Gewichtsstigma im Gesundheitswesen steckt nicht nur in dem, was jemand sagt. Es steckt auch in einem Stuhl mit Armlehnen, die nicht passen, einem Kittel, den es nur in einer Größe gibt, einem Scanner, der die Patientin nicht aufnimmt, einer Wartezimmer-Sendung darüber, wie schlimm Adipositas sei. Ein britisches Forschungsteam hat jetzt veröffentlicht, wie es eine Checkliste für genau diese räumlichen und materiellen Seiten des Stigmas in NHS-Krankenhäusern entwickelt hat. Die Studie berichtet, wie die Checkliste entstand und was 69 Befragte und 18 Interviewte davon hielten. Ob die Checkliste wirkt, berichtet sie nicht.
Die Arbeit heißt „Addressing Weight Stigma in Healthcare Settings Using an Obesity Checklist: A Mixed-Method Development Study“, Autor:innen sind Giang T. Nguyen, Jade H. Thorne, Nicola Heslehurst und Kolleg:innen. Sie erschien am 17. Juni 2026 online in Obesity Facts (Open Access). Das Paper verwendet den Begriff „people living with obesity“ (PLwO), den ich bei der Beschreibung der Studie übernehme.
Wie die Checkliste entstand
Am Anfang stand eine Checkliste, die der Northumbria Healthcare NHS Foundation Trust intern als Qualitätsverbesserungsprojekt entwickelt hatte. Die Autor:innen sahen ihre lokale Herkunft als Grenze und erweiterten sie in drei Phasen.
In Phase 1 suchten sie in Google Scholar nach vorhandenen Checklisten und fanden vier weitere: eine von Alberta Health Services in Kanada, eine für ambulante Settings in den USA, eine von Obesity Canada (von der Association for the Study of Obesity on the Island of Ireland übernommen) und die europäischen Kriterien für adipositasmedizinische Spezialangebote. Eine Convergence-Coding-Matrix verglich die fünf Quellen auf Übereinstimmung, Ergänzung, Widerspruch und Lücken. Ein Widerspruch zum Beispiel: Bei der Gewichtsgrenze für Geräte waren sich die Quellen nicht einig. Die Wortwahl wurde an internationalen Konsenspapieren zur Sprache über Gewicht geprüft.
In Phase 2 gaben Fachkräfte, Forschende, Menschen mit Adipositas sowie Angehörige und Pflegende aus Großbritannien und der Republik Irland Rückmeldung. Rekrutiert wurde per Gelegenheitsstichprobe über Fach- und Patientennetzwerke und soziale Medien. Eine Online-Befragung lief im Februar und März 2025, danach folgten von Mai bis Juli 2025 Interviews über Microsoft Teams mit 25 bis 65 Minuten Dauer. Phase 3 überarbeitete die Checkliste und formulierte Empfehlungen zur Umsetzung.
Wer geantwortet hat
69 Personen beendeten die Befragung. 56 beantworteten den Zweig für Fachkräfte und Forschende, 22 den Zweig für Menschen mit Adipositas und Angehörige. Manche hatten mehrere Rollen, die Rollenzahlen im Paper überschneiden sich deshalb, ich nenne nur diese Summen. 18 Befragte wurden interviewt. Das Durchschnittsalter lag bei 47 Jahren in der Befragung und 48 in den Interviews, 84 beziehungsweise 82 Prozent waren Frauen, 82 beziehungsweise 83 Prozent lebten in England. Die Autor:innen nennen die Gruppengrößen „klein und heterogen“.
Die Ergebnisse
Die Checkliste deckt vier Bereiche ab: Lesematerial, Möbel, Ausstattung sowie Zugang und Infrastruktur. Beispiele aus dem Paper: Lesematerial ohne stigmatisierende Bilder oder Sprache, Sitzgelegenheiten mit und ohne Armlehnen, keine sichtbar abgetrennten „bariatrischen“ Sitze, passende Kittel und Blutdruckmanschetten, kurze Wege zu den Abteilungen.
Die meisten Prüfenden vermissten wenig. Über die vier Bereiche hinweg sagten 75 bis 85,7 Prozent der Fachkräfte und Forschenden, es fehle nichts Wichtiges, und 93 bis 100 Prozent, es müsse nichts gestrichen werden.
Patient:innen und Angehörige antworteten uneinheitlicher. Gefragt, ob eine solche Checkliste ihre eigene Krankenhauserfahrung verändert hätte, sagten bei Lesematerial und bei Zugang jeweils 59 Prozent, es hätte keinen Unterschied gemacht. Bei der Ausstattung sagten 55 Prozent, es wäre angenehmer gewesen, 46 Prozent sahen keinen Unterschied. Bei den Möbeln teilte es sich genau 50 zu 50. Je eine Person hielt es bei Lesematerial und bei Zugang für möglich, dass es unangenehmer geworden wäre. Die qualitativen Daten fielen positiver aus: Passende Ausstattung und achtsame Sprache ließen Teilnehmende sich „normal“ und respektiert fühlen.
Die Interviews beschreiben das Umgebungsproblem konkret. Eine interviewte Fachkraft, die Adipositas-Ambulanzen leitet, sagte, selbst dort seien passende Tische und Stühle schwer zu finden: „People are made to feel uncomfortable. People are made to feel unwelcome.“ Eine Fachkraft beschrieb, dass bei einem Patienten mit bariatrischem Stuhl der Angehörige mit ähnlichem Gewicht auf einem Standardstuhl sitzen muss und sich beide unwohl fühlen. Eine Patientin schilderte einen Kittel, den es nur in einer Größe gab, und dass sie stattdessen in OP-Kleidung dastand und „completely different from everybody else“ aussah.
Änderungen nach dem Feedback: In die endgültige Checkliste kamen unter anderem Lesematerial zur Komplexität von Adipositas, verstellbare Betten, Würde-Unterwäsche (dignity underwear), Hilfsmittel für den Alltag und Toilettenstühle.
Hindernisse laut Teilnehmenden: Finanzierung, Platz, veraltete Gebäude und tief sitzende Gewichtsvorurteile. Als Hilfen nannten sie Rückhalt im Management, Schulung und Fortbildung sowie Zertifizierungs- und Anerkennungsprogramme. Das Paper endet mit zwanzig Empfehlungen. Beispiele: eine benannte Person, die die Einhaltung prüft, ein Akkreditierungssystem, die Einbindung in Regulierung wie die CQC-Standards sowie Daten vor und nach der Einführung.
Genau gelesen
Die Checkliste ist ein Entwicklungsergebnis, keine evaluierte Maßnahme. Das Paper deckt Stufe 2 eines Fünf-Stufen-Rahmens ab (Inhalt und Gestaltung). Test und Validierung, Einführung und laufende Auswertung stehen noch aus. Die Autor:innen schreiben, es brauche Längsschnittstudien, um Wirksamkeit im Alltag und Effekte auf Patientenerfahrung und Stigma zu prüfen. Die Schlussfolgerung, die Checkliste „könne Krankenhäusern helfen“, ist deshalb eine Hypothese, die die Studie nicht geprüft hat.
Die Stichprobe ist klein, über Netzwerke und soziale Medien gewonnen und überwiegend englisch. Die Befragung lag vor den Interviews, was laut den Autor:innen die Gespräche auf die vier Bereiche gelenkt haben kann. Der Zweig für Patient:innen und Angehörige hatte nur 22 Antwortende, die 59 und 55 Prozent stützen sich also auf wenige Personen. Als Rangfolge dessen, was am wichtigsten ist, würde ich sie nicht lesen.
Finanziert hat die Studie der Northumbria Healthcare NHS Foundation Trust, der auch die ursprüngliche Checkliste entwickelt hat, zwei der Autorinnen haben sie entwickelt. Die Autor:innen erklären, keine Interessenkonflikte zu haben. Das ist gut zu wissen, aber kein Befund gegen die Studie.
Die Autor:innen nennen auch eine Grenze der Checkliste selbst: Teilnehmende betonten, dass Verhalten und Haltung des Personals Würde und Sicherheit prägen, und die Checkliste geht darauf nicht ein. Schulung und Kulturwandel müssen hinzukommen. Dazu siehe unseren Artikel zum AIHTA-Bericht über Schulungen und die spanische Befragung von Gesundheitsfachkräften. Diese Studie handelt von der physischen und gedruckten Umgebung.
Dieser Artikel berichtet, wie eine Checkliste gebaut und aufgenommen wurde. Er bewertet keine Behandlung und keine gewichtsbezogene Intervention.
Warum das hierher gehört
Stigmaforschung misst oft Einstellungen. Diese Arbeit schaut auf Möbel, Kittel und Broschüren und fragt Patient:innen und Personal, was sie ändern würden. Die Antworten sind konkret und prüfbar, das macht eine Checkliste nützlich, und das Paper sagt offen, dass noch niemand gemessen hat, ob ihre Anwendung etwas verändert. Für britische Krankenhäuser nennt es als nächsten Schritt die Validierung. Für Deutschland und die USA sagen die Daten nichts: Die Stichprobe stammt aus dem Vereinigten Königreich und Irland, und die Autor:innen schreiben, dass eine Übertragung auf andere Systeme Anpassungen bräuchte.
Quelle: Nguyen GT, Thorne JH, Goodlet S, Davies L, Combet Aspray E, Papamargaritis D, Miras AD, Le Brocq S, Cooke S, Harland J, Heslehurst N. „Addressing Weight Stigma in Healthcare Settings Using an Obesity Checklist: A Mixed-Method Development Study.“ Obesity Facts, online vor Drucklegung 17. Juni 2026, doi.org/10.1159/000552921 (PMC13432955). Volltext gelesen am 3. Oktober 2026.

