Committee des ACP. Das Komitee hat englischsprachige Literatur sowie Quellen von Behörden und Denkfabriken durchgesehen und die Empfehlungen dann mit Rückmeldungen aus dem Board of Governors, dem Board of Regents, dem Medical Practice and Quality Committee, dem Council of Early Career Physicians, dem Council of Student Members, dem Council of Resident/Fellow Members und dem Council of Subspecialty Societies erarbeitet. Freigabe im Komitee am 23. Februar 2026, im Board of Regents am 14. April 2026.
Diese Liste bitte zweimal lesen. Jedes genannte Gremium ist ein Gremium von Ärztinnen, Studierenden oder ärztlichen Fachgesellschaften. Keine Patientenorganisation, keine Selbstvertretung, keine Beteiligung der Menschen, um die es geht. Für eine Fachgesellschaft ist das normal. Für die vierte Empfehlung ist es entscheidend.
Das ACP ist die größte medizinische Fachgesellschaft der USA mit 163.000 Mitgliedern. Seine Mitglieder sind die Menschen, die die Leistungen erbringen, überweisen und abrechnen, deren Erstattung das Papier fordert. Das zu benennen ist kein Vorwurf, sondern das stehende Interesse hinter dem Text, genauso wie wir das AIHTA vor der Zitierung im Gesundheitssystem verortet haben.
Empfehlung 1, und was sie verlangt
Die beiden folgenden Empfehlungen sind im Original englisch. Die Übersetzung ist von uns, der Wortlaut steht im frei zugänglichen Volltext.
Das ACP empfiehlt, dass alle Kostenträger ein konsistentes, umfassendes Paket evidenzbasierter Adipositas-Interventionen abdecken, einschließlich Präventions- und Screeningleistungen, intensiver Lebensstilbehandlung, pharmakologischer Behandlungen und Adipositaschirurgie.
Darunter stehen drei Unterpunkte: alle Kostenträger einschließlich Medicare und Medicaid sollen Medikamente übernehmen, das ACP lehnt belastende Zugangsbeschränkungen ab, das ACP unterstützt Preissenkungen. Der Begleittext nennt Adressaten und Instrumente. Der Kongress soll das Verbot der Medicare-Erstattung von Abnehmmedikamenten aufheben. Medicaid-Programme der Bundesstaaten müssen ihre Leistungspakete an klinischen Leitlinien ausrichten. Das ACP fordert Transparenz, Standards und Regulierung für Pharmacy Benefit Manager sowie ausgeweitete Preisverhandlungen und Referenzpreise.
So sieht eine politische Forderung aus, wenn sie ernst gemeint ist. Benanntes Gremium, benanntes Instrument, benannte Gesetzesänderung.
Beim Rechnen ist das Papier ebenfalls offen. Es hält fest, dass Einsparungen durch vermiedene Krankheit die Kosten einer Medicare-Erstattung voraussichtlich nicht vollständig ausgleichen. Und unter den aufgezählten Optionen zur Kostenkontrolle steht eine in einem einzigen Nebensatz: „limiting access to low-value services“, also Zugangsbeschränkung bei Leistungen mit geringem Nutzen. Ein Papier, das umfassende Erstattung fordert, nennt Zugangsbeschränkung als Kostenhebel. Welche Leistungen gemeint sind, steht nicht dort, und die Frage kommt nicht wieder.
Empfehlung 4, und was sie verlangt
Das ACP unterstützt Initiativen zur Reduktion von Vorurteilen und Stigma im Zusammenhang mit Adipositas und größeren Körpern und ermutigt zur Verwendung von person-first language, wenn von Menschen mit Adipositas gesprochen wird. Das ACP ermutigt alle Einrichtungen des Gesundheitswesens, angemessene Ausstattung für Menschen mit Adipositas vorzuhalten.
Jetzt zählen. Kein Kostenträger. Kein Gesetz. Keine Behörde. Keine Finanzierungszeile. Keine Durchsetzung. Zwei Verben, „unterstützt“ und „ermutigt“, die beide niemanden zu etwas verpflichten.
Der Begleittext umfasst zwei Absätze. Der eine verweist auf Westbury und Kolleg:innen, die mehr Forschung zu Stigma, Kommunikation und Bildungskampagnen fordern. Der andere berichtet, dass die Obesity Association der American Diabetes Association Schulungen zu Gewichtsvorurteilen empfiehlt, dazu passend große Stühle, Untersuchungsliegen, Kittel und Blutdruckmanschetten. Das sind die konkreten Punkte dieses Abschnitts, und das ACP referiert sie als Empfehlung anderer, statt sie selbst zu erheben.
Zum Vergleich der AIHTA-Bericht aus Wien, der dieselbe Ausstattungsliste in seine eigenen Empfehlungen geschrieben hat: stufenloser Zugang, Sitzmöbel ohne Armlehnen, Waagen mit Messbereich bis 300 Kilogramm, ein geschützter Ort zum Wiegen. Das AIHTA ist eine staatliche Agentur ohne Abrechnungsinteresse und hat die Liste zu ihrer eigenen gemacht. Das ACP, dessen Mitglieder die Wartezimmer besitzen, zitiert sie.
Die Sprachregel
„Ermutigt zur Verwendung von person-first language“ ist eine Vorgabe zum Wortgebrauch. Es ist außerdem der einzige Punkt in Empfehlung 4, der vollständig umsetzbar ist, kein Geld kostet und ab sofort befolgt werden kann.
Person-first language kommt aus der Behindertenbewegung und wurde von medizinischen Verbänden übernommen, um Person und Diagnose zu trennen. Teile der Fat-Acceptance-Bewegung lehnen sie genau deshalb ab und verwenden „dick“ als schlichte Beschreibung, weil „Mensch mit Adipositas“ die Diagnose behält und sie nur um ein Wort nach rechts verschiebt. Dieses Magazin schreibt aus diesem Grund „dick“.
Dass es diese Auseinandersetzung gibt, erwähnt das Papier nicht. Ein Gremium aus Ärztinnen und Ärzten, ohne Patienten- oder Betroffenenvertretung in der Freigabekette, setzt den Begriff für eine Gruppe fest, die es beschreibt. Dass der Begriff der höfliche ist, macht das Verfahren nicht zu einer Beteiligung.
Die Stigma-Theorie in einem Satz
Im Hintergrundteil steht: Gewichtsstigma und Vorurteile seien verbreitet und würden zum Teil verursacht durch die Fehlannahme, Übergewicht und Adipositas resultierten allein aus Lebensstil- und Ernährungsentscheidungen.
Das ist das gesamte Kausalmodell, und es erklärt die Form von Empfehlung 4. Wenn Stigma aus einer falschen Annahme über Ursachen folgt, dann ist die Abhilfe bessere Aufklärung über Ursachen, und das ist Empfehlung 5, Ausbildungsinhalte für Lehrende und Studierende. Es ist derselbe Mechanismus, den wir in der Literatur zu Anti-Bias-Schulungen gefunden haben: Annahme verschieben, Haltung messen, Verhalten hoffentlich hinterher. Das metaanalytische Ergebnis dort war Bewegung in dem, was Studierende sagen, und keine signifikante Bewegung in dem, was unterhalb der Selbstauskunft gemessen wird.
Die eigenen Zahlen des Papiers beschreiben, was dieses Modell leisten müsste. 20 Prozent der US-Erwachsenen berichten von erlebten Gewichtsvorurteilen im Gesundheitswesen. Ein internationales Konsenspapier von 2020, im Text zitiert, hat festgestellt, dass viele Angehörige der Gesundheitsberufe negative Haltungen gegenüber Adipositas haben, einschließlich der Stereotype, betroffene Patient:innen seien faul, hätten keine Selbstkontrolle, seien selbst schuld und hielten sich nicht an Behandlungen. Die Folge, ebenfalls aus dem Papier: Wer Gewichtsvorurteile erlebt, geht seltener zu Routineuntersuchungen und Screenings und verschiebt Termine häufiger.
Das Dokument stellt also fest, dass die Situation im Behandlungszimmer das Problem ist, fordert dann die Erstattung dessen, was in diesem Zimmer passiert, in verbindlicher Sprache, und die Verbesserung des Zimmers selbst in unverbindlicher. Wer schon einmal gehört hat, dass die Knieschmerzen ein Gewichtsproblem seien, erkennt, dass diese Reihenfolge nicht akademisch ist.
Zwei Stellen, an denen das Papier besser zitiert als zusammenfasst
Der Trend. Das Papier beginnt mit dem Satz, die erwachsene US-Bevölkerung mit Adipositas sei in den letzten zwei Jahrzehnten stetig gewachsen, und ACP-Präsidentin Jan Carney wird in der Pressemitteilung mit „steadily rising“ zitiert. Die 40-Prozent-Zahl kommt von der CDC, und das Papier zitiert dafür die richtige Quelle: NCHS Data Brief Nr. 508, September 2024, Datengrundlage August 2021 bis August 2023. Dort steht 40,3 Prozent, schwere Adipositas 9,4 Prozent. Wir haben nachgelesen.
Im selben Data Brief steht, dass sich die altersstandardisierte Prävalenz von Adipositas bei Erwachsenen von 2013/2014 bis August 2021/August 2023 nicht signifikant verändert hat. Die Werte der Erhebungszyklen lauten 37,7, 39,6, 41,9 und 40,3 Prozent. Signifikant gestiegen ist die schwere Adipositas, von 7,7 auf 9,7 Prozent. Über zwanzig Jahre hält der Anstieg. Über das letzte Jahrzehnt nicht, und die Quelle, die das sagt, ist Referenz 3 des Papiers selbst.
Der BMI. Der Anhang nennt den Body-Mass-Index ein verbreitetes, aber fehlerhaftes Instrument, hält fest, dass er Körperfett nicht direkt messe und Muskel- und Knochenmasse nicht berücksichtige, dass seine Grenzwerte auf möglicherweise nicht repräsentativen Populationen beruhen und dass die WHO für bestimmte asiatische Subgruppen niedrigere Schwellen empfiehlt. Der CDC-Bericht sagt dasselbe über sein eigenes Maß.
Und dann läuft die Erstattungsarchitektur, die das Papier befürwortet, weiter auf diesem Maß. Die zitierte Empfehlung der US Preventive Services Task Force von 2018 greift ab BMI 30. Medicare übernimmt Adipositaschirurgie ab BMI 35 mit Begleiterkrankung und dokumentierten erfolglosen Versuchen. Viele Medicaid-Programme knüpfen Schwellenwerte und Dokumentation vorheriger Versuche daran. Ein im Anhang als fehlerhaft bezeichnetes Instrument entscheidet, wer das Paket aus Empfehlung 1 bekommt. Das Papier fordert Forschung zu Alternativen zum BMI. Es fordert nicht, die Schwellen in der Zwischenzeit zu überprüfen.
Was davon für Deutschland gilt
In Deutschland ist Empfehlung 1 in ihrem Kern rechtlich nicht umsetzbar. Arzneimittel zum Abnehmen hat der Gesetzgeber 2004 als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen, sie gelten als Lifestyle-Arzneimittel nach § 34 Abs. 1 Satz 7 SGB V. Der G-BA hat diesen Ausschluss für Wegovy am 21. März 2024 formal nachvollzogen und das Präparat in Anlage II der Arzneimittel-Richtlinie gelistet. Semaglutid-Präparate für andere Indikationen, etwa Diabetes mellitus Typ 2, fallen nicht darunter und werden erstattet. Einen Ermessensspielraum sah der G-BA ausdrücklich nicht, auch nicht für Sonderregelungen oberhalb eines BMI von 30.
Das strukturierte Behandlungsprogramm, das es gibt, ist das DMP Adipositas für Erwachsene, vom G-BA am 16. November 2023 beschlossen. Einschreiben können sich Erwachsene mit einem BMI zwischen 30 und 35 und mindestens einer Begleiterkrankung, ab BMI 35 ohne diese Voraussetzung. Der G-BA benennt das Ziel selbst: das zu hohe Körpergewicht reduzieren oder zumindest stabilisieren. Teilnehmende müssen sich aktiv beteiligen, grundlegende Maßnahmen sind veränderte Ernährungsgewohnheiten und mehr körperliche Aktivität. Appetitzügler und Formuladiäten können nicht Teil des Programms sein, weil sie gesetzlich ausgeschlossen sind.
Die deutsche Lage ist damit nicht die bessere Version des ACP-Papiers, sondern die verschärfte. Der Zugang zur Behandlung ist enger, der BMI bleibt das Eintrittskriterium, die Mitwirkung der Teilnehmenden ist Programmbestandteil, und eine Entsprechung zu Empfehlung 4 existiert überhaupt nicht: Körpergewicht ist im AGG kein geschütztes Merkmal, und keine Richtlinie schreibt Praxen Ausstattung für dicke Patient:innen vor.
Was die vierte Empfehlung so ernst machen würde wie die erste
Nicht mehr Mitgefühl. Dieselbe Grammatik.
Empfehlung 1 nennt Kongress, Medicaid-Programme und Pharmacy Benefit Manager. Eine Empfehlung 4 nach derselben Bauweise würde die Akkreditierungsstellen nennen, die Einrichtungen prüfen, Ausstattung an die Teilnahmebedingungen für Medicare und Medicaid binden und die Aufnahme des Körpergewichts in Antidiskriminierungsrecht unterstützen. Genau diesen regulatorischen Schritt empfiehlt der Wiener Bericht, und genau diesen Schritt geht das deutsche Recht bis heute nicht.
Nichts davon steht im Text. Im Text steht ein Satz, der Initiativen unterstützt, und eine bevorzugte Wortwahl.
Das ist kein Argument gegen die Erstattung von Behandlung, und nichts hier sagt, ob jemand irgendetwas davon in Anspruch nehmen soll oder nicht. Das ist nicht unser Thema und nicht unsere Sache. Das Thema ist, was ein Dokument tut, wenn es zwei Forderungen nebeneinander stellt und nur einer davon Zähne gibt.
Quellen. Crowley R, Beachy M, Carr P, for the Health and Public Policy Committee of the American College of Physicians. Public Policy Approaches to Addressing Adult Obesity: A Position Paper From the American College of Physicians. Annals of Internal Medicine, 4. August 2026, doi:10.7326/ANNALS-26-00864 (Volltext, frei). ACP-Pressemitteilung vom 3. August 2026, acponline.org. Emmerich SD, Fryar CD, Stierman B, Ogden CL. Obesity and severe obesity prevalence in adults: United States, August 2021 to August 2023. NCHS Data Brief Nr. 508, September 2024. G-BA: Meldung vom 21. März 2024 zu Wegovy und Pressemitteilung vom 16. November 2023 zum DMP Adipositas.

