Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen

Leere Papierrolle, bunte Filzstifte und ein Stapel Hefte auf einem Holztisch. Bild: KI-generiert (Gemini)

Die Geschichte der Fat-Liberation-Bewegung wird meist als Geschichte über Selbstwertgefühl erzählt. Sie war keine. In ihrem ersten Jahrzehnt war sie ein kleines, wütendes, überwiegend lesbisch-feministisches Politprojekt, und die Belege dafür sind öffentlich, datiert und zitierbar. Wer die Bewegung nur über das Body-Positivity-Vokabular der letzten fünfzehn Jahre kennt, kennt die Hälfte nicht, die von Anfang an queer war.

Das ist keine Behauptung darüber, wem Fett-Aktivismus „gehört“. Es ist eine Behauptung darüber, woher die Dokumente kommen.

Die Chronik haben die geschrieben, die dabei waren

Im Juni 2010 leitete die britische Fett-Aktivistin und Soziologin Charlotte Cooper beim NOLOSE-Treffen in Oakland, Kalifornien, einen Workshop, in dem rund fünfzig fette Lesben, Dykes, bisexuelle Frauen und trans Personen die Zeitleiste ihrer eigenen Bewegung auf eine Tapetenrolle malten. Cooper veröffentlichte das Ergebnis 2011 als Zine, A Queer and Trans Fat Activist Timeline. Sie schreibt ausdrücklich dazu, dass es keine endgültige Geschichtsschreibung ist: es ist kollektives Erinnern, absichtlich lückenhaft und widersprüchlich, entstanden in einem bestimmten Raum mit bestimmten Leuten.

Als das gelesen, was es ist, bleibt es bemerkenswert. Die Einträge reichen von einem „Fat-In“ im Central Park 1967 über vier Jahrzehnte, und die queeren Einträge sind keine Ausnahmen. Eine kleine Anti-Diät-Gruppe von Dykes im Castro von San Francisco, 1978. Shadow on a Tightrope, die 1983 erschienene Anthologie von Texten über Fett-Unterdrückung. Das Fat Dykes Statement, 1989 in der britischen feministischen Zeitschrift Trouble & Strife. Ein Fat Dyke Float bei der Parade in San Francisco, 1992. Das Zine FaT GiRL, 1994 bis 1997. 1997 löst ein Foto einer fetten Frau auf dem Cover von Lesbian Connection so viel feindselige Post aus, dass daraus selbst ein Ereignis der Bewegung wird; ungefähr daraus entsteht am Ende des Jahrzehnts NOLOSE. (Die Quellen sind uneins, ob NOLOSE auf 1998 oder 1999 zu datieren ist; die Zeitleiste sagt 1999.)

Cooper schrieb den Workshop-Vorschlag auch deshalb, weil sie beobachtet hatte, wie diese Chronik still entqueert wurde: Fett-Aktivismus umverpackt als respektable Botschaft darüber, wie normal fette Menschen doch seien, mit den Dykes herausgeschnitten.

Ein Manifest, das alle nennt außer sich selbst

Das Gründungsdokument lässt sich leicht prüfen. Das Fat Liberation Manifesto wurde im November 1973 von Judy Freespirit und Aldebaran geschrieben und vom Fat Underground in Los Angeles herausgegeben. Eine getippte Seite, sieben Punkte, erstaunlich gut gealtert. Punkt fünf benennt die „reducing industries“, also die Abnehmindustrie, als besonderen Gegner der Bewegung. Punkt drei erklärt den eigenen Kampf für verbündet mit anderen Kämpfen „gegen Klassismus, Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung, finanzielle Ausbeutung, Imperialismus und dergleichen“.

Und jetzt das, was in dieser Aufzählung fehlt. 1973, in einem Dokument aus einem radikalfeministischen Umfeld, kommt Homofeindlichkeit nicht einmal in der Solidaritätsklausel vor. Das Queere an der frühen Fat Liberation steckt darin, wer im Raum saß, in den Archiven, in Sinister Wisdom und der lesbischen Presse, die die Positionspapiere des Fat Underground verbreitete. Nicht in der Selbstbeschreibung des Manifests. Diese Lücke gehört zur Geschichte dazu und sollte man benennen statt glattziehen.

Freespirit starb im September 2010 in San Francisco im Alter von 74 Jahren. Ihr Nachlass liegt im June L. Mazer Lesbian Archives.

Warum die Überschneidung kein Zufall ist

Zwei Bewegungen trafen sich hier, weil sie gegen denselben Reflex kämpften.

Ein fetter Körper und ein queerer Körper werden beide als Beweis über die Person darin gelesen: als nicht ordentlich regierter Appetit, als privates Versagen, öffentlich sichtbar gemacht, als etwas, das in Ordnung wäre, wenn man es nur diskret hielte. Beiden wird derselbe Handel angeboten, nämlich Duldung gegen Selbstverkleinerung. Und beide Bewegungen produzierten darauf dieselbe Spaltung: einen assimilatorischen Flügel, der argumentiert wir sind doch wie ihr, und einen Flügel, der argumentiert, dass genau diese Forderung das Problem ist.

Die schärfste zeitgenössische Fassung dieses Gedankens ist Da’Shaun L. Harrisons Belly of the Beast: The Politics of Anti-Fatness as Anti-Blackness (North Atlantic Books, 2021), ausgezeichnet mit dem Lambda Literary Award 2022 in der Kategorie Transgender Nonfiction. Harrison, fett, Schwarz, behindert und nichtbinär trans, argumentiert, dass Fettfeindlichkeit sich nicht von Anti-Schwarzsein trennen lässt, und arbeitet sich dafür durch Begehrenspolitik, Healthism und Polizeigewalt. Ein Buch darüber, wie Körper einsortiert werden, nicht über Körper. Lesen, bevor man es zitiert; die Einzeiler-Version wird ihm nicht gerecht.

Wo die Überschneidung konkret wird: in der Klinik

Diese Geschichte ist nicht nur Geschichte. Sie hat eine aktuelle Adresse, und die ist eine OP-Warteliste.

Viele fette trans Personen stoßen bei geschlechtsangleichenden Operationen auf eine Gewichtsgrenze. Es lohnt sich, genau hinzusehen, woher diese Grenze kommt, denn sie wird meist als medizinischer Standard dargestellt und ist meist keiner.

Die World Professional Association for Transgender Health führt in Version 8 ihrer Standards of Care die Kriterien für geschlechtsangleichende chirurgische Behandlung auf: anhaltende Diagnose einer Geschlechtsinkongruenz, Einwilligungsfähigkeit, Verständnis der Auswirkungen auf die Fortpflanzung, Ausschluss anderer Ursachen, Bewertung von Bedingungen, die das OP-Ergebnis beeinträchtigen könnten, und Stabilität unter Hormontherapie, wo einschlägig. Ein Körpergewichtskriterium steht nicht in dieser Liste. Häuser, die eines ansetzen, sagen das selbst: Die Cleveland Clinic führt ihre BMI-Grenzen ausdrücklich als Anforderungen „zusätzlich zu den WPATH-Standards“ auf.

In Deutschland läuft es von der anderen Seite auf dasselbe hinaus. Geschlechtsangleichende Maßnahmen werden in der gesetzlichen Krankenversicherung anhand einer verbindlichen Richtlinie begutachtet, die für den GKV-Spitzenverband nach § 282 SGB V erlassen wurde: der Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus gem. ICD-10, F64.0″, Stand 31. August 2020. Ihre Kriterien betreffen Diagnostik, Leidensdruck, Behandlungsverlauf und Alltagserfahrungen. Eine Volltextsuche in dieser Anleitung nach einem Gewichts- oder BMI-Kriterium liefert nichts, weil keins darin steht.

Woher kommen die Zahlen dann? Von einzelnen Häusern. Die Cleveland Clinic taugt hier als Beispiel, weil sie ihre Regeln veröffentlicht und ehrlich über deren Status ist. Ihre Seite zu geschlechtsangleichenden Operationen listet diese BMI-Grenzen als eigene Voraussetzungen des Hauses auf. Sie unterscheiden sich je nach Eingriff: 35 oder darunter bei Vaginoplastik, Vulvoplastik, Brustaufbau und Mastektomie; 32 oder darunter bei Metoidioplastik und Phalloplastik; 40 oder darunter bei Hysterektomie; und gar keine Grenze bei Orchiektomie, Gesichtsfeminisierung und Stimm-OP.

Zwei Dinge daran sind aufschlussreich. Erstens sind die Zahlen untereinander nicht konsistent, was heißt, dass sie chirurgische Einschätzungen zu einzelnen Eingriffen abbilden und keine allgemeine Regel über fette Körper. Zweitens schreibt die Klinik, ihre Anforderungen könnten angepasst werden, „um die Genehmigung für chirurgische Eingriffe zu optimieren“. Die Grenze ist also zum Teil eine Verhandlung mit Kostenträgern und nicht nur ein klinischer Befund. Dazu räumt die Seite ein, der BMI sei „nicht perfekt“ und als Gesprächseinstieg gedacht.

Das darf eine Chirurgie so entscheiden, dokumentieren und begründen. Es ist kein Berufsstandard, und es sollte Patient:innen auch nicht als einer verkauft werden.

Der praktische Unterschied ist erheblich. „Die Standards verbieten das“ beendet ein Gespräch. „Dieses Haus hat sich diese Regel gegeben“ ist eine Tatsache, nach deren Begründung man fragen und die man in einer anderen Klinik erneut prüfen kann. Nichts in diesem Text ist ein Ratschlag zu irgendjemandes Körper. Es ist ein Hinweis darauf, vor welcher Tür man tatsächlich steht. Wie so ein Gespräch läuft, steht in unseren Texten was tun, wenn die Ärztin alles aufs Gewicht schiebt und gewichtsneutrale Ärztin oder Arzt finden.

Manchmal ist Zugang eine Frage der Möbel

Ein Eintrag in Coopers Zeitleiste ist kleiner als die anderen und bleibt trotzdem hängen. 1996 stellte das Callen-Lorde Community Health Center, die LGBT-Gesundheitsklinik in New York, nach einem Beschwerdebrief von Geleni Fontaine in allen Wartebereichen Stühle ohne Armlehnen auf.

Das ist der ganze Eintrag. Keine Kampagne, kein Gesetz. Jemand schrieb einen Brief über die Bestuhlung in einer Klinik, die ohnehin schon Menschen versorgte, die andere Häuser wegschickten, und die Klinik tauschte die Stühle. Das meiste, was Fat Liberation und queeres Organisieren tatsächlich teilen, sieht so aus: keine Parole, sondern die Erkenntnis, dass ein Raum so gebaut sein kann, dass er einen ausschließt, ohne dass jemand an der Tür etwas sagen muss.

Wozu diese Geschichte taugt

Bewegungen, die ihre Anfänge vergessen, führen die Debatten noch einmal, die sie längst gewonnen haben. Fat Liberation begann als Bündnispolitik, 1973 auch so aufgeschrieben, wurde drei Jahrzehnte lang überwiegend von queeren Frauen und später von trans und nichtbinären Aktivist:innen getragen und von Leuten archiviert, die verstanden hatten, dass Archive die Art sind, wie eine kleine Bewegung das Vergessenwerden überlebt.

Wer das weiß, liest „Fett-Akzeptanz“ anders. Es war nie eine Bitte, akzeptabel gefunden zu werden.


Quellen: Charlotte Cooper, A Queer and Trans Fat Activist Timeline (Zine, 2011, CC BY-NC-ND); Fat Liberation Manifesto, Judy Freespirit und Aldebaran, November 1973, über das Fat Liberation Archive; Nachruf auf Judy Freespirit bei Lambda Literary, September 2010; Da’Shaun L. Harrison, Belly of the Beast, North Atlantic Books, 2021; WPATH, Standards of Care 8, chirurgische Kriterien; Medizinischer Dienst, Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus“, 31. August 2020; Cleveland Clinic, Seite zur Terminvereinbarung für geschlechtsangleichende Operationen. Übersetzungen aus den englischsprachigen Quellen sind eigene Übersetzungen.