Zwei Dokumente liegen nebeneinander, und auf den ersten Blick widersprechen sie sich.
Das eine ist der Projektbericht Nr. 160 des AIHTA, der österreichischen Agentur für Health Technology Assessment, erschienen im November 2024 in Wien. Sein Fazit: Die stärkste Evidenz liege für mehrtägige und mehrwöchige Schulungen vor.
Das andere ist die Metaanalyse von Jayawickrama und Kolleginnen, über die wir im August berichtet haben. Ihr Ergebnis: Anti-Bias-Trainings verändern, was Studierende über dicke Patientinnen und Patienten sagen, nicht aber das, was unterhalb der Selbstauskunft gemessen wird.
Wer beide Sätze nebeneinanderstellt, hat scheinbar den üblichen Befund: Studien widersprechen sich, man kann sich aussuchen, was man glauben will. Das stimmt hier nicht. Die beiden messen nicht dasselbe, sie zählen nicht auf dieselbe Weise, und sie sind nicht einmal zur selben Zeit entstanden. Wenn man das auseinandersortiert, bleibt kein Widerspruch übrig, sondern etwas Unangenehmeres.
Was der Wiener Bericht ist
Das AIHTA ist keine Selbstvertretung und kein Behandlungsanbieter. Es ist die österreichische HTA-Agentur, die Evidenz für Entscheidungen im Gesundheitssystem aufbereitet. Für den deutschsprachigen Raum ist das ungewöhnlich: Die meisten Belege, auf die dieses Magazin zurückgreift, stammen entweder aus der Bewegung selbst oder von Organisationen mit einem Geschäftsinteresse an Behandlung. Hier liegt zum ersten Mal ein staatlich getragener Evidenzbericht auf Deutsch vor.
Autorinnen sind Sarah Wolf und Julia Kern. Die systematische Suche lief vom 21. bis 23. Mai 2024 in fünf Datenbanken. Für die erste Forschungsfrage, welche Strategien empfohlen werden, wurden 13 Leitlinienpapiere und 13 Übersichtsarbeiten eingeschlossen. Für die zweite Frage, was davon wirkt, 30 Primärstudien.
Der Bericht sagt selbst sehr deutlich, wo seine Grenzen liegen, und das gehört mitzitiert. Die Wirksamkeitsanalyse erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Eingeschlossen wurden nur Studien ab 2014 und nur solche aus Europa, Nordamerika, Australien oder Neuseeland. Die Vertrauenswürdigkeit der herangezogenen Leitlinien wurde nicht systematisch geprüft. Neun der 13 Übersichtsarbeiten sind unsystematisch, und der Großteil von ihnen macht keine Angaben zu Methode, Literatursuche oder eingeschlossener Literatur.
Vor allem: Die Datenbasis ist fast durchgehend amerikanisch. Neun von 13 Leitlinienpapieren, sechs von 13 Übersichtsarbeiten und 19 von 30 Wirksamkeitsstudien stammen aus den USA. Das AIHTA schreibt in seiner kritischen Reflexion, die Übertragbarkeit auf Österreich sei deshalb fragwürdig, und begründet das nicht nur mit Kultur, sondern mit Struktur: In den USA gebe es eine etablierte Debatte und entsprechend viele erprobte Maßnahmen, in Österreich liege der Fokus bisher auf der medizinischen Perspektive. Für Deutschland gilt derselbe Vorbehalt.
Was er sagt und was er nicht sagt
In der Zusammenfassung des Berichts steht für die Zielgruppe Gesundheitspersonal ein Wort, das man nicht überlesen sollte: Für mehrtägige Seminare oder Kurse zeigt die Wirksamkeitsanalyse „kontroverse Ergebnisse“, und zwar auf Basis von drei Studien. Die Glaubenssätze über dicke Patientinnen und Patienten verbesserten sich. Bei externen Gewichtsvorurteilen, bei der Einstellung gegenüber den Patientinnen, bei der Kommunikation mit ihnen, bei ihrer Lebensqualität und bei ihrem Gesundheitszustand gab es keine signifikanten Veränderungen.
Bei Studierenden sieht es etwas besser aus: Langzeitseminare zeigten signifikante Verbesserungen, eintägige Fortbildungen widersprüchliche. Fortbildungen verbesserten die Fähigkeit, Diskriminierung zu erkennen, und stärkten die Empathie.
Daraus wird im Diskussionsteil der Satz, dass es zu mehrtägigen Fortbildungen die meiste Evidenz mit den stärksten Hinweisen auf positive Effekte gebe, und im Fazit der Satz, dass die stärkste Evidenz aktuell für mehrtägige bis mehrwöchige Schulungen vorliege. Beides ist eine relative Aussage. „Am meisten Evidenz“ heißt hier: drei Studien für das Personal, ein paar mehr für Studierende, und die Effekte laut Fazit „meist nur kurzfristig“.
Eine Formulierung, die in der Rezeption des Berichts kursiert, steht so nicht darin: Das AIHTA nennt mehrtägige Fortbildungen nirgends „am vielversprechendsten“. Es sagt, dort liege die meiste Evidenz. Das ist ein Unterschied.
Warum das kein Widerspruch ist
Drei Gründe, in aufsteigender Wichtigkeit.
Erstens die Chronologie. Die AIHTA-Suche endete am 23. Mai 2024. Die Metaanalyse von Jayawickrama erschien am 8. Oktober 2024 online. Der Wiener Bericht konnte sie gar nicht enthalten. Es handelt sich nicht um zwei Lager, sondern um zwei Zeitpunkte.
Zweitens die Methode. Das AIHTA hat keine Metaanalyse gerechnet. Es fasst narrativ zusammen und zählt, in wie vielen Studien sich etwas signifikant verändert hat. Jayawickrama poolt Effektstärken über 35 Studien und gibt Konfidenzintervalle an. Ein gezähltes „drei von drei Studien zeigten eine Verbesserung“ und ein gepooltes g sind keine konkurrierenden Antworten auf dieselbe Frage, sondern zwei verschiedene Fragen.
Drittens, und das ist der eigentliche Punkt, der Endpunkt. Der AIHTA-Bericht listet die verwendeten Messinstrumente auf: zwölf für explizite Gewichtsvorurteile, sechs für internalisierte, vier für Empathie und genau zwei für implizite Gewichtsvorurteile, die sich beide auf den Implicit Association Test beziehen. Die Evidenz, aus der Wien seine Aussage zieht, ist damit fast vollständig Selbstauskunft. Und Selbstauskunft ist genau der Bereich, in dem auch Jayawickrama einen Effekt findet: explizit g = -0,31, Konfidenzintervall -0,43 bis -0,19. Kein Effekt findet sich bei implizit gemessenen Haltungen: g = -0,12, Konfidenzintervall -0,26 bis +0,02, nicht signifikant.
Beide Berichte sagen also dasselbe. Was Menschen über dicke Patientinnen sagen, lässt sich mit Schulungen bewegen. Was darunter liegt, wurde in Wien kaum gemessen und in der Metaanalyse gemessen und nicht bewegt.
Zwei weitere Beobachtungen stützen das. Das AIHTA schreibt selbst, die Nachbeobachtungszeiten der meisten eingeschlossenen Studien seien zu kurz, um langfristige Effekte zu zeigen. Und es warnt ausdrücklich davor, dass Aus- und Weiterbildungen, die nicht sensibel und gut strukturiert sind, bestehende Vorurteile unbeabsichtigt auch verstärken können. Das ist inhaltlich dieselbe Aussage wie das Vorhersageintervall bei Jayawickrama, das von -0,93 bis +0,31 reicht: Die nächste Schulung kann auch nach hinten losgehen.
Wer eine der beiden Quellen als „Schulung wirkt“ oder „Schulung bringt nichts“ zitiert, zitiert sie falsch. Beides steht in keinem der beiden Dokumente.
Der Teil, den beide teilen und den niemand zitiert
Der AIHTA-Bericht besteht nicht nur aus der Wirksamkeitsanalyse. Sein erster Teil sammelt Empfehlungen, und dort steht eine Checkliste, die konkreter ist als alles, was in der Schulungsdebatte verhandelt wird. Sechzehn Quellen, acht Leitlinienpapiere und acht Übersichtsarbeiten, empfehlen strukturelle Maßnahmen:
- barrierefreie Zugänge
- breite Sitzmöglichkeiten ohne Armlehnen im Wartezimmer
- barrierefreie Toiletten mit Haltegriffen
- ein privater Ort zum Wiegen, und die Möglichkeit, gewogen zu werden, ohne das eigene Gewicht sehen zu müssen
- passende Blutdruckmanschetten, Maßbänder, Untersuchungsinstrumente und Kittel
- Waagen mit einem Messbereich von 150 bis 300 Kilogramm
- Untersuchungsliegen, Stühle und Krankenhausbetten mit passender Breite und ausreichender Tragfähigkeit
- keine stigmatisierenden Bilder an Wänden, in Magazinen, auf der Website und in sozialen Medien, also keine isolierten Körperteile, keine Menschen ohne Gesicht, keine Stereotypen
Dazu kommen die Policy-Empfehlungen aus zehn Leitlinienpapieren und sieben Übersichtsarbeiten. Eine davon ist für den deutschsprachigen Raum neu: Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts solle formal als legitimes soziales Anliegen anerkannt und in das Antidiskriminierungsgesetz aufgenommen werden, das Diskriminierung wegen anderer persönlicher Eigenschaften bereits verbietet.
Diese Forderung kennen wir. Wir haben sie in unserem Beitrag zur ADS-Studie beschrieben, wo sie von der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung und von den Forschenden der Antidiskriminierungsstelle kommt. Neu ist, wer sie jetzt zusätzlich erhebt: eine staatlich getragene HTA-Agentur, in einem Evidenzbericht, adressiert an Entscheidungsträgerinnen im Gesundheitssystem. Das ist ein anderer Absender als eine Interessenvertretung.
Die Pointe
Und jetzt der Satz, an dem die ganze Debatte hängt. Im Fazit des Berichts steht, dass Interventionen für Kinder und Jugendliche sowie strukturelle Maßnahmen in den identifizierten Studien nicht untersucht wurden. Weiter oben, in der Diskussion, steht dasselbe noch einmal ausführlicher: Die Wirksamkeit empfohlener Strategien wie kommunikationsbasierter Interventionen, Änderungen der Umgebung und Empowerment-Strategien für Patientinnen sei bisher nicht untersucht worden.
Es gibt also keine einzige Wirksamkeitsstudie zu der Frage, ob ein Wartezimmer mit passenden Stühlen und eine Waage mit ausreichendem Messbereich etwas an der Versorgung ändern. Nicht, weil es geprüft und verworfen worden wäre. Weil niemand geprüft hat.
Die Schulungsdebatte ist deshalb so laut, weil Schulungen das Einzige sind, was regelmäßig evaluiert wird. Sie sind billig zu fordern, leicht zu messen, sie erzeugen Teilnahmebescheinigungen, und sie hinterlassen niemanden mit einer Rechnung für neue Untersuchungsliegen. Die Maßnahmen, die man an einem Nachmittag überprüfen könnte, indem man ein Wartezimmer betritt und eine Waage anschaut, haben keine Evidenzbasis, weil sie nie zum Forschungsgegenstand gemacht wurden.
Das ist keine Entlastung für Schulungen und kein Beweis für Ausstattung. Es ist eine Aussage darüber, was in den letzten zehn Jahren für messenswert gehalten wurde.
Zur Einordnung des Absenders
Das AIHTA ist Teil des Gesundheitssystems und argumentiert aus dessen Rahmen heraus. Der Bericht behandelt Übergewicht und Adipositas als medizinische Kategorien, führt Therapieempfehlungen auf und stützt sich in Teilen auf Leitlinien von Fachgesellschaften, die ein Interesse an Behandlung haben. Wer ihn liest, sollte das wissen.
Bemerkenswert ist dennoch, was er empfiehlt: Das Health-at-Every-Size-Modell wird mehrfach als zentraler Ansatz genannt, mit der Begründung, der Fokus liege dort auf Gesundheit und Wohlbefinden statt auf Gewichtsreduktion. Auch die Re-Evaluierung von Interventionen und Leitlinien mit gewichtszentriertem Ansatz, also mit dem BMI als Gesundheitsindikator, steht als Empfehlung im Bericht. Das ist eine Position, die man von einer HTA-Agentur nicht erwartet.
Die externe Begutachtung übernahmen Friedrich Schorb von der Universität Bremen und Martina Hermann-Thurner aus Österreich. Der Bericht weist ausdrücklich darauf hin, dass die externen Gutachtenden nicht Mitautoren sind und dem Inhalt nicht notwendigerweise zustimmen. Interessenkonflikte der Autorinnen werden verneint.
Eine kleine Unstimmigkeit im Bericht selbst, der Vollständigkeit halber: Im Ergebnisteil sind zwölf Instrumente für explizite und zwei für implizite Gewichtsvorurteile aufgeführt, im Diskussionsteil zehn und eines. An der Größenordnung ändert das nichts.
Was daraus folgt
Wer in Deutschland oder Österreich etwas gegen Gewichtsstigmatisierung im Gesundheitswesen tun will, hat nach diesen beiden Dokumenten zwei Wege. Der erste ist gut untersucht und wirkt begrenzt und kurzfristig auf das, was Menschen sagen. Der zweite ist gar nicht untersucht, aber überprüfbar, ohne dass man eine Studie braucht.
Wir werden weiter beide Quellen zitieren. Aber keine von beiden als Beleg dafür, dass Schulung wirkt oder nicht wirkt.
Quellen
- Wolf, S. und Kern, J.: Strategien zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung bei Personen mit Übergewicht oder Adipositas im Gesundheitswesen. AIHTA Projektbericht Nr. 160, Wien, November 2024. Volltext: https://eprints.aihta.at/1547/
- Jayawickrama, R. S. et al.: Interventions to reduce weight stigma in healthcare students. Obesity Reviews 26(2):e13847, online 8. Oktober 2024. DOI 10.1111/obr.13847
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland, siehe unseren Beitrag zur AGG-Lücke
Bild: eigene Redaktionsgrafik.










