Eine neue Schweizer Befragung liefert genau die Zahlen, die dicke Menschen seit Jahren einfordern. Fast zwei Drittel der Betroffenen berichten, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. Neun von zehn Befragten bestätigen abwertende Blicke im Alltag. Und die Hälfte der Bevölkerung hält starkes Übergewicht weiterhin für eine Frage von Lebensstil und Disziplin.
Auftraggeber der Studie ist Novo Nordisk, der Hersteller von Wegovy.
Das ist kein Skandal, und es ist kein Grund, die Zahlen wegzuwerfen. Es ist ein Grund, sie richtig zu lesen. Darum geht es hier.
Was das Adipositas-Barometer 2026 gemessen hat
Das Institut gfs.bern hat zwischen April und Mai 2026 zwei Gruppen befragt: 1.539 Personen der Schweizer Wohnbevölkerung ab 16 Jahren sowie 116 Ärztinnen und Ärzte (Hausarztmedizin plus Endokrinologie, Chirurgie, Gastroenterologie, Adipositas-Zentren). Die Ergebnisse stehen offen als «Cockpit» auf cockpit.gfsbern.ch.
Die Stigma-Befunde sind deutlich:
- 82 Prozent der Bevölkerung sagen, dass Menschen mit starkem Übergewicht in der Schweiz sehr stark oder eher stark stigmatisiert werden. In der Ärzteschaft sind es 97 Prozent.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (26 Prozent) und Typ-2-Diabetes (28 Prozent) liegen weit darunter. Psychische Erkrankungen (81 Prozent) und Suchterkrankungen (79 Prozent) liegen auf demselben Niveau wie Dicksein.
- 92 Prozent stimmen zu, dass dicke Menschen im Alltag häufig abwertende Blicke erleben. 82 Prozent attestieren ihnen Vorurteile auch durch Gesundheitsfachpersonen und im Berufsleben.
- Von den Befragten, die sich selbst als betroffen bezeichnen, berichten 64 Prozent, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. 72 Prozent sagen, Scham halte Betroffene davon ab, medizinische Hilfe zu suchen.
Und dann kommt der Teil, der die Studie wirklich interessant macht und nicht nur nützlich:
- 79 Prozent der Bevölkerung erkennen Adipositas als behandlungsbedürftige Krankheit an.
- 76 Prozent finden gleichzeitig, Betroffene trügen eine besondere Eigenverantwortung.
- 49 Prozent stimmen zu, starkes Übergewicht sei vor allem dem Lebensstil und mangelnder Disziplin geschuldet.
Der Krankheitsrahmen hat sich durchgesetzt, und die Schuldzuschreibung ist trotzdem nicht verschwunden. Beides gilt gleichzeitig, in derselben Bevölkerung, zum selben Zeitpunkt. Das ist der Befund, den man mitnehmen sollte.
Wer den Auftrag gegeben hat, und warum das zählt
Der Auftraggeber steht offen oben auf der Cockpit-Seite und noch einmal in der Methodenbox: Novo Nordisk. Keine Tarnstiftung, kein verschleiertes „unrestricted educational grant“. Die Offenlegung ist sauber, das gehört fairerweise dazu.
Offenlegung ist aber nicht dasselbe wie Neutralität. Novo Nordisk verkauft Semaglutid. Eine Studie, die belegt, dass Dicksein stigmatisiert, medizinisch unterversorgt und als Krankheit anerkannt ist, führt zu Schlussfolgerungen, die kommerziell nützlich sind. Das macht die Antworten nicht falsch. Es prägt, welche Fragen überhaupt gestellt wurden.
Die Markenfragen mitten in der Stigma-Befragung
Wer das Cockpit genau liest, findet etwas, das eine rein akademische Stigma-Studie keinen Grund hätte aufzunehmen.
Ein Abschnitt berichtet, wie die Befragten Novo Nordisk wahrnehmen: Unter denen, die Inhalte zum Unternehmen bemerkt hatten, bewerteten 17 Prozent diese positiv, 13 Prozent neutral, 14 Prozent negativ, und 42 Prozent gaben an, nichts Spezifisches zu Novo Nordisk gehört zu haben.
Ein weiterer Abschnitt sortiert Pharmaunternehmen danach, wie stark ihr Engagement beim Thema wahrgenommen wird. Novo Nordisk führt mit 43 Prozent, vor Roche (37 Prozent), AstraZeneca (28 Prozent) und Eli Lilly (21 Prozent).
Das ist Markentracking. Ein völlig übliches, legitimes Marktforschungsinstrument, eingebaut in denselben Fragebogen, der die Stigma-Zahlen erzeugt hat, die jetzt durch die Presse laufen. Wer die 64 Prozent zitiert, zitiert ein Instrument, das nebenbei erhoben hat, wie der Auftraggeber im Vergleich zur Konkurrenz dasteht.
Die Politikfrage, die dem Auftraggeber nützt
Die befragten Ärztinnen und Ärzte sollten einschätzen, wie wirksam verschiedene Maßnahmen wären. Unter den vorgelegten Optionen: „gelockerte Vergütungskriterien bei Medikamenten“. 76 Prozent hielten das für wirksam.
Die Zahl stimmt. Der Rahmen ist trotzdem bemerkenswert. Eine Befragung entdeckt nicht, dass Befragte lockerere Erstattungsregeln wollen. Sie legt die Option vor und zählt die Kreuze. Die Maßnahme, die den Markt des Auftraggebers am direktesten erweitern würde, stand als Listenpunkt zwischen „bessere Abbildung der Leistungen in den Tarifen“ und einem „nationalen Aktionsplan“.
Noch einmal: So funktioniert Auftragsforschung in jeder Branche. Zum Problem wird es erst, wenn die Zahl später zitiert wird, als hätten Ärztinnen und Ärzte diese Forderung von sich aus erhoben.
Was die Stichprobe trägt und was nicht
Die Methodenbox weist einen Stichprobenfehler von plus/minus 2,5 Prozentpunkten bei einer 50/50-Verteilung aus. Dieser Wert gilt für die Bevölkerungsstichprobe von 1.539 Personen.
Er gilt nicht für die Teilgruppe, aus der die meistzitierten Befunde stammen. 9 Prozent der Befragten bezeichnen sich selbst als betroffen. Das sind rund 139 Personen, und das Cockpit weist für diese Teilgruppe weder ein eigenes n noch einen eigenen Fehlerbereich aus. Die 64 Prozent Diskriminierungserfahrung, die 72 Prozent Scham, die 43 Prozent, für die Behandlungskosten eine große finanzielle Last sind: All das ruht auf dieser kleinen Teilgruppe.
Berichtenswert bleibt es. Aber nicht auf die Nachkommastelle, und nicht mit derselben Genauigkeit wie die Hauptzahlen. Wer diese Werte zitiert, sollte die Basis dazusagen. Die meiste Berichterstattung tut das nicht.
Das ist kein Einzelfall
Das Muster ist älter und größer als eine Schweizer Befragung. Auch die international am häufigsten zitierte Forschung zu Wahrnehmung und Versorgungshürden bei Adipositas hat denselben Auftraggeber.
ACTION-IO, die Elf-Länder-Befragung von Betroffenen und Behandelnden, 2019 in Diabetes, Obesity and Metabolism veröffentlicht, ist bei ClinicalTrials.gov unter NCT03584191 registriert. Hauptsponsor: Novo Nordisk A/S. Die US-Vorläuferstudie ACTION (NCT03223493) läuft ebenfalls auf dieses Unternehmen.
Aus diesen Studien stammen die viel wiederholten Zahlen dazu, wie selten dicke Menschen strukturierte Versorgung angeboten bekommen und wie selten Ärztinnen das Thema ansprechen. Sie sind, soweit wir das beurteilen können, methodisch sauber gemacht. Und sie sind ausnahmslos finanziert von einem Unternehmen, das genau die Behandlung verkauft, deren Fehlen die Studien belegen. Dieselbe Asymmetrie prägt, wer diese Mittel überhaupt bekommt. Das haben wir in Dick und arm: Die GLP-1-Zugangsschere bestraft doppelt und in Frankreich zahlt, Deutschland nicht untersucht.
Eine vergleichbar große, unabhängig finanzierte internationale Forschungsbasis haben wir nicht gefunden. Wenn es sie gibt, freuen wir uns über Hinweise. So oder so ist die Mühe, überhaupt eine zu finden, selbst ein Befund darüber, wer Wissen über dicke Menschen finanzieren darf.
Warum wir die Zahlen trotzdem benutzen
Die Alternative zum Zitieren von Auftragsforschung ist, gar nichts zu zitieren, weil es zu vielen dieser Fragen in dieser Größenordnung schlicht nichts anderes gibt. Die Daten abzulehnen erzeugt keine besseren Daten. Es erzeugt Stille, und Stille war noch nie auf unserer Seite.
Also benutzen wir sie, mit drei Regeln:
- Den Auftraggeber im selben Satz nennen wie die Zahl. Nicht in einer Fußnote, nicht am Schluss.
- Beschreibung und Politikschluss trennen. „Zwei Drittel der Betroffenen berichten Diskriminierung durch Gesundheitsfachpersonen“ ist eine Beschreibung. „Also müssen die Vergütungskriterien gelockert werden“ ist eine Schlussfolgerung, von der der Auftraggeber profitiert, und sie folgt nicht automatisch aus der Beschreibung.
- Die Basis nennen, auf der die Zahl ruht.
Und was niemand gefragt hat
Das Aufschlussreichste an einem Fragebogen ist meistens die Frage, die fehlt.
Das Adipositas-Barometer fragt ausführlich nach Behandlung: welche Therapien genutzt wurden, warum sie abgebrochen wurden, ob die Erstattung leichter werden sollte, ob interdisziplinäre Strukturen fehlen. In der Liste der Abbruchgründe steht „Zielgewicht erreicht“ als Endpunkt.
Nicht gefragt wird, ob Versorgung so organisiert werden könnte, dass dicke Menschen kompetent für das behandelt werden, weswegen sie eigentlich gekommen sind. Nicht gefragt wird, ob sich Stigma verringern ließe, indem man ändert, wie Praxen arbeiten, statt zu erweitern, was sie verschreiben. Nicht gefragt werden die Betroffenen, ob sie ihren Körper überhaupt behandelt haben wollen. Wie kompetente Versorgung stattdessen aussehen könnte, steht in unserem Leitfaden zur Suche nach gewichtssensibler Psychotherapie.
Diese Fragen wären beantwortbar. Sie sind nur nicht die Fragen, für deren Beantwortung ein Pharmaunternehmen einen Grund hat zu zahlen. Solange niemand sonst zahlt, werden sie weiter nicht gestellt, und die Evidenzlage wird weiter in eine Richtung zeigen, weil nur für diese eine Richtung jemand eine Karte gekauft hat.
Quellen, alle am 2. August 2026 an der Primärquelle gelesen: gfs.bern, „Adipositas Barometer 2026“, cockpit.gfsbern.ch, im Auftrag von Novo Nordisk, Befragungszeitraum April bis Mai 2026, N=1.539 Bevölkerung und N=116 Ärzteschaft, Projektnummer CH26OB00079_06/2026. ClinicalTrials.gov-Einträge NCT03584191 (ACTION-IO) und NCT03223493 (ACTION), Hauptsponsor Novo Nordisk A/S.
Hinweis: Die Studie bezieht sich auf die Schweiz, nicht auf Deutschland. Für Deutschland gibt es keine vergleichbare aktuelle Erhebung, die uns bekannt wäre. Hinweise nehmen wir gern entgegen.
Fatosphere veröffentlicht keine Diät- oder Abnehminhalte. Dieser Artikel berichtet darüber, wie Forschung über dicke Menschen finanziert und gerahmt wird. Er ist keine Empfehlung für oder gegen irgendeine Behandlung.

