Jeden August wird ein Teil des Internets laut, lila und feierlich unter dem Hashtag #FatLiberationMonth. Wer darüber gestolpert ist und sich gefragt hat, was das eigentlich ist: Hier steht, woher der Monat kommt, wer ihn organisiert, was darin passiert und wie man mitmacht, wenn man nicht in den USA lebt.
Eines vorweg, weil es auf dieser Seite zählt: Der Fat Liberation Month ist keine Gesundheitskampagne, keine Aufklärungswoche über eine Krankheit und keine Vorher-Nachher-Geschichte. Er ist eine Feier, organisiert von dicken Menschen für dicke Menschen, und seine erklärte Prämisse lautet, dass dicke Menschen niemandem einen Besserungsplan schulden.
Die Kurzfassung
Der Fat Liberation Month läuft den ganzen August. Organisiert wird er von NAAFA, der National Association to Advance Fat Acceptance, die sich selbst als die am längsten bestehende Organisation für die Rechte dicker Menschen weltweit beschreibt. August 2026 ist die sechste Auflage.
Es gibt keine Mitgliedschaftspflicht und keine Anmeldung. NAAFA hat ausdrücklich alle Menschen weltweit eingeladen, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen.
Woher er kommt
Die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich gut dokumentiert, weil NAAFA sie selbst aufgeschrieben hat.
Im Herbst 2020 schrieb Clark Beltran einen Essay für den NAAFA-Blog über den Latino Heritage Month. Er beschrieb darin, was es für ihn als mexikanisch-amerikanischen Mann bedeutet, eine landesweite Feier seiner Herkunft zu haben, und als schwuler Mann den Pride Month, aber nichts Vergleichbares für seine Identität als dicker Mann. Er fragte, wo die entsprechende Feier für Menschen mit Größe bleibe.
Der Essay lief über NAAFAs Social-Media-Kanäle. In der Diskussion darunter schlug die Aktivistin und Performerin Juane Tango vor, die dicke Community könne so eine Feier einfach selbst abhalten. Nach NAAFAs eigener Darstellung hat Tango die Organisation dabei nicht beauftragt und den Vorschlag schon früher gemacht, zusammen mit der Idee einer eigenen Flagge.
Darliene Howell, damals Vorsitzende von NAAFA, und Tigress Osborn, damals designierte Nachfolgerin, brachten den Vorschlag in den Vorstand. Der gab ihn an sein Future-of-NAAFA-Komitee weiter, das die Details ausarbeitete. Der erste Fat Liberation Month startete im Mai 2021.
Er wanderte fast sofort. Nach der ersten Auflage kam die Rückmeldung, der Mai passe schlecht, weil dort der Asian American and Pacific Islander Heritage Month liegt. Der Vorstand verlegte die Feier 2022 auf den August. Dort ist sie seitdem geblieben.
Der Teil, den die meisten Texte weglassen
NAAFA hat nicht behauptet, die Idee erfunden zu haben, sondern eine Liste derer veröffentlicht, die früher dran waren. Diese Liste ist es wert, wiederholt zu werden, denn eine Bewegung, die ihre Vorläufer nennt, tut etwas, das die Wellness-Industrie sich selten antut:
- Denarii Grace (@writersdelite) veranstaltete 2019 und noch einmal 2021 einen Online-Fat-Acceptance-Month.
- Karabelo Makale nutzte 2019 den Hashtag #fatacceptancemonth auf Instagram.
- A Small Town Monarch (@femmina) begann im Januar 2020 mit #fatliberationmonth, laut NAAFA schlicht aus Erschöpfung darüber, wie der Januar üblicherweise abläuft, also aus Erschöpfung über die jährliche Diät-Vorsatz-Saison.
- Dr. Victoria Reuveni (@drvixenne) war nach NAAFAs Darstellung die erste Person, die den Hashtag #fatliberationmonth auf Instagram verwendete, am 7. Januar 2020.
- Luis Heredia plädierte 2017 in einem Meinungsbeitrag für die spanische Seite Hora Jaén für einen Día Orgullo Gordo, einen Fat-Pride-Tag.
Das Januar-Detail ist das interessante. Der Hashtag entstand als Gegengewicht zum Diätdruck des Jahreswechsels. Die organisierte Fassung landete im August, also am gegenüberliegenden Ende des Kalenders von der Saison, in der der Druck am größten ist.
Warum ausgerechnet NAAFA
NAAFAs eigene Geschichte erklärt, warum der Monat so aussieht, wie er aussieht. Nach der Darstellung der Organisation wurde sie 1969 von Bill Fabrey gegründet, einem jungen Ingenieur in New York, der wütend darüber war, wie die Welt seine Frau Joyce behandelte. Er hatte einen Artikel von Lew Louderback in der Saturday Evening Post über Fettfeindlichkeit in der US-Kultur gelesen, kopierte ihn und verteilte ihn an alle, die er kannte. Mit Louderbacks Hilfe versammelte er eine kleine Gruppe und gründete die damalige National Association to Aid Fat Americans.
Einer Gruppe kalifornischer Feministinnen war NAAFA nicht radikal genug. Sie gründeten die Fat Underground. Was NAAFA Fat Acceptance nannte, nannten sie Fat Liberation. 1973 veröffentlichten sie das Fat Liberation Manifesto, das gleiche Rechte für dicke Menschen in allen Lebensbereichen forderte und die Abnehmindustrie ausdrücklich als Gegnerin benannte.
Diese Spaltung hört man dem Namen bis heute an. „Fat Liberation Month“ nutzt das radikalere der beiden Vokabulare, ausgerichtet von der Organisation, die ursprünglich das sanftere benutzte. Der Monat bittet nicht um Toleranz. Er behauptet ein Recht.
Wer die längere Fassung dieser Geschichte will, samt der queeren und lesbisch-feministischen Organisierung, die die Bewegung durch ihr erstes Jahrzehnt trug, findet sie bei uns in Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen.
Was in dem Monat tatsächlich passiert
Das Programm besteht überwiegend aus Community-Veranstaltungen, meist online, damit man von überall teilnehmen kann. Die Auflage 2025 gibt ein brauchbares Bild vom Format: eine Auftaktparty, Sessions zu Bewegung und Stuhlgymnastik für dicke Körper, zu Sexualität, zu Schreiben, eine Interviewreihe „Fat Spotlight“, ein jährliches Quiz, eine Abschlussparty und eine virtuelle Auktion, die zugleich der Finanzierung dient.
Der rote Faden ist das Fehlen eines Gesundheitsrahmens. Niemandem wird beigebracht, irgendetwas zu managen. Das ist der Zweck des Formats, kein Versäumnis.
Politik kommt auch vor, meist eher durch zeitlichen Zufall als durch Planung. Minneapolis änderte 2025 seine Antidiskriminierungssatzung und verbot Diskriminierung wegen Körpergröße und Gewicht, dazu wegen Wohnungslosigkeit und wegen Vorstrafen. Der Stadtrat beschloss die Änderungen am 1. Mai 2025 einstimmig, Bürgermeister Jacob Frey unterzeichnete sie im selben Monat, in Kraft traten sie am 1. August 2025, also am ersten Tag des damaligen Fat Liberation Month. Wie viele US-Städte solche Regeln haben, berichten die Quellen unterschiedlich; jede konkrete Zählung ist mit Vorsicht zu genießen, die Daten zu Minneapolis stammen von der Stadt selbst.
Wo 2026 gerade steht, Stand Ende Juli
NAAFAs Seite zur sechsten Auflage ist online und bestätigt den August 2026, trägt aber mit Stand 30. Juli 2026 weder ein Programm noch ein Jahresthema. Es gibt Spenden- und Newsletter-Links sowie die Archive der Vorjahre, aber noch keine Veranstaltungsliste.
Praktisch heißt das zweierlei. Wer dem offiziellen Programm folgen will, beobachtet naafa.org/flm2026 und den NAAFA-Newsletter in der ersten Augustwoche. Und wer auf einen Aufhänger gewartet hat: Den gibt es derzeit nicht. Was in den ersten Tagen des Monats passiert, kommt aus einzelnen Communitys, nicht aus einem zentralen Terminplan.
Wie man von außerhalb der USA mitmacht
Der Fat Liberation Month wird in den USA organisiert, und die meisten Termine laufen in US-Zeitzonen. Das ist eine echte Einschränkung, kein Detail zum Wegreden. Aber der Monat war bewusst als offenes Format angelegt, und NAAFA hat schriftlich festgehalten, die ganze Welt eingeladen zu haben, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen. Es gibt nichts beizutreten und niemanden um Erlaubnis zu fragen.
Was sich gut übertragen lässt:
- Den Hashtag auf den Plattformen nutzen, die man ohnehin nutzt. Der Sinn eines offenen Hashtags ist, dass er Aktivität bündelt, die keine Organisation hätte planen können.
- Etwas Lokales und Kleines machen. Ein Kleidertausch in großen Größen, eine Lesegruppe, eine Schwimmzeit, ein Treffen. Das Programm 2025 bestand im Kern aus genau solchen Dingen, nur in Serie.
- Online-Termine wahrnehmen, wo die Zeitzone es hergibt. Veranstaltungen am späten Nachmittag US-Pazifikzeit fallen mitten in die europäische Nacht, früher Abend US-Zentralzeit ist eher machbar.
- Den Monat als Frist benutzen. Ein Aktionsmonat ist ein guter Vorwand für das, was man vor sich herschiebt: eine Marke anschreiben und nach ihrem Größenspektrum fragen, eine seit Monaten entworfene Beschwerde tatsächlich einreichen, die eigene Personalabteilung fragen, ob die Antidiskriminierungsrichtlinie Körpergröße und Gewicht überhaupt nennt.
Was es in Deutschland nicht gibt
Wir haben nach einer deutschen Entsprechung gesucht und keine gefunden: keinen etablierten deutschsprachigen Aktionsmonat, keine vergleichbare Struktur, keine Dachorganisation, die so etwas ausrichtet. Falls es etwas gibt, das wir übersehen haben, hören wir gern davon.
Die Rechtslage ist ein Teil des Grundes, warum es weniger zu feiern gibt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) führt Körpergewicht nicht als geschütztes Merkmal. Ein Antrag, es unter anderen Merkmalen aufzunehmen, hatte im Juni 2026 seine erste Lesung im Bundestag (Drucksache 21/4538), eingebracht von einer Oppositionsfraktion; das ist ein Vorschlag, kein Gesetz. Bis sich das ändert, muss Gewichtsdiskriminierung in Deutschland weitgehend über andere Wege begründet werden. Welche das sind, steht bei uns in Wenn die Welt nicht für dich gebaut ist: Gewichtsdiskriminierung und was du tun kannst.
Der andere Termin, den man kennen sollte
Wenn der August vorbeigeht, ist der zweite feste Punkt im Kalender die Weight Stigma Awareness Week vom 8. bis 9. September 2026 unter dem Thema „The Power of Fat Joy“. Ausgerichtet wird sie von Dr. Wendy Oliver-Pyatt (Within Health) und Chevese Turner (The Body Equity Alliance).
Ein Unterschied ist erwähnenswert: Within Health ist ein kommerzieller Anbieter für Essstörungsbehandlung. Das macht die Woche nicht weniger nützlich, und das Thema, also Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und das Recht, ohne Rechtfertigung freudvoll zu leben, steht klar in derselben Tradition. Aber das ist eine andere Art von Ausrichter als eine mitgliedergetragene Interessenvertretung, und es ist vernünftig, das im Blick zu behalten.
In einem Satz
Der August ist Fat Liberation Month. Es gibt ihn, weil ein dicker Mann 2020 gefragt hat, warum es für Menschen wie ihn keine Feier gibt, und weil genug Leute ihm zugestimmt und eine gebaut haben. Ohne Türsteher, ohne Eintritt und ohne angehängten Besserungsplan.
Quellen: NAAFA, „Fat Liberation Month 2026“ (naafa.org/flm2026, abgerufen 30.07.2026); NAAFA, „History of Fat Liberation Month“ (naafa.org/2022-flm-history); NAAFA, „Fat Liberation Month 2025“ (naafa.org/flm2025); NAAFA, „NAAFA’s Origin Story & Fat Activism History“ (naafa.org/history); Weight Stigma Awareness Week 2026 (within-health.ce-go.com); Änderung der Antidiskriminierungssatzung von Minneapolis, in Kraft 01.08.2025, berichtet u. a. von Marketplace (01.08.2025) sowie mehreren arbeitsrechtlichen Analysen; Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4538, erste Lesung Juni 2026.

