Deutschland zählt Essstörungen genau. Aber nur die, die dünn machen.

Neun gleich grosse Felder in zwei Reihen: acht ausgefuellt in Dunkelviolett, das neunte nur als gestrichelte pinke Umrisslinie, also leer

Am 11. August 2026 hat das Statistische Bundesamt seine Zahl der Woche veröffentlicht. Sie handelt von Essstörungen, und sie ist präzise: 12.400 stationäre Behandlungsfälle im Jahr 2024, 2,2 Prozent mehr als 2023, 8,0 Prozent mehr als 2004. 92,9 Prozent der Behandelten waren Frauen. Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren stellten 48,1 Prozent aller Fälle, gegenüber 24,9 Prozent im Jahr 2004. In absoluten Zahlen: von gut 2.800 auf knapp 6.000.

Das ist eine amtliche Zahl. Sie kommt jährlich, sie ist nach Alter und Geschlecht aufgeschlüsselt, sie reicht in der Datenbank Genesis bis ins Jahr 2000 zurück. Für unser Thema ist das ungewöhnlich. In den meisten Fragen, die dieses Magazin stellt, gibt es für Deutschland keine amtliche Zahl, sondern Schätzungen, Umfragen und Verweise auf US-Studien.

Umso genauer lohnt der Blick darauf, was diese Zahl misst und was sie nicht misst.

Was da gezählt wird

Die Krankenhausdiagnosestatistik zählt Behandlungsfälle, keine Personen. Wer im selben Jahr zweimal mit derselben Hauptdiagnose stationär behandelt wird, steht zweimal in der Statistik. Das Bundesamt schreibt das in seinem methodischen Hinweis ausdrücklich hin. Wer die Zahl als „6.000 Mädchen“ wiedergibt, gibt sie falsch wieder.

Gezählt wird außerdem nur, wer im Krankenhaus landet. Stationäre Behandlungsfälle sind kein Maß für Erkrankungshäufigkeit, sondern ein Maß für Erkrankungshäufigkeit mal Zuweisungswege mal Aufnahmeschwellen mal verfügbare Betten. Steigt die Zahl, kann das an mehr Erkrankungen liegen, an einer aufmerksameren Diagnosepraxis, an ausgebauten kinder- und jugendpsychiatrischen Kapazitäten oder daran, dass ambulante Angebote fehlen und der stationäre Weg deshalb häufiger gewählt wird. Aus der Statistik allein lässt sich nicht entscheiden, welcher Anteil auf welchen Faktor entfällt.

Und ein Satz, den man in dieser Woche mehrfach gelesen hat und der so nicht belegt ist: Dass der aktuelle Dünnheits-Backlash in Mode und sozialen Medien diese Klinikzahlen erzeugt hätte. Der Anstieg läuft über zwanzig Jahre. Eine Kausalkette von einem Trend der letzten zwei Jahre zu einer Zeitreihe seit 2004 lässt sich mit dieser Statistik nicht ziehen. Wir ziehen sie nicht.

Wir haben die Rohdaten in Genesis nachgerechnet, Tabelle 23131-0002, Berichtsjahr 2024, Hauptdiagnose ICD-10 F50. Ergebnis: 11.500 weibliche und 878 männliche Behandlungsfälle, zusammen 12.378, gerundet die 12.400 der Pressemitteilung. Bei den Mädchen entfallen 2.602 Fälle auf die Altersgruppe 10 bis unter 15 und 3.358 auf 15 bis unter 18, zusammen 5.960, also die „knapp 6.000“. Bei den Jungen derselben Altersspanne sind es 183 und 155, zusammen 338. Die Zahlen der Pressemitteilung sind sauber.

Der Schlüssel entscheidet, was existiert

Essstörungen laufen in der Statistik unter der Diagnosegruppe F50 der ICD-10-GM, der deutschen Fassung des Diagnoseschlüssels. Diese Gruppe hat acht Einträge: Anorexia nervosa in drei Ausprägungen, atypische Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, atypische Bulimia nervosa, Essattacken bei anderen psychischen Störungen, Erbrechen bei anderen psychischen Störungen, sonstige Essstörungen und Essstörung, nicht näher bezeichnet.

Einen eigenen Eintrag für die Binge-Eating-Störung gibt es nicht.

Das ist kein Versehen und kein Streitpunkt, es steht so im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, das die ICD-10-GM herausgibt. Die Binge-Eating-Störung ist erst in der ICD-11 als eigenständige Diagnose gelistet, dort unter 6B82. Deutschland rechnet im Krankenhaus weiter nach ICD-10-GM ab; das BfArM veröffentlicht die Fassung für 2026.

Praktisch heißt das: Wer mit einer Binge-Eating-Störung stationär behandelt wird, erscheint in der Statistik nicht als solche, sondern in einer der Restkategorien oder gar nicht in F50. Die Frage „Wie viele Menschen werden in Deutschland wegen einer Binge-Eating-Störung im Krankenhaus behandelt“ hat keine amtliche Antwort, weil der Schlüssel die Diagnose nicht kennt.

Ein zweiter Eintrag im selben Verzeichnis ist ebenso aufschlussreich. Bei der Ziffer für Essattacken bei anderen psychischen Störungen steht ein ausdrücklicher Ausschluss: Übergewicht, zu verschlüsseln unter E66. Der dicke Körper ist im Diagnoseschlüssel vorgesehen. Nur eben nicht im Kapitel für psychische Störungen, sondern im Kapitel für Stoffwechselkrankheiten.

Was die Zahlen dann zeigen

Die häufigste Diagnose war 2024 mit 9.000 Behandlungsfällen die Anorexia nervosa, vor der Bulimia nervosa mit 1.300. Das sind zusammen 10.300 von 12.400, also gut 83 Prozent. Die restlichen rund 2.100 Fälle verteilen sich auf die atypischen Formen und die Restkategorien.

Anders gesagt: Die deutsche Essstörungsstatistik ist ganz überwiegend eine Statistik über zwei Diagnosen, die beide über Gewichtsverlust und Gewichtskontrolle definiert sind. Sie ist damit nicht falsch. Sie ist nur nicht das, wofür sie gelesen wird, nämlich ein Bild vom gestörten Verhältnis zum Essen in Deutschland.

Das ist keine Kleinigkeit für dicke Menschen. Wenn die einzige belastbare Zahl zu Essstörungen fast ausschließlich Diagnosen erfasst, die einen dünnen oder aktiv gewichtsreduzierenden Körper voraussetzen, dann taucht das gestörte Essverhalten dicker Menschen in der amtlichen Statistik systematisch nicht auf. Es fehlt in der Pressemitteilung, es fehlt in den Schlagzeilen, die daraus gemacht werden, und es fehlt in den Debatten, die sich auf diese Schlagzeilen stützen.

Dasselbe Muster, zwei Merkmale

Diesen Mechanismus haben wir gestern schon beschrieben, nur an anderer Stelle. Die größte deutsche Diskriminierungsstudie hat Körpergewicht nie als Merkmal erhoben, weil das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz es nicht kennt. Also fehlen die Daten. Also fehlt das Argument, es ins Gesetz aufzunehmen. Ein geschlossener Kreis.

Bei den Essstörungen läuft es parallel, nur über den Diagnoseschlüssel statt über das Gesetz. Was im Schlüssel steht, wird gezählt. Was gezählt wird, kommt in die Pressemitteilung. Was in der Pressemitteilung steht, wird zum öffentlichen Bild. Und was nicht im Schlüssel steht, existiert für diese Kette nicht.

Deutschland hat also in beiden Fällen keine Datenlücke im Sinne eines Versehens. Es hat eine Definitionslücke, aus der eine Datenlücke folgt. Der Unterschied ist wichtig, weil er sagt, wo man ansetzen müsste: nicht bei besserer Erhebung, sondern bei der Kategorie davor.

Was wir daraus nicht machen

Kein Vorwurf an das Statistische Bundesamt. Es zählt korrekt, was der Schlüssel vorgibt, und es schreibt seine Methodik offen hin, mitsamt dem Hinweis auf die Mehrfachzählung. Kein Vorwurf an die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung, die diese Fälle behandelt. Und ausdrücklich keine Aussage darüber, wie verbreitet welche Essstörung in Deutschland tatsächlich ist. Genau das lässt sich aus dieser Quelle nicht sagen, und das ist der Punkt.

Was bleibt, ist eine Beobachtung, die man beim nächsten Mal parat haben sollte, wenn diese Zahl wieder durch die Nachrichten geht: Sie ist echt, sie ist gut gemacht, und sie beschreibt einen Ausschnitt, dessen Ränder vor Jahrzehnten in einem Klassifikationsverzeichnis gezogen wurden.


Wenn Sie selbst betroffen sind: Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, früher BZgA) betreibt ein kostenfreies Beratungstelefon zu Essstörungen unter 0221 89 20 31, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Es fallen nur die üblichen Telefongebühren an. Beratung per E-Mail gibt es unter essstoerung@bioeg.de.


Quellen

  • Statistisches Bundesamt, Zahl der Woche Nr. 33 vom 11. August 2026: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2026/PD26_33_p002.html
  • Genesis-Online, Tabelle 23131-0002, Diagnosen der Krankenhauspatienten, Berichtsjahr 2024, ICD-10 F50: https://genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/23131/table/23131-0002
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, ICD-10-GM Version 2024, Gruppe F50-F59: https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2024/block-f50-f59.htm
  • Martina de Zwaan, ICD-11: Veränderungen im Bereich der Essstörungen, Verhaltenstherapie 34 (2024), Heft 3-4, S. 139-146, DOI 10.1159/000542466: https://karger.com/ver/article/34/3-4/139/918978/ICD-11-Veranderungen-im-Bereich-der-Essstorungen
  • BIÖG, Beratungstelefon Essstörungen: https://www.bioeg.de/service/infotelefone/essstoerungen/