Body Neutrality statt Body Positivity? Was das medizinische Plädoyer übersieht

Ruhiges Morgen-Stillleben am Fenster: Tee, Strickpullover, offenes Buch, Pflanze

Wer die deutsche Fachdebatte über Gewicht verfolgt, stößt immer wieder auf dieselbe Empfehlung: weg von Body Positivity, hin zu Body Neutrality. Prominent gemacht haben sie die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) auf ihrem gemeinsamen Jahreskongress in Gera, das war 2023. Das Framing hält sich seitdem in Fachvorträgen, Gesundheitsjournalismus und Beratungskontexten.

Das Argument geht so: Body Positivity verlangt, den eigenen Körper zu lieben. Für viele Menschen ist diese Anforderung anstrengend bis entmutigend, gerade wenn sie mit ihrem Körper hadern. Body Neutrality senkt die Messlatte. Man muss den Körper weder lieben noch hassen, man würdigt ihn für das, was er leistet, nicht für sein Aussehen. Funktion statt Optik.

Die Fachleute, die das vertreten, sind keine Gegner. Ihre Beobachtung enthält etwas Wahres, und wer in der Fat Community je den Druck gespürt hat, Selbstliebe auf Kommando zu performen, kennt es: Wenn Körperliebe zur Hausaufgabe wird, kann Neutralität wie Erleichterung wirken.

Was am medizinischen Framing stimmt

Drei Punkte sind fair. Erstens: Der Druck, den eigenen Körper permanent zu feiern, ist real und trifft die am härtesten, die ohnehin kämpfen. Zweitens: Die Aufmerksamkeit vom Aussehen wegzulenken ist in einer optikbesessenen Kultur ein vernünftiger Zug. Drittens: Die Fachgesellschaften haben ausdrücklich anerkannt, dass Body Positivity eine verständliche Schutzreaktion auf verbreitete Stigmatisierung ist. Dieses Zugeständnis zählt, denn es räumt ein, dass das Stigma existiert.

Was es übersieht

Das Problem beginnt bei der Geschichte. Body Positivity ist im medizinischen Framing ein Wellness-Trend rund um Selbstliebe. Aber die Bewegung hat nicht als Wohlfühl-Hashtag angefangen. Sie kommt aus dem Fat-Liberation-Aktivismus der 1960er und 70er, einer politischen Bewegung gegen Diskriminierung in Medizin, Arbeitswelt und Öffentlichkeit. Ihr Kern war nie „alle müssen ihren Körper lieben“, sondern: Kein Körper darf weniger Rechte, Respekt und Versorgung bekommen.

Wer daraus eine Selbsthilfetechnik macht, kann sie anschließend durch eine bessere Selbsthilfetechnik ersetzen. Genau das tut das Neutrality-Argument. Es vergleicht zwei Bewältigungsstrategien und wählt die ruhigere. Aber Fat Acceptance war nie in erster Linie eine Bewältigungsstrategie, sondern eine Gerechtigkeitsfrage. Body Neutrality sagt nichts über das Bewerbungsgespräch, das ins Leere läuft, über die Ärztin, die jedes Symptom aufs Gewicht schiebt, über den Flugzeugsitz, den Versicherungstarif. Neutralität gegenüber dem eigenen Körper schützt nicht vor einer Gesellschaft, die alles andere als neutral auf ihn blickt.

Zweite Spannung: Dieselbe Mitteilung, die Neutralität empfiehlt, erklärt Adipositas zur chronischen, behandlungsbedürftigen Erkrankung. Man soll den eigenen Körper neutral betrachten, während die Medizin ihn als Pathologie betrachtet. Beides zugleich geht schwer. Ein Waffenstillstand mit dem eigenen Körper hält schlecht, wenn die Institutionen ringsum diesen Körper als wandelnde Diagnose beschreiben.

Und ein dritter Punkt, leicht zu übersehen: Entpolitisierung hat Nutznießer. Solange darüber geredet wird, welche innere Haltung Einzelne einnehmen sollen, wird nicht darüber geredet, wie lange Diskriminierungsbeschwerden dauern, ob Gewichtsstigma in der medizinischen Ausbildung vorkommt oder ob öffentliche Infrastruktur für dicke Körper gebaut ist. Die neutrale Variante ist bequem für alle, außer für die, die die politische gebraucht hätten.

Beides kann stimmen

Nichts davon macht Body Neutrality nutzlos. Als persönliche Praxis hilft sie vielen Menschen, auch vielen dicken Menschen. Nicht jeder Tag muss eine Feier sein, und den Körper für das zu schätzen, was er tut, ist eine gute Art, in ihm zu leben. Wenn Neutralität Ruhe gibt: nehmen.

Aber eine persönliche Praxis kann keine politische Bewegung ersetzen, und diese Ersetzung ist der Taschenspielertrick, auf den man achten sollte. Man kann dienstags Body Neutrality üben und mittwochs gegen Gewichtsdiskriminierung streiten. Das eine handelt davon, wie man sich fühlt. Das andere davon, was einem zusteht. Die Fachgesellschaften dürfen gern das Erste empfehlen. Das Zweite stand nie zu ihrer Disposition.

Quelle: DAG/DGESS-Pressemitteilung vom 28. September 2023.