Eine am 22. September 2026 veröffentlichte Studie hat 301 Erwachsene mit der Diagnose Schizophrenie in einer chinesischen psychiatrischen Klinik gefragt, ob sie wegen ihres Körpergewichts beurteilt oder schlechter behandelt wurden. Etwas mehr als die Hälfte sagte ja. Interessanter ist, was das nicht vorhersagte: der Body-Mass-Index.
Die Arbeit heißt „Perceived weight stigma among adults diagnosed with schizophrenia in China: a cross-sectional study“ und stammt von Jiayuan Peng, Huan Wen, Jianjian Wang, Ka Yan Ho, Xiangmin Tan, Ting Pan und Mei Sun. Sie erschien in Frontiers in Psychology (Band 17, Open Access). Nach Angaben der Autorinnen und Autoren gab es bisher nur eine einzige quantitative Studie zu Gewichtsstigma in dieser Gruppe, eine US-Studie, die erlebtes und verinnerlichtes Stigma erfasste, nicht wahrgenommenes.
Wer teilgenommen hat
Die Daten wurden zwischen Juni 2023 und Januar 2024 auf Stationen einer einzelnen psychiatrischen Klinik der Maximalversorgung erhoben, als Gelegenheitsstichprobe. Von 315 Fragebögen wurden 14 ausgeschlossen, weil mehr als 15 Prozent der Angaben fehlten. Übrig blieben 301: 155 Männer und 146 Frauen, Durchschnittsalter 27,0 Jahre. Alle hatten eine Schizophrenie-Diagnose nach ICD-11 und konnten den Fragebogen nach Einschätzung des Klinikpersonals selbst ausfüllen.
Der mittlere BMI lag bei 23,6 (Spanne 15,0 bis 35,8). Das ist keine Stichprobe von Menschen in größeren Körpern, sondern eine von Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose. Das ist für alles Folgende wichtig.
Wie Stigma gemessen wurde
Wahrgenommenes Gewichtsstigma wurde mit einem Fragebogen aus zehn Ja-Nein-Fragen (PWSQ) erfasst, Wertebereich 0 bis 10. Wer mindestens eine Frage mit Ja beantwortete, galt als Person mit wahrgenommenem Gewichtsstigma. Das ist eine niedrige Schwelle, die die Studie offen so definiert. Der Mittelwert lag bei 2,2 von 10, rund die Hälfte aller Teilnehmenden erreichte null Punkte.
Weitere Skalen erfassten verinnerlichte Gewichtsvorurteile (WBIS), psychische Belastung (ein Distress-Thermometer von 0 bis 10), soziale Unterstützung und Bewältigungsstil. Keine der Skalen wurde speziell bei Menschen mit Schizophrenie validiert, was die Autorinnen und Autoren als Einschränkung nennen.
Die Ergebnisse
54,2 Prozent der Teilnehmenden (163 von 301) bejahten mindestens eine Frage.
Im multivariablen Modell hingen drei Größen mit höheren Werten zusammen:
- Einkommen. Im Vergleich zu Personen mit mehr als 5.000 Yuan im Monat lag der erwartete Wert bei Personen unter 3.000 Yuan etwa 1,7-fach, bei 3.000 bis 5.000 Yuan etwa 1,6-fach höher.
- Verinnerlichte Gewichtsvorurteile. Jeder zusätzliche Punkt auf der WBIS ging mit einem um etwa 10 Prozent höheren erwarteten Wert einher.
- Psychische Belastung. Jeder zusätzliche Punkt auf dem Distress-Thermometer ging ebenfalls mit einem um etwa 10 Prozent höheren erwarteten Wert einher.
Der BMI war nicht signifikant mit wahrgenommenem Gewichtsstigma verbunden. Auch die Gewichtsveränderung seit Beginn der antipsychotischen Medikation nicht, sobald die übrigen Faktoren im Modell waren. Bildung und Wohnort (Stadt oder Land) unterschieden sich in einfachen Vergleichen, aber nicht im Endmodell.
Sorgfältig lesen
Für den fehlenden BMI-Zusammenhang nennen die Autorinnen und Autoren drei mögliche Gründe: Schizophrenie-bezogene Stereotype könnten die Körpergröße in der Beurteilung durch andere überlagern, Betroffene könnten die Stabilisierung der Symptome über das Gewicht stellen, und sie könnten Gewichtszunahme eher der Medikation als persönlichem Versagen zuschreiben. Das sind Erklärungen aus früherer Literatur, in dieser Studie wurden sie nicht geprüft.
Die Studie kann auch nicht sagen, in welche Richtung die Zusammenhänge laufen. Sie ist eine Momentaufnahme: Belastung könnte wahrgenommenes Stigma verstärken, Stigma könnte Belastung verstärken, oder beides folgt aus etwas Drittem. Die Autorinnen und Autoren weisen außerdem darauf hin, dass verinnerlichte Vorurteile und wahrgenommenes Stigma beide zur selben Zeit per Selbstauskunft erhoben wurden, ein Teil ihrer Überlappung kann daher ein Messartefakt sein. Art und Dosis der Antipsychotika, Symptomschwere und Stoffwechselerkrankungen wurden nicht erfasst. Die Stichprobe ist jung und stammt aus einer Klinik in einem Land, die 54,2 Prozent sind also weder eine nationale noch eine internationale Rate.
Dieser Artikel berichtet Aufbau und Befunde einer einzelnen Studie. Er bewertet weder ein Medikament noch eine gewichtsbezogene Maßnahme, ebenso wenig wie das Fazit der Studie selbst, das dafür plädiert, neben Symptomen auch den sozialen und wirtschaftlichen Kontext zu betrachten.
Warum das hierher gehört
Gewichtsstigma wird meist als etwas besprochen, das Menschen mit hohem BMI trifft. Diese Studie erinnert daran, dass die Erfahrung auch Menschen mit unauffälligem BMI betreffen kann, und dass es weniger an der Zahl auf der Waage als am Einkommen und daran liegen kann, wie sehr jemand die Vorurteile verinnerlicht hat. Für Menschen, die dick sind und mit einer psychischen Erkrankung leben, können sich beide Stigmata überlagern. Das ist ein Denkrahmen der Autorinnen und Autoren, hier nicht gemessen.
Deutschland, das Vereinigte Königreich und die USA sind von diesen Zahlen nicht abgedeckt.
Quelle: Peng J, Wen H, Wang J, Ho KY, Tan X, Pan T, Sun M. „Perceived weight stigma among adults diagnosed with schizophrenia in China: a cross-sectional study.“ Frontiers in Psychology 2026;17, doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1928934. Volltext gelesen am 30.09.2026.

