Am 10. September 2026 erschien in der Schweizer Wochenzeitung WOZ (Nr. 37) ein Essay von Alice Galizia unter dem Titel „Hungern müssen wir allein“, online seit dem 9. September. Der Aufhänger ist bekannt: Ariana Grandes Körper, der Dünnsein-Trend, die GLP-1-Präparate. Diesen Teil der Debatte haben wir schon beschrieben, als die Laufstege der Saison Herbst/Winter 2026 dieselbe Bewegung zeigten.
Der letzte Teil des Essays macht etwas anderes. Er dreht die Kritik nach innen, gegen das politische Milieu, aus dem er kommt. Das ist der Grund, warum wir über diesen Text schreiben.
Der Vorwurf
Galizias Beobachtung ist einfach formuliert und unangenehm. In linken und feministischen Räumen, schreibt sie, sei über Sexismus und Rassismus jahrelang nachgedacht worden, über Fettfeindlichkeit kaum. Sie nennt konkrete Orte, das Berner Lorrainebad, Szenelokale, Demos, Vernissagen, Raves, und beschreibt, was dort zu sehen sei:
überall dünne, durchtrainierte, gut angezogene, normschöne und ja, oftmals weisse Körper
Der Mechanismus, den sie beschreibt, ist nicht offene Ablehnung, sondern Erleichterung. „Man macht keine fiesen Kommentare über die wenigen nichtdünnen Körper, aber man ist doch gottenfroh, nicht selbst so auszusehen“, heißt es. Dazu komme eine doppelte Scham: für den eigenen, nicht ausreichend dünnen Körper und für diese Scham selbst, weil man theoretisch wisse, wie misogyn der Maßstab sei.
Daran hängt die eigentliche Pointe, und sie ist sprachlich, nicht statistisch. Der aus der Body-Positivity-Bewegung übernommene Grundsatz, über die Körper anderer nicht zu sprechen, habe in diesen Kreisen die hasserfüllte Sprache getilgt, aber keine andere hervorgebracht. Übrig geblieben sei Sprachlosigkeit: „Es passiert etwas vor unser aller Augen, und wir haben keine Ahnung, wie wir darüber reden sollen.“
Was belegt ist und was nicht
Das ist ein Essay, keine Erhebung, und es lohnt sich, das auseinanderzuhalten.
Die Beobachtung über die Körper im Szenebad ist eine Beobachtung. Es gibt keinen Datensatz zur Körperverteilung in linken Räumen der Schweiz, und Galizia behauptet auch nicht, einen zu haben. Wer den Befund teilt, teilt ihn aus eigener Anschauung. Wer ihn bestreitet, kann dasselbe tun. Das entwertet das Argument nicht, aber es verschiebt seinen Status: Es ist eine These über ein Milieu, kein Messergebnis.
Die historische Linie ist die eine Stelle mit Literaturgrundlage. Galizia stützt sich auf Sabrina Strings‘ „Fearing the Black Body. The Racial Origins of Fat Phobia“ (2019) und gibt die These korrekt wieder: weiße Schönheitsideale seit dem 18. Jahrhundert in Abgrenzung zum Schwarzen Körper moralisch aufgeladen, dick als Zeichen der Maßlosigkeit, dünn als Zeichen der Disziplin, und die heutige klassistische Fortsetzung davon. Das deckt sich mit dem, was wir bei der eigenen Lektüre des Buchs dargestellt haben.
Eine Grenze fehlt bei ihr allerdings, die wir dort notiert haben: Fettstigma ist überdeterminiert. Griechisch-römische Mäßigungsideale, die christliche Lehre von der Völlerei und Klassenängste vor Exzess speisen es ebenfalls. Strings beschreibt einen realen und wichtigen Strang dieser Geschichte, nicht die einzige Ursache aller Fett-Stigmatisierung überall. Im Essay steht die These ohne diesen Vorbehalt.
Eine Zahl aus dem Essay übernehmen wir nicht. Galizia schreibt, die Spitaleinweisungen wegen Essstörungen bei Minderjährigen hätten sich in der Schweiz zwischen 2018 und 2025 verdoppelt. Wir haben diese Angabe am 15. September 2026 in den öffentlich zugänglichen Statistiken des Bundesamts für Statistik nicht auffinden können. Das heißt nicht, dass sie falsch ist, sondern dass wir sie nicht belegen können, und wir geben keine Zahl weiter, die wir nicht an der Quelle gesehen haben. Dazu kommt die Vorsicht, die wir bei der deutschen Essstörungsstatistik ausgeschrieben haben: Behandlungsfälle sind keine Personen, und eine veränderte Diagnosepraxis erklärt einen Teil jeder solchen Kurve mit.
Und schließlich die Geografie. Der Essay handelt von der Schweiz, teils sehr konkret von Bern. Ob sein Milieubefund für Berlin, London oder Chicago gilt, steht nicht in diesem Text und lässt sich aus ihm nicht ableiten.
Warum es trotzdem zählt
Weil der überprüfbarste Teil des Arguments nicht der Befund ist, sondern die Diagnose der Sprachlosigkeit, und die kann jede Leserin an sich selbst prüfen.
Der Satz „über Körper anderer spricht man nicht“ war als Schutz gedacht. Er hat in aufgeklärten Räumen funktioniert, soweit es um die Beseitigung offener Abwertung ging. Er hat aber nichts an die Stelle gesetzt. Wenn ein Wort fehlt, um einen Körper zu beschreiben, ohne ihn zu bewerten, dann bleibt am Ende nur Schweigen oder der alte ästhetische Maßstab, und Schweigen ist keine Haltung, sondern eine Lücke, in die der Maßstab zurückkriecht.
Genau an dieser Stelle setzt Galizias Gegenvorschlag an, und er ist bescheiden: sich stärker daran zu orientieren, was ein Körper kann und wie er sich anfühlt, als daran, wie er aussieht. Das ist der Grundgedanke der Body Neutrality. Wir haben andernorts beschrieben, was das medizinische Plädoyer für dieses Konzept übersieht, und die Einschränkungen gelten hier weiter. Als Vorschlag für das Sprechen über Körper in einem Raum, der gerade keines hat, ist er trotzdem brauchbarer als der Verzicht auf Sprache.
Der Schlusssatz des Essays macht daraus ein politisches Argument statt eines therapeutischen: „Hungern geschieht allein. Essen im besten Fall gemeinsam.“ Diätkultur vereinzelt, und Vereinzelung kostet die Kraft, sich zu organisieren. Das ist der alte Gedanke hinter der Parole „Riot, don’t diet“, und er ist der Grund, warum dieser Essay in einer politischen Zeitung steht und nicht in einem Gesundheitsmagazin.
Einordnung
Fatosphere berichtet über diesen Essay, wir empfehlen nichts. Der Text handelt an mehreren Stellen von Abnehmpräparaten. Gegenstand unserer Darstellung ist ausschließlich ihre gesellschaftliche Wirkung, nicht ihre Wirksamkeit, und wir raten weder zu noch ab.
Alice Galizia ist eine lebende Autorin. Alle wörtlichen Zitate oben stehen so im Originaltext, den wir am 15. September 2026 vollständig gelesen haben. Wir schreiben ihr keine Aussage zu, die dort nicht steht.
Wenn Sie selbst betroffen sind: Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, früher BZgA) betreibt ein kostenfreies Beratungstelefon zu Essstörungen unter 0221 89 20 31, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Es fallen nur die üblichen Telefongebühren an. Beratung per E-Mail gibt es unter essstoerung@bioeg.de. Außerhalb Deutschlands suchen Sie die nationale Beratungsstelle in Ihrem Land.
Weiterlesen bei Fatosphere
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- Body Neutrality statt Body Positivity: was das medizinische Plädoyer übersieht
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- Gewicht und mentale Gesundheit
Quellen
- Alice Galizia, „Essay: Hungern müssen wir allein“, WOZ Die Wochenzeitung Nr. 37, 10.09.2026 (online 09.09.2026), Volltext gelesen am 15.09.2026: https://www.woz.ch/2637/essay/hungern-muessen-wir-allein/!AD7JKB4X0JZB
- Sabrina Strings, „Fearing the Black Body. The Racial Origins of Fat Phobia“, NYU Press 2019.
- Bundesamt für Statistik, Medizinische Statistik der Krankenhäuser, geprüft am 15.09.2026: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/erhebungen/ms.html

