Wer sich mit Körperpolitik beschäftigt, stolpert früher oder später über vier Buchstaben, die alle zu kennen glauben: HAES, kurz für Health at Every Size. Die einen halten es für einen Lebensstil, die anderen für eine Provokation. Die wenigsten haben gelesen, was tatsächlich darin steht.
Das hier ist die lange Fassung, und sie beginnt mit einer Korrektur in eigener Sache. In der ersten Version dieses Artikels haben wir HAES über fünf Prinzipien erklärt, die auf unzähligen Webseiten noch immer stehen. Diese fünf Prinzipien sind der Stand von 2013. Die Association for Size Diversity and Health (ASDAH), die den Rahmen verwaltet, hat sie ersetzt. Die aktuelle Fassung hat vier Prinzipien und liest sich deutlich anders. Wir haben den Text neu gebaut und die Studien nachgeschlagen, mit denen im Streit um HAES üblicherweise argumentiert wird.
Die Ein-Satz-Fassung
Health at Every Size ist ein Rahmen, der sagt: Der Zugang zu respektvoller, fachlich guter Gesundheitsversorgung darf nicht vom Körpergewicht abhängen, nicht von der Bereitschaft, abzunehmen, und auch nicht davon, ob jemand Gesundheit überhaupt als persönliches Ziel verfolgt.
Das ist enger als der Slogan und radikaler, als es klingt. Es ist keine Behauptung darüber, wer gesund ist. Es ist eine Aussage darüber, wer Versorgung bekommt und zu welchen Bedingungen.
Was sich geändert hat, und warum die alten fünf Prinzipien überall stehen
Der Begriff entstand Ende der 1990er Jahre. ASDAH gründete sich 2003 und formulierte damals die erste Fassung der Prinzipien, aufbauend auf bereits kursierenden Grundsätzen von Fachleuten wie Joanne Ikeda, Karen Kratina, Francie Berg und Deb Burgard. 2013 folgte eine Überarbeitung. Diese Fassung von 2013 ist die, die das halbe Netz bis heute zitiert:
- Weight inclusivity, also Größenvielfalt anerkennen
- Health enhancement, also Gesundheit fördern statt Gewicht senken
- Respectful care, also respektvolle Versorgung
- Eating for well-being, also achtsames statt regelgesteuertes Essen
- Life-enhancing movement, also Bewegung, die Freude macht
Falsch ist daran nichts, aktuell ist es nicht mehr. ASDAH hat die Prinzipien über Umfragen und Fokusgruppen erneut überarbeitet und zwischen 2022 und 2024 zusätzlich einen Framework of Care veröffentlicht, also einen Handlungsrahmen für Behandelnde. Auf der ASDAH-Seite selbst steht die Datierung zweimal unterschiedlich: In der Einleitung heißt es, die Prinzipien seien 2013 und zuletzt 2024 überarbeitet worden, im Geschichtsabschnitt weiter unten wird die dritte und aktuelle Überarbeitung auf 2022 bis 2023 datiert. Wir vermerken den Widerspruch, statt uns eine Jahreszahl auszusuchen, denn genau solche Details werden jahrzehntelang falsch abgeschrieben.
Auch die Urheberfrage wird meist verkürzt erzählt. HAES wird häufig Lindo Bacon zugeschrieben, dessen Buch von 2008 den Begriff einem breiten Publikum bekannt machte. Die aktuellen ASDAH-Materialien bauen auf keiner einzelnen Autorenschaft auf, und die letzte Überarbeitung verantworteten laut ASDAH ani janzen, Angel Austin, Veronica Garnett, Da’Shaun Harrison und Pontsho Pilane. Wer HAES aus einem Buch kennt, kennt eine Fassung, über die die Trägerorganisation hinausgegangen ist.
Die vier Prinzipien von heute
Sinngemäß nach der aktuellen ASDAH-Formulierung:
Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht für Menschen jeder Größe, ausdrücklich auch für Menschen am äußersten Ende des Größenspektrums. Der Zugang darf nicht daran hängen, einen bestimmten BMI zu erreichen, abnehmen zu wollen oder Gesundheit als Wert zu vertreten.
Wohlbefinden, Fürsorge und Heilung sind gemeinschaftlich und zugleich zutiefst persönlich. Gesundheit liegt auf einem Kontinuum, das sich mit Zeit und Umständen verschiebt. Dazu gehören auch saubere Luft, sauberes Wasser und gerechter Zugang zu Lebensmitteln. Jede Person ist Expertin für den eigenen Körper und entscheidet selbst, welchen Rang Gesundheit neben allem anderen im Leben hat.
Versorgung ist erst dann vollständig, wenn sie frei von Anti-Fett-Bias ist und alle Körpergrößen mitdenkt. Wenn Forschung, Politik, Ausbildung und Praxis Teile des Größenspektrums auslassen, ist die darauf gebaute Versorgung unvollständig.
Gesundheit ist ein gesellschaftlich-politisches Konstrukt und spiegelt die Werte einer Gesellschaft. Die heutige Definition trägt laut ASDAH die Spuren von weißer Vorherrschaft, Anti-Schwarzem Rassismus, Ableismus und Healthism. Unabhängig von der Definition gilt: Zugang zu Versorgung darf nie vom Gesundheitszustand oder von der Befolgung von Gesundheitsratschlägen abhängen.
Bemerkenswert ist, was verschwunden ist. Die Liste von 2013 beschrieb Verhalten: wie man isst, wie man sich bewegt. Die aktuelle Liste beschreibt Zugangsbedingungen und die Politik des Wortes Gesundheit. Das ist eine bewusste Verengung, und sie macht den Rahmen als Wellness-Produkt deutlich schlechter verkäuflich.
Der Framework of Care, kurz übersetzt
Neben den Prinzipien hat ASDAH einen Handlungsrahmen mit zehn Elementen veröffentlicht, der sich an Behandelnde richtet, nicht an Patient:innen. Verkürzt sollen HAES-orientierte Behandelnde:
- ihre Praxis in Befreiungsbewegungen verankern, wobei HAES selbst ausdrücklich keine ist
- körperliche Selbstbestimmung achten, einschließlich der Wahl zwischen Behandlungsoptionen
- Aufklärung so leisten, dass auch das benannt wird, was die Medizin nicht weiß
- mitfühlend behandeln, aus Empathie und nicht aus Mitleid
- gewichtsbezogene Forschung kritisch lesen, auch die hinter der eigenen Ausbildung
- die Fähigkeiten und die Ausstattung haben, dicke Körper fachgerecht zu untersuchen und zu behandeln
- die eigene Türsteherrolle im System verstehen und schadensmindernd nutzen
- Werkzeuge anbieten, die Gesundheitsziele ohne Gewichtsabnahme unterstützen
- den eigenen Anti-Fett-Bias bearbeiten, auch als dicke Behandelnde
- an strukturellem Anti-Fett-Bias in Einrichtungen und Politik arbeiten
Punkt 6 ist der unideologischste und der aufschlussreichste. Eine Blutdruckmanschette, die nicht passt, ist kein weltanschauliches Problem. Sie ist ein Messfehler, der in die Akte wandert.
Was die Forschung wirklich hergibt, inklusive unseres eigenen Fehlers
An dieser Stelle stand bisher, gewichtsneutrale Programme verbesserten Gesundheitswerte und in mehreren Studien hätten die gewichtsneutralen Gruppen Verbesserungen gehalten, die die Diätgruppen wieder verloren. Der zweite Teil dieses Satzes stützt sich im Kern auf eine einzige Studie, und das Gesamtbild ist bescheidener, als wir es dargestellt haben. Hier die Belege, chronologisch.
Die Leitstudie. Bacon und Kolleg:innen (2005) führten eine sechsmonatige randomisierte Studie mit zweijähriger Nachbeobachtung durch: 78 weiße Frauen zwischen 30 und 45 Jahren, beschrieben als chronisch diäthaltende Frauen mit Adipositas, zugeteilt entweder zu einem Health-at-Every-Size-Programm oder zu einem Diätprogramm. Nach zwei Jahren hatte die HAES-Gruppe ihr Gewicht gehalten und Verbesserungen über alle Zielgrößen hinweg bewahrt. Die Diätgruppe hatte abgenommen, nach einem Jahr Verbesserungen gezeigt, dann das Gewicht wieder zugenommen, und von den Verbesserungen blieb wenig. Die aussagekräftigste Zahl wird selten zitiert: 41 Prozent der Diätgruppe brachen innerhalb von sechs Monaten ab, in der HAES-Gruppe waren es 8 Prozent. Zur Zwei-Jahres-Untersuchung kam jeweils nur die Hälfte zurück. Eine einzelne Studie mit 78 Frauen aus einer einzigen demografischen Gruppe ist ein Anfang, kein Beweis.
Die systematischen Übersichtsarbeiten. Clifford und Kolleg:innen (2015) werteten 18 Artikel zu 16 Studien über Nicht-Diät-Ansätze aus und fanden statistisch signifikante Verbesserungen bei gestörtem Essverhalten, Selbstwert und Depressivität. Ebenso wichtig für die Debatte: Keine der Interventionen führte zu signifikanter Gewichtszunahme oder zu schlechteren Werten bei Blutdruck, Blutzucker oder Cholesterin, und in zwei Studien verbesserten sich biochemische Werte gegenüber der Kontroll- oder Diätgruppe signifikant. Ulian und Kolleg:innen (2018) werteten 14 Arbeiten zu HAES-basierten Studien aus und fanden Vorteile bei psychologischen Zielgrößen und körperlicher Aktivität sowie Veränderungen im Essverhalten, während die Ergebnisse zu Herz-Kreislauf-Werten, Körperbild und Gesamtenergiezufuhr uneinheitlich blieben. Ihr Fazit ist die Forderung nach großen Langzeitstudien, keine Siegesmeldung.
Die Meta-Analyse, die alle Beteiligten bremsen sollte. Dugmore und Kolleg:innen (2020) stellten den direkten Vergleich an, also Studien mit einem gewichtsneutralen und einem gewichtsreduzierenden Arm. Von 525 gesichteten Arbeiten erfüllten zehn die Kriterien. Gewichtsneutrale Ansätze schnitten bei genau einer Zielgröße besser ab, bei Bulimie, mit p = 0,02. Bei allen anderen körperlichen, psychischen und verhaltensbezogenen Zielgrößen gab es keine signifikanten Unterschiede. Das Fazit ist eine Gleichwertigkeitsaussage: Gewichtsneutrale Ansätze könnten so wirksam sein wie gewichtsreduzierende. Die Autor:innen nennen zugleich die Schwäche des Feldes, nämlich dass beide Ansätze von Studie zu Studie unterschiedlich definiert sind und die Nachbeobachtungszeiträume stark schwanken.
Was das ergibt. Die belastbare Aussage lautet nicht, dass gewichtsneutrale Versorgung gewinnt. Sie lautet: Gewichtsneutrale Versorgung schneidet bei Gesundheitszielen etwa gleich ab, bei gestörtem Essverhalten besser, und sie hält deutlich mehr Menschen in der Behandlung. Gemessen daran, dass die Alternative etwas verlangt, das laut den meisten Studien langfristig nicht hält, ist Gleichwertigkeit plus Verbleib kein kleines Ergebnis. Es ist nur ein anderes Ergebnis als das, was der Slogan verspricht.
Eine weitere Vorsicht, damit wir nicht tun, was wir anderen vorwerfen: ASDAHs eigene Evidenz-Zusammenfassung stützt sich auf Beobachtungsstudien, nach denen absichtliche Gewichtsabnahme in manchen Gruppen mit höherer Sterblichkeit einhergeht. Solche Daten können absichtliche nicht von krankheitsbedingter Gewichtsabnahme trennen, die Kausalaussage ist umstritten. Wir berichten, dass ASDAH das anführt. Wir übernehmen es nicht als gesichert. Wer die längere Argumentation dazu sucht, wie Finanzierung und Fragestellung prägen, was über Gewicht veröffentlicht wird, findet sie in unserem Beitrag dazu, wer die Stigma-Studie bezahlt.
HAES in Deutschland: ein Wort, das nicht vorkommt
Die deutschsprachige Auseinandersetzung mit HAES ist dünn, und dafür gibt es einen handfesten Grund. Das maßgebliche Dokument dafür, wie dicke Menschen in Deutschland behandelt werden, ist die S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“, AWMF-Registernummer 050-001, Version 5.0 vom 7. Oktober 2024, gültig bis Oktober 2029, federführend die Deutsche Adipositas-Gesellschaft. Wir haben die vollständige Langfassung mit 250 Seiten am 5. August 2026 durchsucht.
„Health at Every Size“ kommt null mal vor. „HAES“ kommt null mal vor. „Gewichtsneutral“ kommt null mal vor.
Was vorkommt, ist Stigma: Der Wortstamm taucht 123 mal auf, und Version 5.0 hat ein komplett neues Kapitel zur Stigmatisierung aufgenommen, Kapitel 2, auf Basis einer eigenen systematischen Literaturrecherche, eingeleitet mit der Feststellung, dass Diskriminierung und Stigmatisierung dicker Menschen in Gesellschaft und Gesundheitssystem eher zunehmen. Die Leitlinie zitiert eine Meta-Analyse, nach der 19,2 Prozent der Menschen mit Adipositas Grad I und 41,8 Prozent mit Grad II oder III gewichtsbezogene Diskriminierung erfahren haben, gegenüber 5,7 Prozent bei Normalgewicht. Sie fordert people-first-Sprache und nicht stigmatisierende Bebilderung und verweist auf den Medienleitfaden der DAG.
Und dann zieht sie den entgegengesetzten Schluss zu dem, den HAES zieht. Das Kapitel endet mit dem Argument, die Empfehlungen zur nicht stigmatisierenden Prävention und Therapie sollten durch Public-Health-Maßnahmen flankiert werden, und die Anerkennung der Adipositas als Krankheit impliziere eine flächendeckende Bereitstellung evidenzbasierter, abrechenbarer Adipositastherapie in langfristiger Perspektive. Als Erfolgsmaßstab nennt die Leitlinie an anderer Stelle eine gehaltene Gewichtsabnahme von mindestens 5 Prozent.
Beide Rahmen sind sich also inzwischen einig, dass Stigmatisierung schadet. Über die Konsequenz sind sie es überhaupt nicht. In der deutschen Leitlinie ist Entstigmatisierung ein Argument für mehr Behandlung und bessere Erstattung. In HAES ist sie ein Argument für Versorgung, die keine Behandlung als Eintrittspreis verlangt. Das ist keine Übersetzungslücke, das ist ein echter Dissens. Und er erklärt, warum eine Patientin in Deutschland von einer Ärztin behandelt werden kann, die ein Kapitel über Gewichtsstigma gelesen hat, und trotzdem hört, sie solle mit fünf Prozent weniger wiederkommen. Die Geldseite derselben Frage haben wir am Vergleich Frankreich zahlt, Deutschland nicht auseinandergenommen.
Zwei kleine Befunde am Rand, die dasselbe Bild ergeben. ASDAH bietet seine Prinzipien in einer spanischen Übersetzung an, eine deutsche gibt es nicht (Stand 5. August 2026). Und im ASDAH-Verzeichnis HAES-orientierter Behandelnder fand sich bei unserer Durchsicht am 31. Juli 2026 für Deutschland genau ein Eintrag, für Österreich und die Schweiz keiner. Wer im deutschsprachigen Raum praktische Hilfe sucht statt Rahmendebatten, findet in unseren Leitfäden gewichtsneutrale Ärztin oder Arzt finden und gewichtssensible Psychotherapie finden die realistischen Wege.
Was HAES nicht ist
Hier finden die meisten Streitigkeiten statt, also der Reihe nach. Mehrere dieser Punkte räumt ASDAH selbst als Mythos ab.
HAES behauptet nicht, dass alle dicken Menschen gesund sind. ASDAHs eigene Antwort auf diesen Mythos ist deutlich: An jedem Punkt des Größenspektrums gibt es gesündere und weniger gesunde Menschen, und selbst wenn jeder dicke Mensch krank wäre, hätte er Anspruch auf gute Versorgung.
HAES verbietet niemandem, den eigenen Körper zu verändern. Körperliche Selbstbestimmung ist eines der zehn Elemente des Handlungsrahmens, und sie gilt in beide Richtungen. Der Gegner heißt Zwang und Türsteherei, nicht individuelle Entscheidung.
HAES ignoriert keine Krankheiten. Es verlangt, dass Beschwerden direkt diagnostiziert und behandelt werden, statt mit „erst mal abnehmen“ abgeräumt zu werden. Genau dieses Alltagsversagen behandelt unser Leitfaden was tun, wenn die Ärztin alles aufs Gewicht schiebt.
HAES ist keine soziale Bewegung. Das überrascht Befürworter wie Gegner. ASDAH sagt es ausdrücklich: HAES ist eine Haltung zu Gesundheit und Versorgung, die sich an Befreiungsbewegungen ausrichten will, aber selbst keine ist. Die Überschneidung mit der Fat-Liberation-Bewegung ist real, deckungsgleich ist sie nicht, und deshalb wird der Fat Liberation Month auch von anderen Leuten getragen.
HAES ist nicht Body Positivity. Body Positivity verlangt, dass du deinen Körper gut findest. HAES stellt an deine Gefühle überhaupt keine Anforderung. Wen die Unterscheidung interessiert: Body Neutrality liegt näher an der HAES-Position als Body Positivity.
HAES ist nicht gesundheitsfeindlich. Zurückgewiesen wird die Gleichsetzung von Gewicht und Gesundheit, nicht die Gesundheit.
Warum das für deine Behandlung zählt
Es geht nicht um Vokabeln, sondern darum, was in einer Viertelstunde Sprechzeit passiert.
Wenn Gewichtsabnahme die Vorbedingung für Versorgung ist, folgen drei Dinge. Erkrankungen werden übersehen, weil die Differenzialdiagnose bei der Waage endet. Betroffene meiden Termine, und dieses Meiden ist selbst ein Gesundheitsrisiko, das sich über Jahre still aufsummiert. Und Menschen lernen, den eigenen Körper als persönliches Versagen zu erklären. Das ist messbar: Wir haben uns angesehen, wer sich selbst die Schuld gibt und wer nicht, und was Stigmatisierung mit der Psyche macht, steht in unserem Leitfaden zu Gewichtsstigma und psychischer Gesundheit.
Nichts davon verlangt, dass du dich einem Rahmen anschließt. Ausgerechnet die unideologischsten Teile von HAES würden deine Versorgung am stärksten verändern: passende Ausstattung, eine Differenzialdiagnose, die nicht beim Gewicht aufhört, und eine Aufklärung, die auch das Unbekannte benennt. Wo das scheitert und das Problem rechtlich statt medizinisch ist, hilft unser Leitfaden zu Gewichtsdiskriminierung und was du tun kannst.
Häufige Fragen
Ist HAES evidenzbasiert?
Teilweise, und die ehrliche Antwort hängt an der jeweiligen Behauptung. Dass gewichtsneutrale Versorgung bei Gesundheitszielen vergleichbar abschneidet wie gewichtsreduzierende, stützt eine Meta-Analyse von 2020 über zehn Vergleichsstudien. Dass sie psychisch besser abschneidet und mehr Menschen in der Behandlung hält, ist ordentlich belegt. Dass sie durchgängig überlegen wäre, ist es nicht. Die Datenbasis ist klein, die Definitionen sind uneinheitlich, und alle großen Übersichtsarbeiten enden mit der Forderung nach größeren Langzeitstudien.
Heißt HAES, dass ich nicht abnehmen darf?
Nein. HAES ist eine Position dazu, wie Versorgung erbracht werden soll, keine Vorschrift, was du mit deinem Körper machst. Selbstbestimmung steht ausdrücklich im Handlungsrahmen. Wogegen sich HAES richtet, ist das Zurückhalten von Versorgung bis zur Erfüllung einer Auflage.
Ist HAES dasselbe wie intuitives Essen?
Nein, auch wenn beides oft zusammen genannt wird. Intuitives Essen ist ein eigener Ansatz mit eigener Literatur. Die HAES-Prinzipien von 2013 enthielten etwas Ähnliches. Die aktuellen vier Prinzipien erwähnen Essen überhaupt nicht.
Wer entscheidet, was HAES ist?
ASDAH hält die Marke und veröffentlicht Prinzipien und Handlungsrahmen. Es gibt keine Zertifizierungsstelle, die den lockeren Gebrauch des Begriffs verhindern könnte. „HAES-informiert“ auf einer Praxis-Website ist deshalb eine Behauptung, kein Nachweis. Wie du das prüfst, steht in unserem Leitfaden zur gewichtsneutralen Praxissuche.
Warum benutzt in Deutschland kaum jemand den Begriff?
Weil die deutsche Leitlinienmedizin ihn nie übernommen hat. Die nationale Adipositas-Leitlinie von 2024 enthält den Ausdruck kein einziges Mal, widmet dem Gewichtsstigma aber ein neues Kapitel. Deutsche Behandelnde haben also das Vokabular der Stigmatisierung, ohne den Rahmen, der die Verordnung ändern würde.
Das Fazit
Health at Every Size ist kein Versprechen, dass mit allen alles in Ordnung ist, und es ist längst nicht mehr die fünfteilige Wellness-Checkliste, die das Netz weiterhin nachdruckt. In seiner heutigen Form ist es ein kurzes, ziemlich unbequemes Argument über Zugang: dass Versorgung ein Recht ist und keine Belohnung, dass Gesundheit ein umkämpfter Begriff ist und kein neutraler, und dass ein Körper nicht erst kleiner werden muss, um gute Medizin zu verdienen.
Die Forschung sagt: Gewichtsneutrale Versorgung wirkt ungefähr genauso gut und verliert unterwegs sehr viel weniger Menschen. Das ist eine kleinere Behauptung als der Slogan und eine deutlich schwerer abzuräumende.
Fatosphere hält eine rote Linie: Wir bewerben keine Diät- oder Abnehmprodukte und veröffentlichen keine Vorher-Nachher-Logik. Dieser Artikel berichtet, was Forschung und Leitlinien sagen, ohne eine Abnehmbehandlung zu empfehlen.
Quellen
- Association for Size Diversity and Health (ASDAH), Health at Every Size Principles und Framework of Care, asdah.org/haes/, gelesen am 5. August 2026.
- Bacon L, Stern JS, Van Loan MD, Keim NL. Size acceptance and intuitive eating improve health for obese, female chronic dieters. Journal of the American Dietetic Association 2005;105(6):929-936. DOI 10.1016/j.jada.2005.03.011.
- Clifford D, Ozier A, Bundros J, Moore J, Kreiser A, Morris MN. Impact of non-diet approaches on attitudes, behaviors, and health outcomes: a systematic review. Journal of Nutrition Education and Behavior 2015;47(2):143-155. DOI 10.1016/j.jneb.2014.12.002.
- Ulian MD, Aburad L, da Silva Oliveira MS, u. a. Effects of Health at Every Size interventions on health-related outcomes of people with overweight and obesity: a systematic review. Obesity Reviews 2018;19(12):1659-1666. DOI 10.1111/obr.12749.
- Dugmore JA, Winten CG, Niven HE, Bauer J. Effects of weight-neutral approaches compared with traditional weight-loss approaches on behavioral, physical, and psychological health outcomes: a systematic review and meta-analysis. Nutrition Reviews 2020;78(1):39-55. DOI 10.1093/nutrit/nuz020.
- Deutsche Adipositas-Gesellschaft (federführend). S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, AWMF-Registernummer 050-001, Version 5.0 vom 7. Oktober 2024, Langfassung, register.awmf.org.
Hinweis zur Veröffentlichung: Dieser Artikel wurde am 5. August 2026 deutlich erweitert und korrigiert. Die vorherige Fassung führte die Prinzipien von 2013 als aktuell und hat die Vergleichsevidenz überzeichnet.