Wer berichtet was: Gewichtsstigma bei hispanischen, weißen und Schwarzen Erwachsenen in zwei US-Kliniken

Drei dicke Erwachsene unterschiedlicher Herkunft, ein weißer Mann, eine hispanische Frau und eine Schwarze Frau, sitzen im Aufenthaltsraum eines Gemeindezentrums nebeneinander auf einem Sofa und unterhalten sich. KI-generiertes Motiv, keine realen Personen.

Oft wird angenommen, Gewichtsstigma wirke bei allen gleich. Eine neue US-Befragung von 296 Erwachsenen mit einem BMI von 30 oder mehr legt nahe, dass drei verschiedene Dinge, Vorurteil, erlebtes Stigma und verinnerlichtes Stigma, je nach Gruppe in unterschiedliche Richtungen zeigen können. Die Studie ist klein, stammt aus zwei Kliniken und kann nicht sagen, warum die Gruppen sich unterscheiden. Sie liefert einen gemessenen Vergleich, mit Grenzen, die die Autor:innen nennen, und einigen, die der Text offen lässt.

Die Arbeit heißt „Weight stigma among diverse ethnic groups with obesity in the U.S.: the USA-OBESTIGMA study“, Autor:innen sind Rodolfo J. Galindo, Giuliana Arevalo, Albert Lecube, Guillermo E. Umpierrez und Kolleg:innen. Sie erschien am 14. Februar 2026 im International Journal of Obesity (Open Access). Das Paper verwendet den Begriff „obesity“ für einen BMI ab 30; ich übernehme ihn bei der Beschreibung der Studie.

Wie die Daten entstanden

Zwischen Dezember 2022 und März 2024 füllten Patient:innen an zwei akademischen Ambulanzen, eine in Atlanta (Grady Memorial Hospital, Emory University) und eine in Miami (University of Miami), am selben Tag drei Fragebögen aus. Teilnehmen konnten Erwachsene mit einem BMI ab 30. Von 422 angesprochenen Personen lehnten 122 ab und 4 wurden ausgeschlossen, es bleiben 296.

Die Stichprobe: mittleres Alter rund 55 Jahre, 59 Prozent Frauen, mittlerer BMI 36,7. Nach Selbstangabe der Gruppe waren 123 hispanisch (42 Prozent), 68 nicht-hispanisch weiß (23 Prozent) und 105 nicht-hispanisch Schwarz (35 Prozent). Die Studie gehört zu einer Initiative der Spanischen Gesellschaft für das Studium der Adipositas (SEEDO), die ähnliche Befragungen in mehreren Ländern durchführt.

Die drei Instrumente messen Unterschiedliches. Die Anti-Fat Attitudes Scale (AFA, 0 bis 9) misst Vorurteile gegenüber Menschen mit Adipositas. Das Brief Stigmatizing Situations Inventory (SSI-B, 0 bis 9) misst, wie oft jemand stigmatisierende Situationen erlebt hat. Die Weight Bias Internalization Scale (WBIS, 7 Stufen) misst, wie stark jemand negative Stereotype über den eigenen Körper übernommen hat.

Die Ergebnisse

Die Gruppenmittelwerte unterscheiden sich auf jeder Skala, und die Gruppe mit dem höchsten Wert ist nicht auf jeder dieselbe. Die Tabelle zeigt die Mittelwerte, wie der Text des Papers sie angibt.

SkalaHispanischNicht-hispanisch weißNicht-hispanisch Schwarz
Anti-Fat-Haltungen (AFA)3,553,292,12
Stigmatisierende Erfahrungen (SSI-B)1,242,011,21
Verinnerlichung (WBIS)2,692,962,27

Alle drei Vergleiche werden als statistisch signifikant berichtet (p < 0,001 bei AFA und SSI-B, p = 0,0006 bei WBIS).

Nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung und BMI bleiben manche Unterschiede bestehen, andere nicht. Bei den Anti-Fat-Haltungen lagen Schwarze Teilnehmende niedriger als hispanische (β = -1,385, p < 0,001), weiße und hispanische unterschieden sich nicht signifikant. Bei den stigmatisierenden Erfahrungen lagen weiße Teilnehmende höher als hispanische (β = 0,894, p < 0,001), Schwarze und hispanische unterschieden sich nicht. Bei der Verinnerlichung lagen Schwarze Teilnehmende niedriger als hispanische (β = -0,626, p < 0,001), der Abstand zwischen weißen und hispanischen war grenzwertig (p = 0,055).

Die meisten Menschen mit einem BMI ab 30 bezeichneten sich nicht als adipös. In jeder Gruppe beschrieben sich 69 bis 73 Prozent als übergewichtig und 19 bis 29 Prozent als adipös. Die Autor:innen nennen das eine Fehlwahrnehmung. Das ist eine Lesart; es zeigt auch, dass ein BMI-Grenzwert und die Selbstbeschreibung des eigenen Körpers nicht dasselbe sind.

Dass Ärzt:innen eine Diät empfehlen, war in allen drei Gruppen die häufigste stigmatisierende Erfahrung. Das Paper nennt sie für 94,1 Prozent der weißen, 83,8 Prozent der hispanischen und 81,0 Prozent der Schwarzen Teilnehmenden (p = 0,01), auch wenn die Person nicht gekommen war, um über Gewicht zu sprechen. Das ist die einzige Einzelfrage-Zahl, die ich verwende; warum, steht im nächsten Abschnitt.

Jüngere Teilnehmende berichteten mehr stigmatisierende Erfahrungen, ebenso Teilnehmende ohne Schulabschluss im Vergleich zu einem Hochschulabschluss. Die Autor:innen verknüpfen den Alterseffekt mit früheren Studien, in denen Menschen, die vor dem 18. Lebensjahr starkes Übergewicht entwickelten, schwerere Stigmaerfahrungen berichteten.

Genau lesen

Das ist eine Querschnittsbefragung, keine Erklärung. Sie zeigt, dass Gruppenmittelwerte sich unterscheiden. Sie zeigt nicht, warum. Die Erklärungen in der Diskussion, etwa unterschiedliche kulturelle Normen zu Körpergröße, sind plausibel und hier ungetestet. Auch dass ein höherer BMI als „Bewältigungsmechanismus oder Resilienz“ den negativen Zusammenhang zwischen BMI und Anti-Fat-Haltungen erklären könnte, wurde nicht gemessen.

Die Stichprobe ist klein und regional. 296 Personen aus zwei Städten, mit hohem hispanischem Anteil wegen Miami. Die Autor:innen schreiben, die Ergebnisse ließen sich womöglich nicht auf die USA verallgemeinern. Die Teilnehmenden wurden in Kliniken angesprochen, sind also Menschen in fachärztlicher Versorgung, und 122 von 422 Angesprochenen lehnten ab. Die Gruppen sind außerdem ungleich groß: 68 weiße gegen 123 hispanische Teilnehmende.

Einige Zahlen im Text passen nicht zusammen, deshalb lasse ich sie weg. Mehrere verschiedene SSI-B-Fragen werden für dieselbe Gruppe mit identischen Prozentwerten berichtet: 77,94 Prozent für weiße Teilnehmende bei zwei verschiedenen Fragen und 31,14 Prozent für hispanische bei denselben zwei. Entweder stimmen die Werte zufällig überein oder in Tabelle oder Text ist etwas schiefgegangen. Die Tabellen 1 bis 4 waren im Volltext nicht als Text lesbar, ich konnte sie nicht gegenprüfen. Beim Alterseffekt nennt der Text β = -0,19 mit Standardfehler 0,006 und p = 0,024; diese drei Werte passen nicht zueinander, deshalb nenne ich nur die Richtung. Das Abstract gibt ein Durchschnittsalter von 54,9 an, der Text 54,8.

Das Paper rahmt Gewicht als medizinisches Problem; ich berichte seine Befunde, nicht diesen Rahmen. Die Diskussion beschreibt Adipositas als „chronische Stoffwechselerkrankung“ und sagt, verinnerlichtes Stigma könne Gewichtszunahme antreiben. Beides hat die Studie nicht geprüft. Die Autor:innen fordern Bildungsprogramme gegen Gewichtsvorurteile; ich gebe das als ihre Empfehlung wieder, nicht als Befund.

Interessenkonflikte. Die Finanzierung ist intern an der University of Miami. Der Erstautor gibt Forschungsförderung und Beratungstätigkeit für mehrere Arznei- und Geräteunternehmen an, darunter Novo Nordisk und Eli Lilly, außerhalb dieser Arbeit. Das ist gut zu wissen, kein Befund gegen die Arbeit.

Dieser Artikel berichtet, wie eine Befragung Gewichtsstigma gemessen und verglichen hat. Er bewertet keine Behandlung und keine gewichtsbezogene Intervention.

Warum das hierher gehört

Stigmaforschung in den USA stützt sich oft auf weiße Stichproben, das sagen die Autor:innen selbst. Diese Studie vergleicht drei Gruppen nebeneinander und zeigt, dass „erlebtes“, „gehegtes“ und „verinnerlichtes“ Stigma getrennte Messungen sind, die sich nicht gemeinsam bewegen. Die Zahl zur Diätempfehlung, 81 bis 94 Prozent je nach Gruppe, braucht die wenigsten Einschränkungen. Zu früheren Studien in dieser Reihe siehe unseren Artikel zum kulturellen Wert von Fett in den USA, Portugal und Mexiko und die Hongkonger Längsschnittstudie. Für Deutschland und das Vereinigte Königreich sagt diese Befragung nichts: Sie ist rein US-amerikanisch.

Quelle: Galindo RJ, Arevalo G, Zabala Z, Flores I, Soliman D, Moazzami B, Rashied A, Lecube A, Umpierrez GE. „Weight stigma among diverse ethnic groups with obesity in the U.S.: the USA-OBESTIGMA study.“ International Journal of Obesity 2026;50:1027-1034, veröffentlicht am 14. Februar 2026, doi.org/10.1038/s41366-026-02028-z. Volltext gelesen am 4. Oktober 2026.