Kategorie: Kultur & Medien

  • Wer bezahlt die Stigma-Studie? Das Adipositas-Barometer 2026 und sein Auftraggeber

    Wer bezahlt die Stigma-Studie? Das Adipositas-Barometer 2026 und sein Auftraggeber

    Eine neue Schweizer Befragung liefert genau die Zahlen, die dicke Menschen seit Jahren einfordern. Fast zwei Drittel der Betroffenen berichten, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. Neun von zehn Befragten bestätigen abwertende Blicke im Alltag. Und die Hälfte der Bevölkerung hält starkes Übergewicht weiterhin für eine Frage von Lebensstil und Disziplin.

    Auftraggeber der Studie ist Novo Nordisk, der Hersteller von Wegovy.

    Das ist kein Skandal, und es ist kein Grund, die Zahlen wegzuwerfen. Es ist ein Grund, sie richtig zu lesen. Darum geht es hier.

    Was das Adipositas-Barometer 2026 gemessen hat

    Das Institut gfs.bern hat zwischen April und Mai 2026 zwei Gruppen befragt: 1.539 Personen der Schweizer Wohnbevölkerung ab 16 Jahren sowie 116 Ärztinnen und Ärzte (Hausarztmedizin plus Endokrinologie, Chirurgie, Gastroenterologie, Adipositas-Zentren). Die Ergebnisse stehen offen als «Cockpit» auf cockpit.gfsbern.ch.

    Die Stigma-Befunde sind deutlich:

    • 82 Prozent der Bevölkerung sagen, dass Menschen mit starkem Übergewicht in der Schweiz sehr stark oder eher stark stigmatisiert werden. In der Ärzteschaft sind es 97 Prozent.
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (26 Prozent) und Typ-2-Diabetes (28 Prozent) liegen weit darunter. Psychische Erkrankungen (81 Prozent) und Suchterkrankungen (79 Prozent) liegen auf demselben Niveau wie Dicksein.
    • 92 Prozent stimmen zu, dass dicke Menschen im Alltag häufig abwertende Blicke erleben. 82 Prozent attestieren ihnen Vorurteile auch durch Gesundheitsfachpersonen und im Berufsleben.
    • Von den Befragten, die sich selbst als betroffen bezeichnen, berichten 64 Prozent, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. 72 Prozent sagen, Scham halte Betroffene davon ab, medizinische Hilfe zu suchen.

    Und dann kommt der Teil, der die Studie wirklich interessant macht und nicht nur nützlich:

    • 79 Prozent der Bevölkerung erkennen Adipositas als behandlungsbedürftige Krankheit an.
    • 76 Prozent finden gleichzeitig, Betroffene trügen eine besondere Eigenverantwortung.
    • 49 Prozent stimmen zu, starkes Übergewicht sei vor allem dem Lebensstil und mangelnder Disziplin geschuldet.

    Der Krankheitsrahmen hat sich durchgesetzt, und die Schuldzuschreibung ist trotzdem nicht verschwunden. Beides gilt gleichzeitig, in derselben Bevölkerung, zum selben Zeitpunkt. Das ist der Befund, den man mitnehmen sollte.

    Wer den Auftrag gegeben hat, und warum das zählt

    Der Auftraggeber steht offen oben auf der Cockpit-Seite und noch einmal in der Methodenbox: Novo Nordisk. Keine Tarnstiftung, kein verschleiertes „unrestricted educational grant“. Die Offenlegung ist sauber, das gehört fairerweise dazu.

    Offenlegung ist aber nicht dasselbe wie Neutralität. Novo Nordisk verkauft Semaglutid. Eine Studie, die belegt, dass Dicksein stigmatisiert, medizinisch unterversorgt und als Krankheit anerkannt ist, führt zu Schlussfolgerungen, die kommerziell nützlich sind. Das macht die Antworten nicht falsch. Es prägt, welche Fragen überhaupt gestellt wurden.

    Die Markenfragen mitten in der Stigma-Befragung

    Wer das Cockpit genau liest, findet etwas, das eine rein akademische Stigma-Studie keinen Grund hätte aufzunehmen.

    Ein Abschnitt berichtet, wie die Befragten Novo Nordisk wahrnehmen: Unter denen, die Inhalte zum Unternehmen bemerkt hatten, bewerteten 17 Prozent diese positiv, 13 Prozent neutral, 14 Prozent negativ, und 42 Prozent gaben an, nichts Spezifisches zu Novo Nordisk gehört zu haben.

    Ein weiterer Abschnitt sortiert Pharmaunternehmen danach, wie stark ihr Engagement beim Thema wahrgenommen wird. Novo Nordisk führt mit 43 Prozent, vor Roche (37 Prozent), AstraZeneca (28 Prozent) und Eli Lilly (21 Prozent).

    Das ist Markentracking. Ein völlig übliches, legitimes Marktforschungsinstrument, eingebaut in denselben Fragebogen, der die Stigma-Zahlen erzeugt hat, die jetzt durch die Presse laufen. Wer die 64 Prozent zitiert, zitiert ein Instrument, das nebenbei erhoben hat, wie der Auftraggeber im Vergleich zur Konkurrenz dasteht.

    Die Politikfrage, die dem Auftraggeber nützt

    Die befragten Ärztinnen und Ärzte sollten einschätzen, wie wirksam verschiedene Maßnahmen wären. Unter den vorgelegten Optionen: „gelockerte Vergütungskriterien bei Medikamenten“. 76 Prozent hielten das für wirksam.

    Die Zahl stimmt. Der Rahmen ist trotzdem bemerkenswert. Eine Befragung entdeckt nicht, dass Befragte lockerere Erstattungsregeln wollen. Sie legt die Option vor und zählt die Kreuze. Die Maßnahme, die den Markt des Auftraggebers am direktesten erweitern würde, stand als Listenpunkt zwischen „bessere Abbildung der Leistungen in den Tarifen“ und einem „nationalen Aktionsplan“.

    Noch einmal: So funktioniert Auftragsforschung in jeder Branche. Zum Problem wird es erst, wenn die Zahl später zitiert wird, als hätten Ärztinnen und Ärzte diese Forderung von sich aus erhoben.

    Was die Stichprobe trägt und was nicht

    Die Methodenbox weist einen Stichprobenfehler von plus/minus 2,5 Prozentpunkten bei einer 50/50-Verteilung aus. Dieser Wert gilt für die Bevölkerungsstichprobe von 1.539 Personen.

    Er gilt nicht für die Teilgruppe, aus der die meistzitierten Befunde stammen. 9 Prozent der Befragten bezeichnen sich selbst als betroffen. Das sind rund 139 Personen, und das Cockpit weist für diese Teilgruppe weder ein eigenes n noch einen eigenen Fehlerbereich aus. Die 64 Prozent Diskriminierungserfahrung, die 72 Prozent Scham, die 43 Prozent, für die Behandlungskosten eine große finanzielle Last sind: All das ruht auf dieser kleinen Teilgruppe.

    Berichtenswert bleibt es. Aber nicht auf die Nachkommastelle, und nicht mit derselben Genauigkeit wie die Hauptzahlen. Wer diese Werte zitiert, sollte die Basis dazusagen. Die meiste Berichterstattung tut das nicht.

    Das ist kein Einzelfall

    Das Muster ist älter und größer als eine Schweizer Befragung. Auch die international am häufigsten zitierte Forschung zu Wahrnehmung und Versorgungshürden bei Adipositas hat denselben Auftraggeber.

    ACTION-IO, die Elf-Länder-Befragung von Betroffenen und Behandelnden, 2019 in Diabetes, Obesity and Metabolism veröffentlicht, ist bei ClinicalTrials.gov unter NCT03584191 registriert. Hauptsponsor: Novo Nordisk A/S. Die US-Vorläuferstudie ACTION (NCT03223493) läuft ebenfalls auf dieses Unternehmen.

    Aus diesen Studien stammen die viel wiederholten Zahlen dazu, wie selten dicke Menschen strukturierte Versorgung angeboten bekommen und wie selten Ärztinnen das Thema ansprechen. Sie sind, soweit wir das beurteilen können, methodisch sauber gemacht. Und sie sind ausnahmslos finanziert von einem Unternehmen, das genau die Behandlung verkauft, deren Fehlen die Studien belegen. Dieselbe Asymmetrie prägt, wer diese Mittel überhaupt bekommt. Das haben wir in Dick und arm: Die GLP-1-Zugangsschere bestraft doppelt und in Frankreich zahlt, Deutschland nicht untersucht.

    Eine vergleichbar große, unabhängig finanzierte internationale Forschungsbasis haben wir nicht gefunden. Wenn es sie gibt, freuen wir uns über Hinweise. So oder so ist die Mühe, überhaupt eine zu finden, selbst ein Befund darüber, wer Wissen über dicke Menschen finanzieren darf.

    Warum wir die Zahlen trotzdem benutzen

    Die Alternative zum Zitieren von Auftragsforschung ist, gar nichts zu zitieren, weil es zu vielen dieser Fragen in dieser Größenordnung schlicht nichts anderes gibt. Die Daten abzulehnen erzeugt keine besseren Daten. Es erzeugt Stille, und Stille war noch nie auf unserer Seite.

    Also benutzen wir sie, mit drei Regeln:

    1. Den Auftraggeber im selben Satz nennen wie die Zahl. Nicht in einer Fußnote, nicht am Schluss.
    2. Beschreibung und Politikschluss trennen. „Zwei Drittel der Betroffenen berichten Diskriminierung durch Gesundheitsfachpersonen“ ist eine Beschreibung. „Also müssen die Vergütungskriterien gelockert werden“ ist eine Schlussfolgerung, von der der Auftraggeber profitiert, und sie folgt nicht automatisch aus der Beschreibung.
    3. Die Basis nennen, auf der die Zahl ruht.

    Und was niemand gefragt hat

    Das Aufschlussreichste an einem Fragebogen ist meistens die Frage, die fehlt.

    Das Adipositas-Barometer fragt ausführlich nach Behandlung: welche Therapien genutzt wurden, warum sie abgebrochen wurden, ob die Erstattung leichter werden sollte, ob interdisziplinäre Strukturen fehlen. In der Liste der Abbruchgründe steht „Zielgewicht erreicht“ als Endpunkt.

    Nicht gefragt wird, ob Versorgung so organisiert werden könnte, dass dicke Menschen kompetent für das behandelt werden, weswegen sie eigentlich gekommen sind. Nicht gefragt wird, ob sich Stigma verringern ließe, indem man ändert, wie Praxen arbeiten, statt zu erweitern, was sie verschreiben. Nicht gefragt werden die Betroffenen, ob sie ihren Körper überhaupt behandelt haben wollen. Wie kompetente Versorgung stattdessen aussehen könnte, steht in unserem Leitfaden zur Suche nach gewichtssensibler Psychotherapie.

    Diese Fragen wären beantwortbar. Sie sind nur nicht die Fragen, für deren Beantwortung ein Pharmaunternehmen einen Grund hat zu zahlen. Solange niemand sonst zahlt, werden sie weiter nicht gestellt, und die Evidenzlage wird weiter in eine Richtung zeigen, weil nur für diese eine Richtung jemand eine Karte gekauft hat.


    Quellen, alle am 2. August 2026 an der Primärquelle gelesen: gfs.bern, „Adipositas Barometer 2026“, cockpit.gfsbern.ch, im Auftrag von Novo Nordisk, Befragungszeitraum April bis Mai 2026, N=1.539 Bevölkerung und N=116 Ärzteschaft, Projektnummer CH26OB00079_06/2026. ClinicalTrials.gov-Einträge NCT03584191 (ACTION-IO) und NCT03223493 (ACTION), Hauptsponsor Novo Nordisk A/S.

    Hinweis: Die Studie bezieht sich auf die Schweiz, nicht auf Deutschland. Für Deutschland gibt es keine vergleichbare aktuelle Erhebung, die uns bekannt wäre. Hinweise nehmen wir gern entgegen.

    Fatosphere veröffentlicht keine Diät- oder Abnehminhalte. Dieser Artikel berichtet darüber, wie Forschung über dicke Menschen finanziert und gerahmt wird. Er ist keine Empfehlung für oder gegen irgendeine Behandlung.

  • Was ist der Fat Liberation Month? Herkunft, Termine und wie man mitmacht

    Was ist der Fat Liberation Month? Herkunft, Termine und wie man mitmacht

    Jeden August wird ein Teil des Internets laut, lila und feierlich unter dem Hashtag #FatLiberationMonth. Wer darüber gestolpert ist und sich gefragt hat, was das eigentlich ist: Hier steht, woher der Monat kommt, wer ihn organisiert, was darin passiert und wie man mitmacht, wenn man nicht in den USA lebt.

    Eines vorweg, weil es auf dieser Seite zählt: Der Fat Liberation Month ist keine Gesundheitskampagne, keine Aufklärungswoche über eine Krankheit und keine Vorher-Nachher-Geschichte. Er ist eine Feier, organisiert von dicken Menschen für dicke Menschen, und seine erklärte Prämisse lautet, dass dicke Menschen niemandem einen Besserungsplan schulden.

    Die Kurzfassung

    Der Fat Liberation Month läuft den ganzen August. Organisiert wird er von NAAFA, der National Association to Advance Fat Acceptance, die sich selbst als die am längsten bestehende Organisation für die Rechte dicker Menschen weltweit beschreibt. August 2026 ist die sechste Auflage.

    Es gibt keine Mitgliedschaftspflicht und keine Anmeldung. NAAFA hat ausdrücklich alle Menschen weltweit eingeladen, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen.

    Woher er kommt

    Die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich gut dokumentiert, weil NAAFA sie selbst aufgeschrieben hat.

    Im Herbst 2020 schrieb Clark Beltran einen Essay für den NAAFA-Blog über den Latino Heritage Month. Er beschrieb darin, was es für ihn als mexikanisch-amerikanischen Mann bedeutet, eine landesweite Feier seiner Herkunft zu haben, und als schwuler Mann den Pride Month, aber nichts Vergleichbares für seine Identität als dicker Mann. Er fragte, wo die entsprechende Feier für Menschen mit Größe bleibe.

    Der Essay lief über NAAFAs Social-Media-Kanäle. In der Diskussion darunter schlug die Aktivistin und Performerin Juane Tango vor, die dicke Community könne so eine Feier einfach selbst abhalten. Nach NAAFAs eigener Darstellung hat Tango die Organisation dabei nicht beauftragt und den Vorschlag schon früher gemacht, zusammen mit der Idee einer eigenen Flagge.

    Darliene Howell, damals Vorsitzende von NAAFA, und Tigress Osborn, damals designierte Nachfolgerin, brachten den Vorschlag in den Vorstand. Der gab ihn an sein Future-of-NAAFA-Komitee weiter, das die Details ausarbeitete. Der erste Fat Liberation Month startete im Mai 2021.

    Er wanderte fast sofort. Nach der ersten Auflage kam die Rückmeldung, der Mai passe schlecht, weil dort der Asian American and Pacific Islander Heritage Month liegt. Der Vorstand verlegte die Feier 2022 auf den August. Dort ist sie seitdem geblieben.

    Der Teil, den die meisten Texte weglassen

    NAAFA hat nicht behauptet, die Idee erfunden zu haben, sondern eine Liste derer veröffentlicht, die früher dran waren. Diese Liste ist es wert, wiederholt zu werden, denn eine Bewegung, die ihre Vorläufer nennt, tut etwas, das die Wellness-Industrie sich selten antut:

    • Denarii Grace (@writersdelite) veranstaltete 2019 und noch einmal 2021 einen Online-Fat-Acceptance-Month.
    • Karabelo Makale nutzte 2019 den Hashtag #fatacceptancemonth auf Instagram.
    • A Small Town Monarch (@femmina) begann im Januar 2020 mit #fatliberationmonth, laut NAAFA schlicht aus Erschöpfung darüber, wie der Januar üblicherweise abläuft, also aus Erschöpfung über die jährliche Diät-Vorsatz-Saison.
    • Dr. Victoria Reuveni (@drvixenne) war nach NAAFAs Darstellung die erste Person, die den Hashtag #fatliberationmonth auf Instagram verwendete, am 7. Januar 2020.
    • Luis Heredia plädierte 2017 in einem Meinungsbeitrag für die spanische Seite Hora Jaén für einen Día Orgullo Gordo, einen Fat-Pride-Tag.

    Das Januar-Detail ist das interessante. Der Hashtag entstand als Gegengewicht zum Diätdruck des Jahreswechsels. Die organisierte Fassung landete im August, also am gegenüberliegenden Ende des Kalenders von der Saison, in der der Druck am größten ist.

    Warum ausgerechnet NAAFA

    NAAFAs eigene Geschichte erklärt, warum der Monat so aussieht, wie er aussieht. Nach der Darstellung der Organisation wurde sie 1969 von Bill Fabrey gegründet, einem jungen Ingenieur in New York, der wütend darüber war, wie die Welt seine Frau Joyce behandelte. Er hatte einen Artikel von Lew Louderback in der Saturday Evening Post über Fettfeindlichkeit in der US-Kultur gelesen, kopierte ihn und verteilte ihn an alle, die er kannte. Mit Louderbacks Hilfe versammelte er eine kleine Gruppe und gründete die damalige National Association to Aid Fat Americans.

    Einer Gruppe kalifornischer Feministinnen war NAAFA nicht radikal genug. Sie gründeten die Fat Underground. Was NAAFA Fat Acceptance nannte, nannten sie Fat Liberation. 1973 veröffentlichten sie das Fat Liberation Manifesto, das gleiche Rechte für dicke Menschen in allen Lebensbereichen forderte und die Abnehmindustrie ausdrücklich als Gegnerin benannte.

    Diese Spaltung hört man dem Namen bis heute an. „Fat Liberation Month“ nutzt das radikalere der beiden Vokabulare, ausgerichtet von der Organisation, die ursprünglich das sanftere benutzte. Der Monat bittet nicht um Toleranz. Er behauptet ein Recht.

    Wer die längere Fassung dieser Geschichte will, samt der queeren und lesbisch-feministischen Organisierung, die die Bewegung durch ihr erstes Jahrzehnt trug, findet sie bei uns in Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen.

    Was in dem Monat tatsächlich passiert

    Das Programm besteht überwiegend aus Community-Veranstaltungen, meist online, damit man von überall teilnehmen kann. Die Auflage 2025 gibt ein brauchbares Bild vom Format: eine Auftaktparty, Sessions zu Bewegung und Stuhlgymnastik für dicke Körper, zu Sexualität, zu Schreiben, eine Interviewreihe „Fat Spotlight“, ein jährliches Quiz, eine Abschlussparty und eine virtuelle Auktion, die zugleich der Finanzierung dient.

    Der rote Faden ist das Fehlen eines Gesundheitsrahmens. Niemandem wird beigebracht, irgendetwas zu managen. Das ist der Zweck des Formats, kein Versäumnis.

    Politik kommt auch vor, meist eher durch zeitlichen Zufall als durch Planung. Minneapolis änderte 2025 seine Antidiskriminierungssatzung und verbot Diskriminierung wegen Körpergröße und Gewicht, dazu wegen Wohnungslosigkeit und wegen Vorstrafen. Der Stadtrat beschloss die Änderungen am 1. Mai 2025 einstimmig, Bürgermeister Jacob Frey unterzeichnete sie im selben Monat, in Kraft traten sie am 1. August 2025, also am ersten Tag des damaligen Fat Liberation Month. Wie viele US-Städte solche Regeln haben, berichten die Quellen unterschiedlich; jede konkrete Zählung ist mit Vorsicht zu genießen, die Daten zu Minneapolis stammen von der Stadt selbst.

    Wo 2026 gerade steht, Stand Ende Juli

    NAAFAs Seite zur sechsten Auflage ist online und bestätigt den August 2026, trägt aber mit Stand 30. Juli 2026 weder ein Programm noch ein Jahresthema. Es gibt Spenden- und Newsletter-Links sowie die Archive der Vorjahre, aber noch keine Veranstaltungsliste.

    Praktisch heißt das zweierlei. Wer dem offiziellen Programm folgen will, beobachtet naafa.org/flm2026 und den NAAFA-Newsletter in der ersten Augustwoche. Und wer auf einen Aufhänger gewartet hat: Den gibt es derzeit nicht. Was in den ersten Tagen des Monats passiert, kommt aus einzelnen Communitys, nicht aus einem zentralen Terminplan.

    Wie man von außerhalb der USA mitmacht

    Der Fat Liberation Month wird in den USA organisiert, und die meisten Termine laufen in US-Zeitzonen. Das ist eine echte Einschränkung, kein Detail zum Wegreden. Aber der Monat war bewusst als offenes Format angelegt, und NAAFA hat schriftlich festgehalten, die ganze Welt eingeladen zu haben, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen. Es gibt nichts beizutreten und niemanden um Erlaubnis zu fragen.

    Was sich gut übertragen lässt:

    • Den Hashtag auf den Plattformen nutzen, die man ohnehin nutzt. Der Sinn eines offenen Hashtags ist, dass er Aktivität bündelt, die keine Organisation hätte planen können.
    • Etwas Lokales und Kleines machen. Ein Kleidertausch in großen Größen, eine Lesegruppe, eine Schwimmzeit, ein Treffen. Das Programm 2025 bestand im Kern aus genau solchen Dingen, nur in Serie.
    • Online-Termine wahrnehmen, wo die Zeitzone es hergibt. Veranstaltungen am späten Nachmittag US-Pazifikzeit fallen mitten in die europäische Nacht, früher Abend US-Zentralzeit ist eher machbar.
    • Den Monat als Frist benutzen. Ein Aktionsmonat ist ein guter Vorwand für das, was man vor sich herschiebt: eine Marke anschreiben und nach ihrem Größenspektrum fragen, eine seit Monaten entworfene Beschwerde tatsächlich einreichen, die eigene Personalabteilung fragen, ob die Antidiskriminierungsrichtlinie Körpergröße und Gewicht überhaupt nennt.

    Was es in Deutschland nicht gibt

    Wir haben nach einer deutschen Entsprechung gesucht und keine gefunden: keinen etablierten deutschsprachigen Aktionsmonat, keine vergleichbare Struktur, keine Dachorganisation, die so etwas ausrichtet. Falls es etwas gibt, das wir übersehen haben, hören wir gern davon.

    Die Rechtslage ist ein Teil des Grundes, warum es weniger zu feiern gibt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) führt Körpergewicht nicht als geschütztes Merkmal. Ein Antrag, es unter anderen Merkmalen aufzunehmen, hatte im Juni 2026 seine erste Lesung im Bundestag (Drucksache 21/4538), eingebracht von einer Oppositionsfraktion; das ist ein Vorschlag, kein Gesetz. Bis sich das ändert, muss Gewichtsdiskriminierung in Deutschland weitgehend über andere Wege begründet werden. Welche das sind, steht bei uns in Wenn die Welt nicht für dich gebaut ist: Gewichtsdiskriminierung und was du tun kannst.

    Der andere Termin, den man kennen sollte

    Wenn der August vorbeigeht, ist der zweite feste Punkt im Kalender die Weight Stigma Awareness Week vom 8. bis 9. September 2026 unter dem Thema „The Power of Fat Joy“. Ausgerichtet wird sie von Dr. Wendy Oliver-Pyatt (Within Health) und Chevese Turner (The Body Equity Alliance).

    Ein Unterschied ist erwähnenswert: Within Health ist ein kommerzieller Anbieter für Essstörungsbehandlung. Das macht die Woche nicht weniger nützlich, und das Thema, also Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und das Recht, ohne Rechtfertigung freudvoll zu leben, steht klar in derselben Tradition. Aber das ist eine andere Art von Ausrichter als eine mitgliedergetragene Interessenvertretung, und es ist vernünftig, das im Blick zu behalten.

    In einem Satz

    Der August ist Fat Liberation Month. Es gibt ihn, weil ein dicker Mann 2020 gefragt hat, warum es für Menschen wie ihn keine Feier gibt, und weil genug Leute ihm zugestimmt und eine gebaut haben. Ohne Türsteher, ohne Eintritt und ohne angehängten Besserungsplan.

    Quellen: NAAFA, „Fat Liberation Month 2026“ (naafa.org/flm2026, abgerufen 30.07.2026); NAAFA, „History of Fat Liberation Month“ (naafa.org/2022-flm-history); NAAFA, „Fat Liberation Month 2025“ (naafa.org/flm2025); NAAFA, „NAAFA’s Origin Story & Fat Activism History“ (naafa.org/history); Weight Stigma Awareness Week 2026 (within-health.ce-go.com); Änderung der Antidiskriminierungssatzung von Minneapolis, in Kraft 01.08.2025, berichtet u. a. von Marketplace (01.08.2025) sowie mehreren arbeitsrechtlichen Analysen; Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4538, erste Lesung Juni 2026.

  • Der Rückzug der Größeninklusion: Wie „Mid-Size“ zum Feigenblatt der Mode wurde

    Der Rückzug der Größeninklusion: Wie „Mid-Size“ zum Feigenblatt der Mode wurde

    Ein paar Jahre lang schien die Mode entdeckt zu haben, dass auch dicke Menschen Kleidung tragen. Laufstege wurden breiter, Marken brachten größere Linien, und „Body Positivity“ wurde zur Marketingabteilung. Dieser Moment ist vorbei — und die Zahlen zum Rückzug sind brutal.

    Die Zahlen lügen nicht

    In den Schauen der Saison Herbst/Winter 2025/26 kamen Plus-Size-Models (ab US 14) auf gerade einmal 0,3 % aller Looks — nach 0,8 % in der Vorsaison. Straight-Size-Models (US 0–4) machten 97,7 % aus. Kurvige Sichtbarkeit ist nicht stehen geblieben, sie ist fast verschwunden.

    „Ich fürchte, diese Fashion Week könnte der steilste Absturz bisher sein.“ — Nadia Boujarwah, Mitgründerin und CEO von Dia&Co, die bereits 2023 davor warnte, als der Rückgang gerade erst begann.

    Auftritt „Mid-Size“, der bequeme Kompromiss

    In diese Lücke tritt eine aufgeräumtere Kategorie: Mid-Size, etwa US 6–12, mit 2 % der Looks. Mid-Size-Körper werden als „nahbar“ und „echt“ vermarktet, ohne je dick zu sein. Das ist Vielfalt, die man in eine Kampagne setzen kann, ohne jemanden zu erschrecken — ein Feigenblatt, mit dem eine Marke Inklusivität behauptet und zugleich genau die Menschen fallen lässt, die sie am meisten brauchten.

    Vom Laufsteg ins Regal

    Das ist nicht nur ein Catwalk-Problem. Was auf dem Laufsteg läuft, sagt voraus, was in den Läden landet — und Händler ziehen sich bereits zurück, fahren erweiterte Größen herunter und beerdigen Plus-Linien leise. Unsichtbarkeit auf dem Laufsteg heute wird morgen zur Umkleidekabinen-Wüste: weniger Größen, weniger Schnitte, dieselbe traurige Stange in der hinteren Ecke.

    Warum gerade jetzt

    Das Timing ist kein Zufall. In der Ozempic-Ära wird Schlankheit wieder als Ideal verkauft, und der Backlash gegen Body Positivity hat der Branche die Erlaubnis gegeben, das zu tun, was sie ohnehin wollte. „Inklusivität“ war für viele Marken ein Trend — und Trends enden.

    Fazit

    Dicke Menschen haben nicht aufgehört zu existieren, Geld zu haben oder Kleidung zu brauchen. Ein Markt, der einen ganzen Körpertyp wie eine vergehende Saison behandelt, verrät sich selbst. Die Aufgabe ist jetzt, sich zu merken, welche Marken es ernst meinten — und bei den anderen die Belege aufzuheben.

    Quellen & Weiterlesen

    Fatosphere hält eine rote Linie: Wir bewerben keine Diät- oder Abnehmprodukte und arbeiten nicht mit Vorher-Nachher-Logik. Dieser Text ist Berichterstattung, keine medizinische Beratung.

  • Body Neutrality statt Body Positivity? Was das medizinische Plädoyer übersieht

    Body Neutrality statt Body Positivity? Was das medizinische Plädoyer übersieht

    Wer die deutsche Fachdebatte über Gewicht verfolgt, stößt immer wieder auf dieselbe Empfehlung: weg von Body Positivity, hin zu Body Neutrality. Prominent gemacht haben sie die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) auf ihrem gemeinsamen Jahreskongress in Gera, das war 2023. Das Framing hält sich seitdem in Fachvorträgen, Gesundheitsjournalismus und Beratungskontexten.

    Das Argument geht so: Body Positivity verlangt, den eigenen Körper zu lieben. Für viele Menschen ist diese Anforderung anstrengend bis entmutigend, gerade wenn sie mit ihrem Körper hadern. Body Neutrality senkt die Messlatte. Man muss den Körper weder lieben noch hassen, man würdigt ihn für das, was er leistet, nicht für sein Aussehen. Funktion statt Optik.

    Die Fachleute, die das vertreten, sind keine Gegner. Ihre Beobachtung enthält etwas Wahres, und wer in der Fat Community je den Druck gespürt hat, Selbstliebe auf Kommando zu performen, kennt es: Wenn Körperliebe zur Hausaufgabe wird, kann Neutralität wie Erleichterung wirken.

    Was am medizinischen Framing stimmt

    Drei Punkte sind fair. Erstens: Der Druck, den eigenen Körper permanent zu feiern, ist real und trifft die am härtesten, die ohnehin kämpfen. Zweitens: Die Aufmerksamkeit vom Aussehen wegzulenken ist in einer optikbesessenen Kultur ein vernünftiger Zug. Drittens: Die Fachgesellschaften haben ausdrücklich anerkannt, dass Body Positivity eine verständliche Schutzreaktion auf verbreitete Stigmatisierung ist. Dieses Zugeständnis zählt, denn es räumt ein, dass das Stigma existiert.

    Was es übersieht

    Das Problem beginnt bei der Geschichte. Body Positivity ist im medizinischen Framing ein Wellness-Trend rund um Selbstliebe. Aber die Bewegung hat nicht als Wohlfühl-Hashtag angefangen. Sie kommt aus dem Fat-Liberation-Aktivismus der 1960er und 70er, einer politischen Bewegung gegen Diskriminierung in Medizin, Arbeitswelt und Öffentlichkeit. Ihr Kern war nie „alle müssen ihren Körper lieben“, sondern: Kein Körper darf weniger Rechte, Respekt und Versorgung bekommen.

    Wer daraus eine Selbsthilfetechnik macht, kann sie anschließend durch eine bessere Selbsthilfetechnik ersetzen. Genau das tut das Neutrality-Argument. Es vergleicht zwei Bewältigungsstrategien und wählt die ruhigere. Aber Fat Acceptance war nie in erster Linie eine Bewältigungsstrategie, sondern eine Gerechtigkeitsfrage. Body Neutrality sagt nichts über das Bewerbungsgespräch, das ins Leere läuft, über die Ärztin, die jedes Symptom aufs Gewicht schiebt, über den Flugzeugsitz, den Versicherungstarif. Neutralität gegenüber dem eigenen Körper schützt nicht vor einer Gesellschaft, die alles andere als neutral auf ihn blickt.

    Zweite Spannung: Dieselbe Mitteilung, die Neutralität empfiehlt, erklärt Adipositas zur chronischen, behandlungsbedürftigen Erkrankung. Man soll den eigenen Körper neutral betrachten, während die Medizin ihn als Pathologie betrachtet. Beides zugleich geht schwer. Ein Waffenstillstand mit dem eigenen Körper hält schlecht, wenn die Institutionen ringsum diesen Körper als wandelnde Diagnose beschreiben.

    Und ein dritter Punkt, leicht zu übersehen: Entpolitisierung hat Nutznießer. Solange darüber geredet wird, welche innere Haltung Einzelne einnehmen sollen, wird nicht darüber geredet, wie lange Diskriminierungsbeschwerden dauern, ob Gewichtsstigma in der medizinischen Ausbildung vorkommt oder ob öffentliche Infrastruktur für dicke Körper gebaut ist. Die neutrale Variante ist bequem für alle, außer für die, die die politische gebraucht hätten.

    Beides kann stimmen

    Nichts davon macht Body Neutrality nutzlos. Als persönliche Praxis hilft sie vielen Menschen, auch vielen dicken Menschen. Nicht jeder Tag muss eine Feier sein, und den Körper für das zu schätzen, was er tut, ist eine gute Art, in ihm zu leben. Wenn Neutralität Ruhe gibt: nehmen.

    Aber eine persönliche Praxis kann keine politische Bewegung ersetzen, und diese Ersetzung ist der Taschenspielertrick, auf den man achten sollte. Man kann dienstags Body Neutrality üben und mittwochs gegen Gewichtsdiskriminierung streiten. Das eine handelt davon, wie man sich fühlt. Das andere davon, was einem zusteht. Die Fachgesellschaften dürfen gern das Erste empfehlen. Das Zweite stand nie zu ihrer Disposition.

    Quelle: DAG/DGESS-Pressemitteilung vom 28. September 2023.