Adipositas.Camp 2026: Deutschlands größtes Treffen dicker Menschen, und was sein Name verrät

Grafik: drei Torbögen nebeneinander, zwei davon leuchten, der dritte ist nur als gestrichelte Umrisslinie angedeutet und bleibt leer.

In acht Tagen findet in Frankfurt am Main die größte belegbare Zusammenkunft dicker Menschen in Deutschland statt. Sie dauert ein Wochenende, hat rund 30 Sessions, und das ermäßigte Ticket kostet 15 Euro. Sie heißt Adipositas.Camp.

Das ist zuerst eine gute Nachricht. Es gibt diesen Ort, er ist billig, er ist bundesweit, und er behandelt Stigmatisierung und Gewichtsdiskriminierung als eigenes Thema, nicht als Randnotiz. Es ist auch eine Nachricht über den Zustand des Landes: Wer in Deutschland offline andere dicke Menschen treffen will, hat im Wesentlichen zwei Türen. Die eine ist mit Krankheit beschriftet, die andere mit Partnersuche. Eine dritte, in der dicke Menschen einfach eine soziale Gruppe sind, existiert bundesweit praktisch nicht.

Was am 22. und 23. August in Frankfurt passiert

Das Adipositas.Camp 2026 läuft am Samstag, 22. August, von 10 Uhr bis Sonntag, 23. August, 16 Uhr, im Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2, 60439 Frankfurt am Main. Veranstalter ist die Adipositaschirurgie Selbsthilfe Deutschland e. V., kurz AcSD.

Die Ankündigung beschreibt es als Treffpunkt für Menschen, die mit Adipositas leben, und für Leiterinnen und Leiter von Selbsthilfegruppen aus ganz Deutschland. Angekündigt sind insgesamt 30 Sessions, teilweise parallel, organisiert von der Selbsthilfe selbst und mit Fachleuten dort, wo es hilft. Inhaltlich nennt der Veranstalter drei Spuren: die medizinische Perspektive samt praktischer Umsetzung von Therapien, Ernährung und Bewegung; vertiefende Workshops zu Ursachen und Wirkmechanismen; und, wörtlich, für „gesellschaftlich Interessierte“ die Themen Stigmatisierung, Diskriminierung und Gesundheitspolitik.

Die Preise, Stand heute:

  • Wochenende komplett: 29 Euro
  • Wochenende für Erstbesucherinnen („Neucamper“): 19 Euro
  • ganzer Samstag oder ganzer Sonntag: je 19 Euro
  • ermäßigtes Wochenendticket: 15 Euro, für Studierende und Bezieherinnen von Sozialleistungen, Nachweis beim Einlass

Angemeldet wird über ein Formular auf der Veranstaltungsseite, verbindlich, und bestätigt wird in der Reihenfolge des Geldeingangs, solange Plätze frei sind.

Zum Vergleich: Ein Wochenende mit 30 Sessions für 15 bis 29 Euro ist im deutschen Veranstaltungsbetrieb keine übliche Preislage. Das hier ist ehrenamtliche Arbeit, kein Kongressprodukt.

Der Name ist kein Zufall, und er ist der eigentliche Punkt

AcSD steht für Adipositaschirurgie Selbsthilfe Deutschland. Der Verein ist aus der Selbsthilfe nach bariatrischen Operationen entstanden, das Info-Portal der Website ist entsprechend aufgebaut: Magenband, Schlauchmagen, Roux-en-Y-Magenbypass, Magenballon, Risiken, Nachsorge, Urteile der Sozialgerichte, Leitlinien.

Das ist völlig konsistent mit dem Auftrag dieses Vereins. Und es prägt den Rahmen, in dem das Camp stattfindet. Die Camp-Ankündigung spricht von „dem Leben mit der Erkrankung“. Der erste inhaltliche Punkt der begleitenden Workshop-Reihe zu Gewichtsdiskriminierung lautet „Adipositas als Erkrankung“, danach kommt „Ordnung ins Begriffschaos“.

Das ist keine Kritik am Verein. AcSD macht die Arbeit, die sonst niemand in dieser Größe macht, und tut dabei mehr gegen Gewichtsdiskriminierung als die meisten Verbände mit größerem Budget: Es gibt eine eigene Workshop-Reihe dazu, mit Rollenspielen, Kommunikationsübungen und Handlungsoptionen, und es gibt Ermäßigungstickets, damit Geld nicht die Zugangshürde ist.

Die Frage ist nicht, was AcSD tut. Die Frage ist, warum es daneben nichts gibt.

Denn der Rahmen hat Folgen. Wer den Satz „ich bin krank“ nicht über sich sagen will oder kann, betritt diesen Raum mit einer Vorbedingung, die andere nicht mitbringen müssen. Für einen Teil der Leute ist das gleichgültig oder sogar hilfreich, weil Anerkennung als Krankheit in Deutschland handfeste Dinge auslöst, von der Kostenübernahme bis zur Ernsthaftigkeit, mit der man in der Praxis behandelt wird. Für einen anderen Teil ist es genau die Zuschreibung, gegen die sie ihr halbes Leben argumentieren. Diese Menschen treffen offline niemanden.

Was es sonst gibt

Wir haben nachgesehen, statt es zu behaupten. Drei Dinge existieren, keines schließt die Lücke.

Die Stammtische. Auf rubensfan.de, einer Singlebörse für mollige und übergewichtige Menschen, gibt es das lebendigste dicke Offline-Netz in Deutschland, das wir finden konnten. Im Forumsbereich „Treffen und Stammtische“ laufen fortlaufend echte Termine mit hohen Ordnungszahlen: der 30. Duisburger Stammtisch am 5. September 2026, der 121. und 123. Kölner Stammtisch, der 27. Mannheimer, der 4. Hamburger, das 10. Oberallgäuer Treffen, der 113. Stammtisch der Lindauer, dazu ein Spielestammtisch in Oberhausen mit Terminen im September, November und Dezember 2026. Das ist über Jahre gewachsene Infrastruktur, und sie ist offen. Sie ist aber auch das Nebenprodukt einer Dating-Plattform, deren Forum unter anderem eine Rubrik „Gewicht reduzieren“ führt. Ein Ort, an dem man sich als dicke Person politisch oder gesundheitspolitisch organisiert, ist das nicht, und will es nicht sein.

Die queeren Räume in Berlin. Es gibt sie, und sie waren die ersten. Die SIEGESSÄULE beschrieb am 22. Januar 2019 eine ganze Szene: das „Fat Queer Hang Out“ im Projektraum H48 in Neukölln, jeden zweiten Dienstag im Monat, die Reihe „Reframe Fat, Reclaim Movement“ bei xart splitta e. V., die „Fat Live, Die Yum“-Dinner, das Fat Cabaret im Ballhaus Berlin. Wichtig: Dieser Bericht ist sieben Jahre alt. Wir haben nicht verifiziert, welche dieser Formate 2026 noch laufen, und behaupten es deshalb auch nicht. Fest steht: Es waren lokale Berliner Angebote, teils sehr klein, teils an einzelne Personen gebunden. Wer in Bremen oder Chemnitz lebt, hatte davon nichts.

Der politische Verband. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e. V. in Berlin ist der einzige deutsche Verband, der dicke Menschen explizit als Menschenrechtsthema behandelt und nicht als Diagnose. Sie fordert die Aufnahme des Merkmals Körpergewicht in § 1 AGG, außerdem niedrigere Hürden dafür, dass kleine Organisationen als Antidiskriminierungsverband nach § 23 AGG anerkannt werden, und einen zusätzlichen Sitz im Beirat der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Der Lobbyregister-Eintrag des Bundestages zeigt aber auch die Größenordnung dieser Gegenstimme. Für das Geschäftsjahr 2023 nennt der Eintrag 39 Mitglieder, ausschließlich natürliche Personen, Aufwendungen für Interessenvertretung zwischen 1 und 10.000 Euro und 0,00 Vollzeitäquivalente dafür. Die eine größere öffentliche Zuwendung, 70.001 bis 80.000 Euro von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Programm respekt*land, war zweckgebunden für die Entwicklung einer Fortbildung, mit der Antidiskriminierungsberatungsstellen für das Thema Gewichtsdiskriminierung qualifiziert werden. Seit dem 24. Oktober 2025 führt das Register den Verband als früheren Interessenvertreter. Was das intern bedeutet, wissen wir nicht, und wir behaupten nichts darüber; im Register erscheint er jedenfalls nicht mehr als aktiver Interessenvertreter.

Ein Angebot dieses Verbands ist für Leserinnen dieses Textes das Naheliegendste, was es gerade gibt: eine kostenlose monatliche Online-Impulsveranstaltung als Vorgeschmack auf die Fortbildung. Belegt ist zum Beispiel der Termin am 23. Januar 2025, 18 bis 20 Uhr, „Gut behandelt? Gewichtsdiskriminierung in der Medizin“, kostenlos, Anmeldung per E-Mail an fortbildung@gewichtsdiskriminierung.de. Bemerkenswert daran ist der letzte Satz der Ankündigung: Nach dem Vortrag bleibt der Raum eine halbe Stunde länger offen, ausdrücklich für dicke und fette Menschen, die sich vernetzen wollen. Genau dieser halbstündige Rest ist in Deutschland das, was in den USA ein Verband mit Komitees und Jahresprogramm ist. Ob und wann die Reihe aktuell läuft, konnten wir heute nicht am Original prüfen; die Website war für uns nicht abrufbar. Die genannte Fortbildungsadresse ist der Weg, um zu fragen.

Die Lücke, in Zahlen

Ein bundesweites, gewichtsneutrales, nicht medizinisch gerahmtes und nicht auf Partnersuche ausgerichtetes Treffen dicker Menschen gibt es in Deutschland nach dieser Recherche nicht. Was es gibt, ist ein ehrenamtlicher Verein aus der Adipositaschirurgie mit 30 Sessions und Ermäßigungstickets, ein Dating-Forum mit hundertfünfzig Seiten Stammtischgeschichte, eine Berliner Szene mit unklarem aktuellem Stand und ein Verband mit 39 Mitgliedern und null Stellen.

Das erklärt eine Menge darüber, warum die deutsche Debatte über dicke Körper so verlässlich in medizinischen Bahnen verläuft. Wer keine Räume hat, hat keine Sprecherinnen. Wer keine Sprecherinnen hat, wird von Fachgesellschaften vertreten. Und Fachgesellschaften sprechen über Patienten.

Wenn Sie hingehen wollen

Das Camp ist in acht Tagen. Was wir heute, am 14. August 2026, an der Quelle gesehen haben:

  • Adipositas.Camp 2026, 22. August 10 Uhr bis 23. August 16 Uhr, Saalbau Titus-Forum, Walter-Möller-Platz 2, 60439 Frankfurt am Main. 15 bis 29 Euro, Anmeldeformular auf der Veranstaltungsseite.
  • 26. Adipositastag, 31. Oktober 2026, 10 bis 18 Uhr, Frankfurt und online. Programm laut Website noch offen. Tickets vor Ort zwischen 7,50 Euro für Erstbesucherinnen und 24 Euro für die VIP-Kategorie, online zwischen 7,50 und 24 Euro.
  • „Gewichtsdiskriminierung, Nein Danke! … on Tour“, die Workshop-Reihe. Regionalworkshops in Kleingruppen sind für Berlin, Bremen, Köln, Leipzig, Nürnberg und Saarbrücken angekündigt, laut Website ab September, samstags von 10 bis 16 Uhr, 29 Euro pro Termin, ermäßigt 15 Euro, Kombiticket mit der Masterclass 39 Euro.

Und jetzt der unangenehme Teil, den wir nicht verschweigen: Die Terminangaben dieser Reihe sind auf der Website nicht konsistent. Das Buchungsformular nennt bei zwei Städten konkrete Tage, Bremen den 13.9. und Saarbrücken den 27.9., beides ohne Jahr. Im Jahr 2026 fallen diese beiden Daten auf einen Sonntag, während der Text ausdrücklich Samstage ankündigt. Im Jahr 2025 waren beide Daten Samstage, und die Kampagnengrafik auf derselben Seite ist als Datei von 2025 hinterlegt. Ebenso nennt der Fließtext für die Masterclass „Sonntag 10. Mai“, während der Veranstaltungskalender desselben Vereins sie auf den 1. November 2026 legt.

Unser Schluss daraus, offen gelegt: Verlässlich datierbar für 2026 sind das Camp am 22. und 23. August, der Adipositastag am 31. Oktober und die Masterclass am 1. November. Die Städtetermine der Regionalworkshops würden wir vor jeder Reisebuchung telefonisch oder per Mail bestätigen lassen. Das ist keine Nachlässigkeit eines Vereins, dem man das vorwerfen müsste, sondern das übliche Ergebnis davon, dass eine ehrenamtliche Struktur eine Website pflegen muss, für die andere Organisationen Stellen haben.

Zum Schluss

In diesem Text geht es an keiner Stelle darum, ob irgendjemand weniger wiegen sollte. Er handelt davon, dass es in einem Land mit 83 Millionen Einwohnern genau ein bundesweites Wochenende gibt, an dem dicke Menschen einander begegnen können, und dass die Eintrittskarte dafür durch die Sprache der Krankheit führt. Wer diese Sprache annehmen kann, findet dort ein günstiges, ernst gemeintes, von Ehrenamtlichen gebautes Angebot. Wer sie nicht annehmen kann, findet in Deutschland gerade nichts Vergleichbares. Wer in der Zwischenzeit eine gewichtsneutrale Praxis sucht, findet bei uns die Anleitung dazu.

Dieser Text ist keine medizinische Beratung und keine Empfehlung für oder gegen eine Behandlung. Er beschreibt Veranstaltungen und ihren Rahmen.

Quellen

Alle Angaben zu Terminen und Preisen am 14. August 2026 an der Quelle geprüft.