Was 922 spanische Gesundheitsfachkräfte über dicke Patient:innen glauben

Sprechzimmer in einer Klinik: Eine sehr dicke Frau in Alltagskleidung sitzt auf einer breiten Bank und spricht mit einer aufmerksam zuhörenden Ärztin im weißen Kittel am Schreibtisch. KI-generiertes Motiv, keine realen Personen.

Die Autor:innen einer neuen Studie geben an, dass bisher niemand Gewichtsstigma unter Gesundheitsfachkräften in Spanien untersucht hatte. Jetzt gibt es Zahlen, und sie lassen sich prüfen, denn Studie und Daten sind offen zugänglich.

Die Studie von David Sánchez-Carracedo, Albert Fornieles-Deu, Dimitra Anastasiadou und Stuart W. Flint erschien am 18. Juni 2026 in PLOS One (21(6): e0351868, Open Access). Es ist eine Querschnittsbefragung im Internet mit 922 Gesundheitsfachkräften. Ihr Kernbefund lautet nicht, dass einzelne Behandelnde unfreundlich wären. Er lautet: Wer Körpergewicht vor allem für eine Frage persönlichen Einsatzes hält, erreicht auf zwei gängigen Skalen für Anti-Fat-Einstellungen auch höhere Werte.

Wer geantwortet hat und wann

Zehn spanische Fachgesellschaften verschickten den Link an ihre Mitglieder, darunter Gesellschaften für Adipositasforschung, Diabetes, Endokrinologie, Pädiatrie, Innere Medizin und Adipositaschirurgie. Die Autor:innen sprechen von einer nicht zufällig gezogenen Gelegenheitsstichprobe. Weil die Gesellschaften den Link weiterleiteten, weiß das Team nicht, wie viele Personen ihn erhielten. Eine Rücklaufquote gibt es deshalb nicht. Die Daten wurden zwischen Anfang Juli und dem 21. Oktober 2020 erhoben, also knapp sechs Jahre vor der Veröffentlichung.

Von den 922 Befragten waren 74,1 Prozent Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 43,7 Jahren, der mittlere BMI bei 23,7. Pädiater:innen bildeten mit 36,4 Prozent die größte Gruppe, rund 85 Prozent arbeiteten im öffentlichen Sektor, und etwa 89 Prozent gaben an, Patient:innen mit höherem Körpergewicht zu betreuen. Fast 30 Prozent der Befragten lebten selbst mit Übergewicht oder Adipositas. Gewicht und Größe waren selbst angegeben.

Zwei Skalen und acht Fragen

Die Einstellungen wurden mit zwei etablierten Instrumenten gemessen. Die Unterskala „Dislike“ des Anti-Fat-Attitudes-Fragebogens hat sieben Items auf einer Skala von 1 bis 7. Die Kurzform der Fat Phobia Scale verlangt, Menschen mit höherem Körpergewicht zwischen 14 gegensätzlichen Adjektivpaaren einzuordnen, etwa „hat Willenskraft“ und „hat keine Willenskraft“, auf einer Skala von 1 bis 5.

Die Ergebnisse sehen je nach Skala unterschiedlich aus. Der Mittelwert der Fat Phobia Scale lag bei 3,53 (Standardabweichung 0,44), also über der Skalenmitte von 3. Die Autor:innen vergleichen ihn mit 3,40 in einer früheren multinationalen Befragung von Gesundheitsfachkräften. Der Mittelwert der Dislike-Skala lag bei 2,09 (Standardabweichung 0,88), auf einer Skala von 1 bis 7 deutlich unter der Mitte. Die Autor:innen fassen beides als negative Einstellungen zusammen. Genauer gelesen heißt das: Stereotype waren klar vorhanden, offene Abneigung war im Durchschnitt gering.

Überzeugungen zu Ursachen und Behandlung stammen aus acht Fragen der ASK-Studie, einer multinationalen Befragung von Gesundheitsfachkräften. Diese Fragen sind keine validierte Skala, das sagen die Autor:innen selbst. Die spanische Fassung der Fat Phobia Scale wurde aus einer mexikanischen Version angepasst und ist in Spanien nicht formal validiert.

Die Überzeugungen hinter den Werten

Unter den 922 Befragten:

  • 38,1 Prozent führten Überessen vor allem auf Ursachen in der Person zurück: Esssucht, Völlerei oder emotionales Essen. Die häufigste Einzelantwort mit 36,1 Prozent war eine Fehlfunktion der körpereigenen Appetit- und Sättigungsregulation.
  • 65,6 Prozent sagten, Adipositas lasse sich durch den Einsatz für einen gesunden Lebensstil vollständig verhindern, und 58,9 Prozent sagten, sie lasse sich so heilen.
  • 57,3 Prozent nannten mangelnde Motivation oder Selbstdisziplin als Hauptgrund dafür, dass Abnehmen schwerfällt.
  • 32,8 Prozent erklärten ausbleibenden Gewichtsverlust in einem Lebensstilprogramm mit schlechter Mitarbeit wegen fehlender Motivation, und 35,4 Prozent erklärten Wiederzunahme mit Ernährung und Lebensstilentscheidungen der Person.

Wer diese Überzeugungen teilte, erreichte höhere Stigmawerte, jeweils auf mindestens einer der beiden Skalen. Eine Frage zeigte keinen solchen Zusammenhang: Was die Befragten für die wirksamste Behandlung schwerer Adipositas hielten, hing nicht mit ihren Stigmawerten zusammen. Dieser Artikel bewertet keine Behandlung, und der Punkt der Studie ist die Zuschreibung, nicht die Frage, welche Maßnahme wirkt.

Wer höher lag

Gesundheitsfachkräfte mit Unter- oder Normalgewicht erreichten auf beiden Skalen höhere Werte als solche mit Adipositas. Auf der Fat Phobia Scale lagen Befragte bis 35 Jahre höher als Befragte ab 55. Die Fachrichtungen unterschieden sich auf der Fat Phobia Scale, aber die paarweisen Vergleiche zwischen den Fachrichtungen waren nicht signifikant. Eine Rangfolge der Berufsgruppen lässt sich der Studie deshalb nicht entnehmen.

Ein Ergebnis lässt sich gar nicht berichten. Laut Abstract war die Arbeit im privaten Sektor mit höheren Dislike-Werten verbunden, laut Ergebnisteil lag dagegen der öffentliche Sektor signifikant höher. Beide Aussagen widersprechen sich, wir geben keine von beiden wieder.

Was die Studie nicht sagen kann

Sie misst, was Fachkräfte zu glauben angeben, nicht was sie in der Sprechstunde tun. Die Vermutung der Autor:innen, diese Einstellungen könnten zu unangemessener Versorgung und Ungleichbehandlung beitragen, ist eine Hypothese, gestützt auf frühere Forschung, die sie zitieren, kein Befund dieser Befragung. Patient:innen wurden nicht befragt.

Das Design ist ein Querschnitt, der Zusammenhang zwischen Überzeugung und Stigmawert zeigt also eine Assoziation, keine Ursache. Die Stichprobe ist selbst gewählt und stammt aus Gesellschaften mit Interesse an Adipositas. Die Autor:innen halten es für möglich, dass Menschen mit besonderem Interesse am Thema eher teilnahmen. Die Daten von 2020 liegen vor spanischen Leitlinien zu stigmafreier Versorgung, die die Autor:innen als neu anführen. Die acht Überzeugungsfragen sind nicht validiert, und in der Auswertung der Befragung gilt ein „Ja“ zu Verhinderung und Heilung von Adipositas durch Lebensstil als falsche Antwort. Dieses Urteil stammt von den Autor:innen der ASK-Studie, nicht aus etwas, das in Spanien gemessen wurde.

Warum es trotzdem zählt

Für Menschen, die Arzttermine wegen früherer Erfahrungen meiden, ist nicht die Rangliste der Berufsgruppen die nützliche Information. Es ist der Mechanismus, den die Studie prüft: Wenn Behandelnde Gewicht vor allem auf Willenskraft zurückführen, geht diese Zuschreibung mit höheren Werten auf zwei Stigmaskalen einher. Befragte mit Adipositas lagen niedriger als Befragte mit Normalgewicht, und warum, kann die Studie nicht sagen.

Die Daten der Studie liegen öffentlich im Open Science Framework (osf.io/xrbaf), sodass jede Person die Tabellen gegen diese Zusammenfassung prüfen kann. Deutschland, das Vereinigte Königreich und die USA sind von diesen Zahlen nicht erfasst, und nichts hier ist als Rate für ein anderes Land als Spanien im Jahr 2020 unter Mitgliedern der beteiligten Gesellschaften zu lesen.

Dies ist ein Bericht über Aufbau und Ergebnisse einer Studie, keine medizinische Beratung, und er empfiehlt keine Behandlung.

Quelle: Sánchez-Carracedo D, Fornieles-Deu A, Anastasiadou D, Flint SW. „Stigmatizing attitudes and misconceptions about obesity among Spanish healthcare professionals.“ PLOS One 2026;21(6):e0351868, doi.org/10.1371/journal.pone.0351868. Volltext gelesen am 29.09.2026. Grafik: Fatosphere Editorial.