Dünnsein gewinnt wieder. Mit Gesundheit hat das nichts zu tun.

Abstrakte Grafik: ein Raster aus tausend kleinen Kreisen, von denen nur drei ausgefuellt und farbig hervorgehoben sind

Drei von tausend Looks. Darauf ist der Anteil dicker Models auf den internationalen Laufstegen in dieser Saison gefallen, und das ist der niedrigste Wert, seit jemand mitzählt.

Vogue Business hat den Size-Inclusivity-Report für Herbst/Winter 2026 am 23. März 2026 veröffentlicht. Maliha Shoaib und Lucy Maguire haben dafür 7.817 Looks aus 182 Schauen und Präsentationen der offiziellen Kalender von New York, London, Mailand und Paris ausgezählt. Davon waren 97,6 Prozent Straight Size (US 0 bis 4), 2,1 Prozent Mid Size (US 6 bis 12) und 0,3 Prozent Plus Size (ab US 14).

Das ist ein Bericht über Kleidung und Casting. Gelesen wird er überall als Bericht über Körper. Deshalb lohnt es sich, genau zu sein: was die Zahlen zeigen, was sie nicht zeigen, und warum die Rückkehr des dünnen Ideals keine Gesundheitsgeschichte ist, so oft sie auch als eine verkauft wird.

Was in den Zahlen steht

Die Saison davor, Frühjahr/Sommer 2026, lag der Plus-Size-Anteil bei 0,9 Prozent. Davor, Herbst/Winter 2025, bei 0,3 Prozent. Die Kurve fällt also nicht gerade, sie schwankt, und in dieser Saison ist sie zurück auf den Tiefstwert gefallen. Mid Size liegt seit drei Saisons ziemlich unverändert bei rund 2 Prozent. Straight Size ist von 97,1 auf 97,6 Prozent gestiegen.

Deutlich wird es auf Städteebene. Paris war die unzugänglichste der vier Städte: 99,5 Prozent Straight Size, und nur neun von 65 Marken haben überhaupt jemanden außerhalb dieses Bereichs gecastet. Mailand kam auf 97,3 Prozent Straight Size und 0,1 Prozent Plus Size. New York blieb bei 97,7 Prozent Straight Size, der Plus-Size-Anteil fiel dort von 1 auf 0,4 Prozent. London bleibt am offensten mit 92,7 Prozent Straight Size und 6,5 Prozent Mid Size, aber auch dort sank Plus Size von 2,8 auf 0,8 Prozent, und ein großer Teil dessen, was übrig ist, hängt an einer einzigen Designerin, Karoline Vitto.

Zwei ehrliche Einschränkungen zur Methode. Vogue Business schätzt die Größen anhand üblicher Sample-Größen, nicht anhand von Maßen, und hat den Marken vor Veröffentlichung Gelegenheit zur Prüfung gegeben. Und die Laufsteg-Definition von Plus Size, ab US 14, ist großzügig: im Handel endet dort meist die Standardgröße, statt dass die erweiterte Größe beginnt.

Denselben Rückzug haben wir vor einem Jahr anhand der Zahlen für Herbst/Winter 2025 beschrieben, in Der Rückzug aus der Größeninklusion. Neu ist nicht die Richtung. Neu ist, dass die kurze Erholung dazwischen sich als Rauschen herausgestellt hat.

Die Branche erklärt es selbst, und zwar nicht mit Gesundheit

Vogue Business nennt drei Dinge als Hintergrund: wachsenden Konservatismus, den Zwang zur Selbstoptimierung und die Ausbreitung der GLP-1-Medikamente. Keines davon ist ein Befund über die Gesundheit irgendeines Menschen. Das sind ein politisches Klima, eine kulturelle Stimmung und ein Arzneimittelmarkt.

Die im Bericht zitierten Fachleute, die tatsächlich casten, sagen etwas Konkreteres: es fehlt nicht an Models. Die Londoner Casting-Direktorin Chloe Rosolek, die Vittos Schau besetzt hat, verortet die Entscheidung bei den Marken und sagt, es gebe genug dicke Models, die laufen würden. Tiffany Hsu, Chief Buying Officer bei Mytheresa, verweist auf die Größenbereiche, die Marken dem Großhandel überhaupt erst anbieten.

Das ist der Mechanismus, und er ist langweilig industriell. Musterteile werden in einer kleinen Größe genäht. Kollektionen werden aus diesem Muster gradiert. Das Casting folgt dem Muster, nicht umgekehrt. Wenn eine Marke entscheidet, nicht über US 14 hinaus zu gradieren, steht das Laufsteg-Ergebnis Monate vor der ersten Modelbuchung fest. Der Designer Christian Siriano, in New York diese Saison auf Platz drei, formuliert es von der anderen Seite: Laufsteg ist Sichtbarkeit, Produktion ist die eigentliche Zusage.

Der Druck kommt nicht in erster Linie vom Laufsteg

Das ist der Teil des Berichts, der am wenigsten Aufmerksamkeit bekommt und am meisten zählt.

In einer Vogue-Business-Befragung von knapp 700 Konsumentinnen und Konsumenten gaben 48 Prozent an, sie fühlten Druck abzunehmen, um sich modisch zu fühlen. Auf die Frage, woher dieser Druck kommt, nannten 63 Prozent die Erfahrung mit Größen beim Einkaufen. Laufstegschauen nannten 36 Prozent, Markenkampagnen 35 Prozent. Unter den dicken Befragten sagten 27 Prozent, sie fänden ihre Größe bei Luxusmarken nie oder meistens nicht, gegenüber 12 Prozent der Straight-Size-Befragten.

Anders gesagt: die Umkleidekabine richtet mehr an als der Catwalk. Der Laufsteg ist das sichtbare Symptom einer Entscheidung, die an der Stange spürbar wird, in der Größentabelle und an der ausverkauften 2XL. Die praktische Fassung davon steht in unserem Leitfaden für Plus-Size-Mode.

Der zweite Motor: der Feed

Laufstege setzen das Referenzbild. Feeds bestimmen, wie oft man es sieht.

Fabian Baumann, Nipun Arora, Iyad Rahwan und Agnieszka Czaplicka haben im März 2025 als Preprint eine Sock-Puppet-Untersuchung vorgelegt: Bots mit definierten Interessen wurden in den For-You-Feed von TikTok geschickt, und es wurde gemessen, was zurückkam. Inhalte, die zum Interesse des Bots passten, wurden stark verstärkt, und die Verstärkung war im Wesentlichen innerhalb der ersten 200 angesehenen Videos festgezurrt. Die Autorinnen und Autoren fanden außerdem einen negativen Zusammenhang zwischen Verstärkung und Exploration: je stärker der Feed auf ein Interesse einschwenkt, desto weniger Unbekanntes zeigt er.

Zwei Grenzen gehören dazu. Das ist ein Preprint, kein begutachteter Zeitschriftenartikel. Und gemessen wurde Verstärkung allgemein, nicht speziell Inhalte zum dünnen Ideal. Belegt ist damit die Geschwindigkeit des Mechanismus, nicht der Inhalt eines konkreten Feeds.

Die Inhaltsseite wird erst jetzt sauber vermessen. Dawn Branley-Bell, Claire Murphy-Morgan und Libby Moore von der Northumbria University haben im Juni 2026 auf der Digital-Public-Health-Konferenz in Barcelona eine internationale Mixed-Methods-Studie zur algorithmischen Aussetzung gegenüber Körperbild-Inhalten auf TikTok vorgestellt. Das Abstract beschreibt Design und Ziel, die Ergebnisse sind noch nicht öffentlich zugänglich. Zahlen, die wir nicht lesen können, zitieren wir nicht.

Der sichtbare Fall heißt #SkinnyTok, ein Hashtag mit Hunderttausenden Beiträgen, die extreme Dünnheit verherrlichten. TikTok hat die Suche danach Anfang Juni 2025 gesperrt, nach rund zwei Monaten Druck der französischen Regulierungsbehörde Arcom, der französischen Digitalministerin Clara Chappaz und der Europäischen Kommission. Die Berichterstattung hielt damals das Naheliegende fest: die Inhalte wanderten in falsch geschriebene und benachbarte Hashtags ab. Ein gesperrtes Hashtag entfernt ein Etikett, kein Empfehlungssystem.

Europa hat einen Hebel. Er wird hier nicht gezogen.

Die Europäische Kommission hat am 19. Februar 2024 ein förmliches Verfahren gegen TikTok nach dem Digital Services Act eröffnet. Der Gegenstand umfasst ausdrücklich den sogenannten Rabbit-Hole-Effekt der Empfehlungssysteme, daneben Einstellungen für Minderjährige, suchterzeugendes Design, Werbetransparenz und Datenzugang für die Forschung.

Herausgekommen ist bisher alles außer dem Rabbit Hole. Im Dezember 2025 hat die Kommission Verpflichtungszusagen von TikTok zum Werbearchiv angenommen und gegen X ein Bußgeld von 120 Millionen Euro wegen irreführenden Designs, Werbetransparenz und Forschungszugang verhängt. Im Juli 2026 stellte die Kommission vorläufig fest, dass die Voreinstellungen von TikTok Konten und Inhalte Minderjähriger zu weit sichtbar lassen. Der Teil zu den Empfehlungssystemen ist nach mehr als zwei Jahren weiter offen.

In Deutschland ist die Durchsetzungsstelle der Digital Services Coordinator bei der Bundesnetzagentur, geschaffen durch das Digitale-Dienste-Gesetz, das am 14. Mai 2024 in Kraft trat. Er ist die zentrale Beschwerdestelle für Nutzerinnen und Nutzer, die einen Verstoß gegen den DSA sehen, und arbeitet mit der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz und den Landesmedienanstalten zusammen. Ein deutsches Gegenstück zu der französischen Kampagne, die #SkinnyTok gesperrt bekommen hat, gab es nicht.

Was das alles nicht ist

Nichts davon ist eine Aussage über die Gesundheit irgendeines Menschen, und wir lassen auch nicht zu, dass eine daraus gemacht wird.

Ein Laufsteg-Prozentsatz ist eine Casting-Entscheidung. Eine Hashtag-Sperre ist eine Inhaltsrichtlinie. Eine GLP-1-Verordnungskurve ist ein Markt. Wenn die Ästhetik zurück auf dünn schwenkt, ändert sich, was eine Branche zeigen und verkaufen will, und nicht, wie Körper sein sollten. Dieses Magazin veröffentlicht keine Abnehmtipps, keine Vorher-Nachher-Logik und keine Diätinhalte, und ein Modezyklus ist genau der Moment, in dem diese Linie zählt.

Klar sagen lässt sich dies: Die Zahlen beschreiben einen schrumpfenden Markt an Kleidung, die passt, und einen Feed, der einen einzigen Körpertyp schneller wiederholt, als man weiterscrollen kann. Das sind zwei konkrete, äußere Dinge. Keines davon handelt von dir.

Quellen

  • Maliha Shoaib und Lucy Maguire, „The Vogue Business Fall/Winter 2026 Size Inclusivity Report“, 23. März 2026: https://www.vogue.com/article/the-vogue-business-fall-winter-2026-size-inclusivity-report
  • Vogue-Business-Report zur Menswear Herbst/Winter 2026, zusammengefasst am 3. Februar 2026: https://mr-mag.com/the-vogue-business-fall-winter-2026-menswear-size-inclusivity-report/
  • Fabian Baumann, Nipun Arora, Iyad Rahwan, Agnieszka Czaplicka, „Dynamics of Algorithmic Content Amplification on TikTok“, arXiv-Preprint, 26. März 2025: https://arxiv.org/abs/2503.20231
  • Dawn Branley-Bell, Claire Murphy-Morgan, Libby Moore, „Algorithmic Exposure to Body Image Content on TikTok“, 11th International Digital Public Health Conference, Barcelona, Juni 2026: https://researchportal.northumbria.ac.uk/en/publications/algorithmic-exposure-to-body-image-content-on-tiktok-a-mixed-meth/
  • Euronews zur #SkinnyTok-Sperre, 4. Juni 2025: https://www.euronews.com/my-europe/2025/06/04/france-forces-tiktok-to-ban-skinnytok-but-harmful-content-still-persists
  • Europäische Kommission, vorläufige Feststellungen zur Kontosicherheit Minderjähriger bei TikTok, Juli 2026: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_26_1679
  • Bundesnetzagentur, Digital Services Coordinator zu den Entscheidungen der Europäischen Kommission zu TikTok und X, 5. Dezember 2025: https://www.bundesnetzagentur.de/1085152