Vom 23. bis 25. September 2026 richtet die Deutsche Adipositas-Gesellschaft ihren Jahreskongress auf dem Campus Griebnitzsee der Universität Potsdam aus. Wir haben das vollständige Online-Programm des Veranstalters am 13. September 2026 gelesen, Sitzung für Sitzung, und danach die Seiten des Kongresses zu Unterstützern und Industriesymposien. Dieser Artikel handelt nicht davon, was dort empfohlen wird. Er handelt davon, wie das Programm gebaut ist: wer es zusammenstellt, welche Räume wann wem gehören, und welche Wörter darin vorkommen.
Die Anlage
Der erste Tag trägt kein wissenschaftliches Programm. Am 23. September laufen acht Workshops in Seminarräumen, dazu ein Nachwuchstag für Early Career Scientists, ein Netzwerktreffen der Adipositasbündnisse sowie Vorstands- und Beiratssitzung der Fachgesellschaft. Die Registrierungsseite des Kongresses sagt das selbst: am 23. September nur zusätzlich buchbare beziehungsweise zertifizierte Workshops, das wissenschaftliche Programm am 24. und 25.
An diesen beiden Tagen laufen fünf Säle parallel. In den Hörsälen 05 bis 08 steht das Programm der Fachgesellschaft, in Hörsaal 02 der EASO COMs Summit des europäischen Dachverbands. Gezählt nach den Sessiontypen, die das Programm selbst vergibt:
- 21 Sitzungen vom Typ „Session“
- 3 Keynotes
- 6 Sitzungen des EASO-Summits
- 5 Postersessions
- 8 Workshops und 1 Nachwuchstag am ersten Tag
- 4 Industriesymposien und 1 EASO Industry Session
Insgesamt trägt das Programm 166 Einzelbeiträge mit eigenem Kalendereintrag, von der Keynote bis zum Poster.
Wer das Programm zusammenstellt
Das Programmkomitee besteht laut Programmseite aus vier Personen und der Nachwuchsgruppe der Fachgesellschaft: Tim Schulz und Heike Vogel vom DIfE, Robert Hauffe und Kongresspräsident André Kleinridders von der Universität Potsdam. Alle vier kommen also von zwei Einrichtungen am Kongressort.
Breiter wird es eine Ebene tiefer. Der Moderatorenindex des Online-Programms führt 44 Namen, darunter Vorsitzende aus Dänemark, Spanien, Israel, der Schweiz, Italien, Rumänien und der Türkei. Die inhaltliche Breite entsteht bei den Sitzungsvorsitzen, nicht bei der Programmplanung.
Die Pausen gehören der Industrie
Vier Industriesymposien stehen im Zeitplan. Zwei am Donnerstag, 12:00 bis 12:45, in Hörsaal 05 und Hörsaal 06. Zwei am Freitag, 13:15 bis 14:00, in denselben beiden Sälen. Beide Termine liegen in der Mittagspause. Hörsaal 05 ist der große Saal des Kongresses: Dort finden die Eröffnung, alle drei Keynotes und die Verabschiedung statt.
Der Veranstalter schreibt an drei Stellen denselben Satz: Die Symposien finden in den Pausen statt und sind nicht Teil des wissenschaftlichen Programms, die Inhalte kommen von den Unterstützern. Das ist eine saubere Kennzeichnung, und sie ist mehr, als viele Fachkongresse hinschreiben. Sie beschreibt allerdings nur die Programmlogik, nicht den Ablauf des Tages. Wer am Donnerstag um 11:45 aus der Keynote kommt und um 13:15 in der nächsten Sitzung sitzt, hat dazwischen die Wahl zwischen zwei Industrieveranstaltungen in den beiden größten Sälen oder keinem Programm.
Die Unterstützerseite nennt für die vier Symposien drei Unternehmen: Lilly mit zwei Symposien, Boehringer Ingelheim mit einem, Oviva mit einem. In den Programmen der vier Symposien stehen acht Personen namentlich als Vorsitzende oder Vortragende. Vier von ihnen tauchen auch im übrigen Kongressprogramm auf, als Sitzungsvorsitzende, als Vortragende im wissenschaftlichen Programm oder auf dem Nachwuchstag. Die Trennlinie verläuft also zwischen Programmpunkten, nicht zwischen Personen.
Insgesamt listet die Unterstützerseite 20 Logos, von Pharmaunternehmen über Medizintechnik und digitale Therapieanbieter bis zum Süßstoff-Verband. Die Seite nennt keine Beträge und keine Leistungen. Wir rechnen deshalb nichts aus. Was dokumentiert ist, ist die Zahl der Namen und die Zuordnung der vier Symposien.
Vier Fundstellen
Wir haben in den 44 Sitzungsseiten des Online-Programms nach der Zeichenfolge „tigmat“ gesucht, also nach Stigmatisierung in allen Wortformen, in Titeln wie in Abstracts. Sie kommt viermal vor, verteilt auf drei Sitzungen.
Einmal am Nachwuchstag am 23. September, dem Tag ohne wissenschaftliches Programm: „Stigmatisierung: Individuelle und strukturelle Folgen verstehen“, 10:30 Uhr, Melanie Bahlke und Martina Ernst. Dieselbe Namensschreibung steht 2018 in der Danksagung des DAG-Medienleitfadens, dort für die Adipositaschirurgie-Selbsthilfe Deutschland.
Zweimal in einer einzigen Sitzung des wissenschaftlichen Programms, „Psychosoziale Aspekte von Adipositas und assoziierter Essstörungen“, Donnerstag 13:15 bis 14:15 in Hörsaal 07: Petra Warschburger zu den langfristigen Auswirkungen von Gewichtsstigmatisierung, Claudia Luck-Sikorski zu gewichtsbedingter Stigmatisierung und intersektionalen Perspektiven. Fünf Beiträge in sechzig Minuten. Zur selben Zeit läuft in Hörsaal 05 die zweite Keynote.
Das vierte Vorkommen steht in einem Posterabstract, als Nebensatz über nicht-stigmatisierende Prävention.
Der Stichwort-Index des Online-Programms, über den sich der Kongress nach Themen durchsuchen ließe, ist leer. Er existiert als Seite und enthält keinen Eintrag.
Das Motto
Das Motto lautet: „Prävention und Therapie Hand in Hand: Adipositas bekämpfen durch bewusste Ernährung und innovative Therapie für eine gesunde Zukunft.“ Bekämpft wird darin nicht die Benachteiligung dicker Menschen, sondern ihr Körper. Das ist keine Unterstellung, es ist die Wortwahl des Veranstalters, und sie entspricht dem Rahmen der Fachgesellschaft, die Adipositas als chronische Erkrankung führt. Wer diesen Rahmen teilt, liest das Motto als Behandlungsauftrag. Wer ihn nicht teilt, liest es als Programm gegen eine Personengruppe. Der Satz lässt beides zu, und genau darin liegt sein Problem.
Bemerkenswert ist das, weil dieselbe Fachgesellschaft seit 2018 einen Medienleitfaden veröffentlicht. Er ist auf ihrer Startseite verlinkt und soll Medienschaffenden helfen, respektvoll zu berichten. Er benennt gewichtsbezogene Diskriminierung als Alltagserfahrung in allen Lebensbereichen, ausdrücklich auch im Gesundheitswesen, und fordert von Journalistinnen, gesellschaftliche Ursachen mitzudenken statt nur individuelle. Mitverfasst hat ihn Matthias Blüher, damals Präsident der Fachgesellschaft. Auf diesem Kongress leitet er die zweite Keynote, also die Sitzung, gegen die die einzige Stigma-Sitzung des wissenschaftlichen Programms angesetzt ist.
Der Leitfaden hat auch eine Stelle über uns. Zur Fat-Acceptance-Bewegung schreibt er, hinter ihr lägen im Einzelfall frustrierende Therapieversuche, weshalb viele Betroffene „irgendwann trotzig aufgeben“. Das ist die Haltung, gegen die diese Seite geschrieben ist. Eine Bewegung wird darin nicht als Position verstanden, sondern als Rest, der nach dem Scheitern übrig bleibt.
Was wir nicht sagen
Wir sagen nicht, dass dieser Kongress schlechter gebaut wäre als vergleichbare. Er kennzeichnet seine Industriesymposien, er legt seine Unterstützer offen, er nennt einen Ansprechpartner für Sponsoren. Vieles davon fehlt anderswo.
Wir sagen auch nichts über die Inhalte der Vorträge. Wir haben sie nicht gehört, und über Wirksamkeit von Behandlungen urteilen wir hier ohnehin nicht.
Was wir sagen, ist schmaler und überprüfbar: In einem Programm mit 166 Beiträgen über drei Tage steht die Stigmatisierung dicker Menschen viermal. Sie hat eine Stunde im wissenschaftlichen Programm, gegen die Keynote gelegt. Die Industrie hat vier Termine im größten Saal. Ein Programm ist eine Reihe von Entscheidungen darüber, was wie viel Platz bekommt, und diese Entscheidungen kann man nachzählen, ohne dabei gewesen zu sein.

