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  • Erst Krankheit, dann Kasse: Was der G-BA-Vorstoß dicke Menschen kosten würde

    Erst Krankheit, dann Kasse: Was der G-BA-Vorstoß dicke Menschen kosten würde

    Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses hat etwas gesagt, das in Deutschland aus dieser Position noch niemand gesagt hat. Und sie hat dabei sehr genau benannt, wo der Preis liegt.

    Sonja Optendrenk führt seit Anfang Juli 2026 den G-BA, das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Es entscheidet, welche Leistungen die gesetzlichen Kassen ihren 74 Millionen Versicherten erstatten. Anfang August sagte sie dem Spiegel, sie halte es für überlegenswert, Abnehmmittel unter bestimmten Bedingungen als Kassenleistung anzuerkennen. Wörtlich, wiedergegeben von der Nachrichtenagentur dts und vom Tagesspiegel: „Wir führen in Deutschland eine rückständige Diskussion über Adipositas.“ Andere Länder wie Großbritannien hätten „konsequent akzeptiert, dass das eine echte Krankheit ist, die sich nicht nur durch Sport und bessere Ernährung zurückdrehen lässt“.

    Das ist ein Vorstoß, kein Beschluss. Aber er kommt von der Stelle, die am Ende die Details regeln müsste, und er ist inhaltlich präziser, als solche Vorstöße normalerweise sind.

    Was im Gesetz tatsächlich steht

    Der Grund, warum Wegovy und Mounjaro in Deutschland selbst zu zahlen sind, steht in § 34 Absatz 1 des Fünften Sozialgesetzbuchs. Ausgeschlossen sind danach Arzneimittel, bei deren Anwendung „eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht“. Und dann folgt die Aufzählung, die man einmal im Wortlaut gelesen haben sollte. Ausgeschlossen sind insbesondere Arzneimittel, die überwiegend dienen:

    • zur Behandlung der erektilen Dysfunktion
    • zur Anreizung sowie Steigerung der sexuellen Potenz
    • zur Raucherentwöhnung
    • zur Abmagerung oder zur Zügelung des Appetits
    • zur Regulierung des Körpergewichts
    • zur Verbesserung des Haarwuchses

    Das ist die Gesellschaft, in der dicke Körper im deutschen Sozialrecht sitzen: zwischen Potenzmitteln und Haarwuchs. Nicht als Nebenwirkung einer verunglückten Formulierung, sondern als geltendes Recht.

    Optendrenk benennt genau diesen Punkt. Dass auch Arzneimittel, die ausdrücklich zur Behandlung der Adipositas zugelassen sind, unter diesen Paragrafen fallen, sei für Betroffene „ein Zeichen dafür, dass diese Anerkennung fehlt“.

    Das ist die ehrlichste Beschreibung des Problems, die aus dieser Ecke bisher gekommen ist. Es geht nicht nur um Geld. Es geht darum, in welche Liste ein Körper einsortiert wird.

    Der Präzedenzfall steht direkt daneben

    Was Optendrenks Vorschlag von einer Absichtserklärung unterscheidet, ist, dass die Vorlage bereits im selben Paragrafen steht.

    Für die Raucherentwöhnung hat der Gesetzgeber die Regel nämlich schon einmal aufgebrochen. § 34 Absatz 2 SGB V gibt Versicherten mit festgestellter schwerer Tabakabhängigkeit einen Anspruch auf eine einmalige Versorgung mit Arzneimitteln zur Tabakentwöhnung, allerdings nur im Rahmen evidenzbasierter Programme. Eine erneute Versorgung ist frühestens drei Jahre nach Abschluss der Behandlung möglich. Und die Details, also welche Arzneimittel unter welchen Voraussetzungen, legt der G-BA in seinen Richtlinien fest.

    Die Tabakentwöhnung steht damit weiterhin in der Ausschlussliste von Absatz 1 und hat trotzdem einen eng umrissenen Anspruch in Absatz 2. Der Gesetzgeber schneidet die Ausnahme, das Gremium füllt sie aus.

    Genau dieses Muster bringt Optendrenk ins Spiel: Der Gesetzgeber könnte den G-BA beauftragen zu klären, welche Patientengruppen die Arzneimittel bekommen sollten, wie lange und mit welchen Begleitmaßnahmen. Wer wissen will, wie so etwas praktisch aussieht, muss nicht spekulieren. Die Bedingungen der Tabak-Regelung sind der Bauplan: eine festgestellte Schwere, ein Programm drumherum, eine Sperrfrist.

    Der Preis steht im Satz mit drin

    Und hier wird es für dicke Menschen kompliziert, statt einfach nur gut.

    Der Weg zur Erstattung führt in Optendrenks eigener Argumentation über die Anerkennung als Krankheit. Großbritannien habe akzeptiert, dass das eine echte Krankheit sei. Zugang gibt es also, wenn der Körper als behandlungsbedürftig gilt.

    Das ist dieselbe Logik, die auch die deutsche Leitlinienmedizin fährt. Die S3-Leitlinie zur Adipositas hat 2024 ein eigenes Kapitel zur Stigmatisierung bekommen, und dieses Kapitel endet mit dem Argument, die Anerkennung der Adipositas als Krankheit impliziere eine flächendeckende Bereitstellung abrechenbarer Therapie. Entstigmatisierung als Begründung für mehr Behandlung. Wir haben das ausführlich in unserem Beitrag dazu aufgeschrieben, was Health at Every Size wirklich meint, denn dort verläuft die Bruchlinie: Der eine Rahmen sagt, Versorgung müsse man sich nicht verdienen, der andere sagt, Versorgung gibt es, sobald der Körper eine Diagnose trägt.

    Beides ist besser als der Status quo, in dem dicke Menschen weder anerkannt noch versorgt werden. Aber es sind zwei verschiedene Zukünfte. In der einen bekommst du Versorgung, weil du ein Mensch bist. In der anderen bekommst du sie, weil du ein Fall bist.

    Ihr eigener Einwand ist der interessanteste Teil

    Optendrenk hat den Vorstoß selbst eingeschränkt, und zwar schärfer, als es die Schlagzeilen wiedergeben: „Solange das Gewicht nach dem Absetzen sofort zurückkommt, ist eine Spritze allein kein Versorgungskonzept.“ Langzeitstudien fehlten bislang.

    Der Satz lässt sich in zwei Richtungen lesen, und beide Lesarten werden in den nächsten Monaten benutzt werden.

    Gewichtsneutral gelesen heißt er: Ein Mittel, dessen Wirkung endet, wenn man es absetzt, ist kein Ersatz für eine Versorgung, die dicke Menschen ernst nimmt. Das deckt sich mit dem, was wir aus der Forschung ohnehin wissen, und es ist ein Argument gegen die Vorstellung, mit einem Rezept sei das Thema erledigt.

    Industrienah gelesen heißt derselbe Satz aber: Wenn das Gewicht nach dem Absetzen zurückkommt, darf eben nicht abgesetzt werden. Aus einer befristeten Behandlung wird eine dauerhafte Medikation, und aus einem Kostenpunkt wird ein Abonnement. Wer schon einmal verfolgt hat, wie in den USA um Erstattung gestritten wird, kennt dieses Argument. Wir haben die Zugangsfrage dort und in Frankreich in Frankreich zahlt, Deutschland nicht nachgezeichnet, die Klassenfrage in dick und arm.

    Welche Lesart sich durchsetzt, entscheidet sich nicht an ihrem Satz, sondern daran, wer die Begleitmaßnahmen definiert, von denen sie spricht.

    Was das für dicke Menschen praktisch bedeutet

    Kurzfristig: nichts. Es gibt keinen Beschluss, keinen Auftrag des Gesetzgebers und keinen Zeitplan. Wer heute ein Rezept will, zahlt weiterhin selbst.

    Mittelfristig lohnt es sich, auf drei Dinge zu achten, weil sie darüber entscheiden, ob eine Änderung Zugang schafft oder eine neue Hürde baut.

    Erstens die Zugangskriterien. Am Vorbild der Tabakregelung wird eine festgestellte Schwere verlangt werden. Bei Gewicht heißt das mit hoher Wahrscheinlichkeit BMI-Schwellen. Wer knapp darunter liegt, fällt raus, und die Grenze ist immer willkürlich.

    Zweitens die Begleitmaßnahmen. Verpflichtende Programme können gute Versorgung bedeuten oder eine Compliance-Prüfung, bei der Erstattung an nachgewiesenes Wohlverhalten geknüpft wird. Der Unterschied liegt im Detail und wird nicht im Gesetz stehen, sondern in einer Richtlinie.

    Drittens die Nebenwirkung auf alles andere. Eine Erstattung, die an die Anerkennung als Krankheit gekoppelt ist, verstärkt das Bild vom dicken Körper als Behandlungsfall. Das kann in derselben Praxis, in der es Zugang zu einem Medikament schafft, den Zugang zu allem anderen erschweren. Was in solchen Sprechzimmern passiert, steht in unserem Leitfaden dazu, was tun, wenn die Ärztin alles aufs Gewicht schiebt.

    Was wir hier nicht tun

    Wir empfehlen keine Abnehmmittel und wir raten von keinen ab. Das ist eine medizinische Entscheidung zwischen dir und einer Praxis, die dich ernst nimmt.

    Worum es hier geht, ist etwas anderes: dass ein Land, das dicke Körper im Gesetz neben Haarwuchsmittel stellt, gerade zum ersten Mal aus dem höchsten Selbstverwaltungsgremium hört, dass dieser Satz vielleicht falsch ist. Das ist eine gute Nachricht. Sie kommt nur mit einer Rechnung, und die Rechnung heißt Diagnose.

    Der Kostenbogen wird in der Debatte übrigens ebenfalls schon gespannt. Der Tagesspiegel beziffert die direkten medizinischen Kosten von Adipositas und ihren Folgeerkrankungen in Deutschland unter Verweis auf aktuelle Berechnungen auf rund 29 Milliarden Euro pro Jahr, ohne die Berechnung zu benennen. Wir führen die Zahl hier als das, was sie ist: ein Argument, das in der Debatte zirkuliert und dessen Quelle wir nicht am Original geprüft haben. Wer wissen will, warum das bei Zahlen zu dicken Menschen ein wiederkehrendes Problem ist, findet die längere Fassung in wer die Stigma-Studie bezahlt.

    Fatosphere hält eine rote Linie: Wir bewerben keine Diät- oder Abnehmprodukte und veröffentlichen keine Vorher-Nachher-Logik. Dieser Beitrag berichtet über eine gesundheitspolitische Debatte, ohne eine Behandlung zu empfehlen.

    Quellen

    • Sonja Optendrenk im Interview mit dem Spiegel, wiedergegeben von der dts Nachrichtenagentur (Presse Augsburg, 2. August 2026) und vom Tagesspiegel (2. August 2026). Das Interview selbst ist kostenpflichtig, die zitierten Sätze stimmen in beiden Wiedergaben überein.
    • § 34 Sozialgesetzbuch V, Absatz 1 (Ausschluss von Arzneimitteln, bei deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht) und Absatz 2 (Anspruch bei schwerer Tabakabhängigkeit), gelesen am 5. August 2026 auf gesetze-im-internet.de.
    • Deutsche Adipositas-Gesellschaft (federführend), S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Adipositas, AWMF-Registernummer 050-001, Version 5.0 vom 7. Oktober 2024, Kapitel 2 Stigmatisierung.

    Bildnachweis: Titelbild von Fatosphere, automatisch erzeugte Grafik, keine Fotografie und keine Abbildung realer Personen.

  • Dicke Männer geben sich selbst die Schuld

    Dicke Männer geben sich selbst die Schuld

    Von den brasilianischen Männern in der Kategorie, die die Studie „Adipositas Grad II“ nennt, stimmen 42,8 Prozent der Aussage zu, dicke Menschen seien für ihr Gewicht persönlich verantwortlich. Von den Frauen in genau derselben Gewichtskategorie sind es 15,0 Prozent.

    Gleiches Land, gleiche Befragung, gleiche Frage, gleiche Körper. Fast dreimal so viel Selbstbeschuldigung auf der männlichen Seite.

    Diese Lücke liegt seit März 2026 in einer begutachteten Fachzeitschrift, und fast niemand hat darüber geschrieben. Zum Teil, weil die Studie aus Brasilien kommt und nicht aus den USA. Zum Teil, weil dicke Männer die Gruppe sind, über die Fat-Aktivismus, Modeberichterstattung und Forschung gleichermaßen am wenigsten reden.

    Was die Studie ist

    Viola und Kolleg:innen haben die Auswertung am 9. März 2026 in Obesity Science & Practice veröffentlicht. Sie ist eine Teilauswertung einer größeren nationalen Befragung brasilianischer Erwachsener durch das Meinungsforschungsinstitut IPEC. Aus dieser Befragung haben die Forschenden die 653 Personen herausgezogen, deren selbst angegebene Größe und Gewicht rechnerisch einen BMI ab 30 ergaben.

    Von diesen 653: 368 Frauen, 284 Männer, eine nichtbinäre Person. Gut zwei Drittel gehörten zur sozioökonomischen Klasse C, dem unteren Mittelband der brasilianischen ABC-Einteilung. Rund 63 Prozent fielen in Grad I, 24 Prozent in Grad II, 13 Prozent in Grad III.

    Es ist eine Online-Panel-Befragung mit selbst berichtetem Gewicht, keine klinische Studie. Das ist wichtig dafür, wie viel die Zahlen tragen. Dazu unten mehr.

    Die Schuldlücke

    Über die gesamte Stichprobe stimmten 27,5 Prozent zu, dicke Menschen seien persönlich für ihr Gewicht verantwortlich. Nach Geschlecht getrennt ändert sich das Bild:

    • Persönlich verantwortlich: Männer 35,5 Prozent, Frauen 21,1 Prozent (p < 0,001)
    • Mangel an Willenskraft: Männer 30,9 Prozent, Frauen 20,4 Prozent (p = 0,002)
    • Fehlender Wille oder geringe Motivation: Männer 20,0 Prozent, Frauen 14,1 Prozent (p = 0,044)

    Drei Formulierungen derselben moralischen Idee, und Männer bejahen alle drei häufiger. In der Gruppe Grad II geht die Schere auf 42,8 gegen 15,0 Prozent auseinander.

    Das sind dicke Menschen, die über dicke Menschen sprechen. Es ist nicht die Meinung der dünnen Mehrheit über sie. Es ist das Geräusch eines Stigmas, das vollständig verschluckt wurde.

    Warum die Männerzahl die interessante ist

    Die Studie prüft keine Erklärungen für den Geschlechterunterschied, und wir tun es auch nicht. Aber zwei andere Befunde aus derselben Stichprobe weisen in eine Richtung, die man benennen sollte.

    Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden hatte nie eine formale Adipositas-Diagnose von einer medizinischen Fachkraft erhalten, Männer seltener als Frauen. Nur 40,2 Prozent berichteten von mindestens einem Arztbesuch pro Jahr, und Männer gaben häufiger als Frauen an, nur einmal in mehreren Jahren zur Ärztin zu gehen.

    Die Gruppe, die am stärksten glaubt, das Problem sei persönliche Willenskraft, ist also zugleich die Gruppe, die am seltensten in einem Sprechzimmer auftaucht. Ob der Glaube die Vermeidung antreibt oder die Vermeidung den Glauben schützt, kann die Studie nicht sagen. Dass beides in derselben Stichprobe zusammen auftritt, ist dokumentiert.

    Es gibt eine Version von Männlichkeit, in der das Bitten um Hilfe das Versagen ist, nicht der Zustand. Dicke Männer zahlen dafür offenbar doppelt: einmal für das Stigma, das alle anderen auf sie anwenden, und einmal für die Fassung, die sie auf sich selbst anwenden.

    Was in Deutschland gilt

    Eine vergleichbare aktuelle deutsche Erhebung zu Selbstbeschuldigung bei dicken Menschen ist uns nicht bekannt. Der Umweg über die Versorgungsdaten geht aber.

    Das Robert Koch-Institut hat für die Studie GEDA 2019/2020-EHIS die Inanspruchnahme ambulanter Leistungen erhoben. Ergebnis: Rund 80 Prozent der ab 18-Jährigen waren mindestens einmal im Jahr in hausärztlicher Behandlung, 60 Prozent in fachärztlicher, 10 Prozent in psychiatrischer oder psychotherapeutischer. Rund 80 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer ließen innerhalb eines Jahres den Blutdruck kontrollieren. Und als Muster über fast alle Indikatoren: Die Inanspruchnahme steigt mit dem Alter und ist bei Frauen höher als bei Männern, Ausnahme unter anderem die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung.

    Deutsche Männer gehen also ebenfalls seltener, in dieselbe Richtung wie in Brasilien. Was die RKI-Daten nicht sagen: ob Gewicht dabei eine Rolle spielt. Diese Verknüpfung fehlt in der deutschen Datenlage, und sie wäre die interessante.

    Die 11,6 Prozent, die nach guter Nachricht aussehen

    Dieselbe Studie fragte, wo dicke Menschen Diskriminierung erleben. Die Antworten der Reihe nach: Freizeit 48,2 Prozent, Arbeitsplatz 33,4 Prozent, öffentlicher Nahverkehr 33,1 Prozent, und das Gesundheitswesen mit 11,6 Prozent.

    Schnell gelesen sieht das nach einem Befund aus: Die brasilianische Medizin hätte ein kleineres Stigma-Problem als das brasilianische Nachtleben. Liest man die Frage, sieht es nicht mehr so aus.

    Die Teilnehmenden sollten bis zu drei Alltagssituationen oder Orte auswählen, an denen dicke Menschen ihrer Ansicht nach am meisten Diskriminierung erleben. Zwei Konstruktionsentscheidungen leisten hier die Arbeit. Die Frage zielt auf eine allgemeine Einschätzung, nicht auf die eigene Erfahrung. Und sie deckelt die Antwort bei drei Nennungen, was das Ganze in eine Rangfolge verwandelt statt in eine Messung.

    Ein Arzttermin passiert ein paar Mal im Jahr. Ein Bus passiert täglich. Wer nur drei Orte nennen darf, nennt die alltäglichen, und die seltene, dafür konzentrierte Begegnung mit hohem Einsatz fällt von der Liste. Die 11,6 Prozent sagen nicht, wie viele Menschen in einer Praxis gedemütigt wurden. Sie sagen, wie viele Menschen die Praxis in ihre persönlichen Top drei gesetzt haben.

    Zwei Befragungen, zwei Zahlen, ein Unterschied im Wortlaut

    Dagegen das Schweizer Adipositas-Barometer 2026, das wir vergangene Woche auseinandergenommen haben. Dort sagten 64 Prozent der selbst betroffenen Befragten, sie seien von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden.

    11,6 Prozent und 64 Prozent, dem Anschein nach zur selben Sache. Der Abstand dazwischen ist kein Abstand zwischen Brasilien und der Schweiz. Er ist ein Abstand zwischen zwei Fragen.

    Die Schweizer Frage erhob bei Betroffenen die eigene Erfahrung, ohne Deckel und ohne Konkurrenz zwischen den Antwortoptionen. Die brasilianische Frage ließ alle dicken Befragten die Orte sortieren, an denen es dicke Menschen im Allgemeinen am härtesten trifft, maximal drei Nennungen. Diese Instrumente können keine vergleichbaren Zahlen erzeugen, und wer die eine gegen die andere stellt, vergleicht ein Thermometer mit einer Umfrage darüber, wer friert.

    Das ist der Teil, der über beide Studien hinaus wichtig bleibt. Wenn eine Stigma-Zahl ohne ihre Frage zirkuliert, kann man nicht erkennen, ob man auf die Wirklichkeit schaut oder auf die Form eines Fragebogens.

    Wer das hier bezahlt hat

    Fatosphere fragt das inzwischen bei jeder Studie, auch bei den eigenen Quellen.

    Die Teilauswertung und die Ursprungsbefragung wurden beide von Merck KGaA finanziert, mit Unterstützung der ABESO, der brasilianischen Gesellschaft für das Studium von Adipositas und metabolischem Syndrom. Durchgeführt hat die Ursprungsbefragung IPEC, ein kommerzielles Meinungsforschungsinstitut.

    Die offengelegten Interessenkonflikte reichen tief in die Branche. Der Erstautor berichtet Honorare von Novo Nordisk und AstraZeneca sowie Reisekostenunterstützung von Novo Nordisk, Eli Lilly, PTC Therapeutics und Chiesi. Eine Koautorin berichtet Vortrags- und Beratungshonorare von Chiesi, PTC, Lilly, Merck, Boehringer Ingelheim-Lilly und Novo Nordisk. Ein weiterer Koautor berichtet Zahlungen von Eli Lilly, Novo Nordisk, Merck, AstraZeneca und Abbott Nutrition, dazu Beiratstätigkeiten bei dreien davon.

    Die Vergleichsstudie, auf die sich die Autor:innen stützen, ist ACTION-IO, registriert auf Novo Nordisk.

    Nichts davon macht die Geschlechterlücke unecht. Es heißt aber, dass die beiden größten aktuellen Datensätze zu Gewichtsstigma, über die wir geschrieben haben, einer aus der Schweiz und einer aus Brasilien, beide von Pharmaherstellern bezahlt wurden. Wir haben nach einer vergleichbar großen unabhängig finanzierten Alternative gesucht und keine gefunden. Wer eine kennt, sage es uns.

    Was diese Zahlen tragen und was nicht

    Drei Grenzen, klar benannt, weil die Studie sie selbst benennt.

    Gewicht und Größe sind selbst angegeben, die als „Adipositas“ bezeichnete Gruppe ist also eine Gruppe von Menschen, die sich selbst hineingerechnet haben. Rekrutiert wurde über ein Online-Panel, was zu Menschen neigt, die online sind und bereit, regelmäßig Umfragen auszufüllen. Und das Erhebungsdatum steht in keiner der beiden Publikationen; der Ursprungsartikel wurde im September 2024 eingereicht, die Daten sind also mindestens so alt.

    Eine vierte Grenze ist unsere, nicht ihre: Die Teilauswertung nennt im Methodenteil 2.650 Personen für die Ursprungsstichprobe, während ihre eigene Zusammenfassung und die Ursprungspublikation beide 2.560 nennen. Eine Abweichung von hundert Personen in einem veröffentlichten Methodenteil ist klein, aber sie überlebt in jede spätere Zitation hinein.

    Die Lücke im eigenen Magazin

    Wir haben zwanzig Artikel veröffentlicht. Keiner davon handelte von dicken Männern.

    Das ist kein Versäumnis, das nur uns gehört. Fat Liberation ist aus feministischer Organisierung entstanden, Plus-Size-Modeberichterstattung wird für Frauen geschrieben, und die Forschungsliteratur folgt denselben Rillen. Währenddessen ist die Gruppe, die in all dem am wenigsten vorkommt, diejenige, die die Schuld am stärksten nach innen wendet, am seltensten zur Ärztin geht und am seltensten eine Diagnose bekommt.

    Wir haben dafür keine Lösung in einem Artikel. Wir haben einen Anfang: Wenn Sie ein dicker Mann sind, der seit Jahren annimmt, das Problem sei seine Disziplin, dann legen die brasilianischen Daten nahe, dass Sie damit reichlich Gesellschaft haben, und dass dieser Glaube ein Symptom des Stigmas ist und keine Diagnose über Sie.

    Drei Texte, die wir schon haben, sind die praktische Fortsetzung: was tun, wenn die Ärztin alles aufs Gewicht schiebt, wie Sie eine gewichtsneutrale Praxis finden, und wie Sie gewichtssensible Psychotherapie finden.


    Quellen, alle am 3. August 2026 an der Primärquelle gelesen: Viola L. F. et al., „Obesity-Related Beliefs, Concerns, and Stigmatizing Perceptions Among Adults Living With Obesity“, Obesity Science & Practice 12(2):e70133, veröffentlicht am 9. März 2026, DOI 10.1002/osp4.70133, PMCID PMC12971610. Ursprungsbefragung: Viola L. F. et al., „Exploring the Perceptions of Obesity, Health Habits, Stigma, and Eating Behaviors in Brazil“, Diabetology & Metabolic Syndrome 17:119, veröffentlicht am 7. April 2025, DOI 10.1186/s13098-025-01660-5. Deutsche Versorgungsdaten: Robert Koch-Institut, „Inanspruchnahme ambulanter medizinischer Leistungen in Deutschland“, Journal of Health Monitoring 3/2021, Studie GEDA 2019/2020-EHIS, Stand 15.09.2021. Schweizer Vergleichszahlen: gfs.bern, „Adipositas Barometer 2026″, Auftraggeberin Novo Nordisk.

    Fatosphere veröffentlicht keine Diät- oder Abnehminhalte. Dieser Artikel berichtet darüber, was Befragungen über dicke Menschen messen und wer sie bezahlt. Er ist keine Empfehlung für oder gegen eine Behandlung. Die Begriffe „Adipositas“ und „Grad II“ stehen hier nur dort, wo sie die Kategorien der Studien selbst bezeichnen.

  • Wer bezahlt die Stigma-Studie? Das Adipositas-Barometer 2026 und sein Auftraggeber

    Wer bezahlt die Stigma-Studie? Das Adipositas-Barometer 2026 und sein Auftraggeber

    Eine neue Schweizer Befragung liefert genau die Zahlen, die dicke Menschen seit Jahren einfordern. Fast zwei Drittel der Betroffenen berichten, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. Neun von zehn Befragten bestätigen abwertende Blicke im Alltag. Und die Hälfte der Bevölkerung hält starkes Übergewicht weiterhin für eine Frage von Lebensstil und Disziplin.

    Auftraggeber der Studie ist Novo Nordisk, der Hersteller von Wegovy.

    Das ist kein Skandal, und es ist kein Grund, die Zahlen wegzuwerfen. Es ist ein Grund, sie richtig zu lesen. Darum geht es hier.

    Was das Adipositas-Barometer 2026 gemessen hat

    Das Institut gfs.bern hat zwischen April und Mai 2026 zwei Gruppen befragt: 1.539 Personen der Schweizer Wohnbevölkerung ab 16 Jahren sowie 116 Ärztinnen und Ärzte (Hausarztmedizin plus Endokrinologie, Chirurgie, Gastroenterologie, Adipositas-Zentren). Die Ergebnisse stehen offen als «Cockpit» auf cockpit.gfsbern.ch.

    Die Stigma-Befunde sind deutlich:

    • 82 Prozent der Bevölkerung sagen, dass Menschen mit starkem Übergewicht in der Schweiz sehr stark oder eher stark stigmatisiert werden. In der Ärzteschaft sind es 97 Prozent.
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (26 Prozent) und Typ-2-Diabetes (28 Prozent) liegen weit darunter. Psychische Erkrankungen (81 Prozent) und Suchterkrankungen (79 Prozent) liegen auf demselben Niveau wie Dicksein.
    • 92 Prozent stimmen zu, dass dicke Menschen im Alltag häufig abwertende Blicke erleben. 82 Prozent attestieren ihnen Vorurteile auch durch Gesundheitsfachpersonen und im Berufsleben.
    • Von den Befragten, die sich selbst als betroffen bezeichnen, berichten 64 Prozent, von Gesundheitsfachpersonen diskriminiert worden zu sein. 72 Prozent sagen, Scham halte Betroffene davon ab, medizinische Hilfe zu suchen.

    Und dann kommt der Teil, der die Studie wirklich interessant macht und nicht nur nützlich:

    • 79 Prozent der Bevölkerung erkennen Adipositas als behandlungsbedürftige Krankheit an.
    • 76 Prozent finden gleichzeitig, Betroffene trügen eine besondere Eigenverantwortung.
    • 49 Prozent stimmen zu, starkes Übergewicht sei vor allem dem Lebensstil und mangelnder Disziplin geschuldet.

    Der Krankheitsrahmen hat sich durchgesetzt, und die Schuldzuschreibung ist trotzdem nicht verschwunden. Beides gilt gleichzeitig, in derselben Bevölkerung, zum selben Zeitpunkt. Das ist der Befund, den man mitnehmen sollte.

    Wer den Auftrag gegeben hat, und warum das zählt

    Der Auftraggeber steht offen oben auf der Cockpit-Seite und noch einmal in der Methodenbox: Novo Nordisk. Keine Tarnstiftung, kein verschleiertes „unrestricted educational grant“. Die Offenlegung ist sauber, das gehört fairerweise dazu.

    Offenlegung ist aber nicht dasselbe wie Neutralität. Novo Nordisk verkauft Semaglutid. Eine Studie, die belegt, dass Dicksein stigmatisiert, medizinisch unterversorgt und als Krankheit anerkannt ist, führt zu Schlussfolgerungen, die kommerziell nützlich sind. Das macht die Antworten nicht falsch. Es prägt, welche Fragen überhaupt gestellt wurden.

    Die Markenfragen mitten in der Stigma-Befragung

    Wer das Cockpit genau liest, findet etwas, das eine rein akademische Stigma-Studie keinen Grund hätte aufzunehmen.

    Ein Abschnitt berichtet, wie die Befragten Novo Nordisk wahrnehmen: Unter denen, die Inhalte zum Unternehmen bemerkt hatten, bewerteten 17 Prozent diese positiv, 13 Prozent neutral, 14 Prozent negativ, und 42 Prozent gaben an, nichts Spezifisches zu Novo Nordisk gehört zu haben.

    Ein weiterer Abschnitt sortiert Pharmaunternehmen danach, wie stark ihr Engagement beim Thema wahrgenommen wird. Novo Nordisk führt mit 43 Prozent, vor Roche (37 Prozent), AstraZeneca (28 Prozent) und Eli Lilly (21 Prozent).

    Das ist Markentracking. Ein völlig übliches, legitimes Marktforschungsinstrument, eingebaut in denselben Fragebogen, der die Stigma-Zahlen erzeugt hat, die jetzt durch die Presse laufen. Wer die 64 Prozent zitiert, zitiert ein Instrument, das nebenbei erhoben hat, wie der Auftraggeber im Vergleich zur Konkurrenz dasteht.

    Die Politikfrage, die dem Auftraggeber nützt

    Die befragten Ärztinnen und Ärzte sollten einschätzen, wie wirksam verschiedene Maßnahmen wären. Unter den vorgelegten Optionen: „gelockerte Vergütungskriterien bei Medikamenten“. 76 Prozent hielten das für wirksam.

    Die Zahl stimmt. Der Rahmen ist trotzdem bemerkenswert. Eine Befragung entdeckt nicht, dass Befragte lockerere Erstattungsregeln wollen. Sie legt die Option vor und zählt die Kreuze. Die Maßnahme, die den Markt des Auftraggebers am direktesten erweitern würde, stand als Listenpunkt zwischen „bessere Abbildung der Leistungen in den Tarifen“ und einem „nationalen Aktionsplan“.

    Noch einmal: So funktioniert Auftragsforschung in jeder Branche. Zum Problem wird es erst, wenn die Zahl später zitiert wird, als hätten Ärztinnen und Ärzte diese Forderung von sich aus erhoben.

    Was die Stichprobe trägt und was nicht

    Die Methodenbox weist einen Stichprobenfehler von plus/minus 2,5 Prozentpunkten bei einer 50/50-Verteilung aus. Dieser Wert gilt für die Bevölkerungsstichprobe von 1.539 Personen.

    Er gilt nicht für die Teilgruppe, aus der die meistzitierten Befunde stammen. 9 Prozent der Befragten bezeichnen sich selbst als betroffen. Das sind rund 139 Personen, und das Cockpit weist für diese Teilgruppe weder ein eigenes n noch einen eigenen Fehlerbereich aus. Die 64 Prozent Diskriminierungserfahrung, die 72 Prozent Scham, die 43 Prozent, für die Behandlungskosten eine große finanzielle Last sind: All das ruht auf dieser kleinen Teilgruppe.

    Berichtenswert bleibt es. Aber nicht auf die Nachkommastelle, und nicht mit derselben Genauigkeit wie die Hauptzahlen. Wer diese Werte zitiert, sollte die Basis dazusagen. Die meiste Berichterstattung tut das nicht.

    Das ist kein Einzelfall

    Das Muster ist älter und größer als eine Schweizer Befragung. Auch die international am häufigsten zitierte Forschung zu Wahrnehmung und Versorgungshürden bei Adipositas hat denselben Auftraggeber.

    ACTION-IO, die Elf-Länder-Befragung von Betroffenen und Behandelnden, 2019 in Diabetes, Obesity and Metabolism veröffentlicht, ist bei ClinicalTrials.gov unter NCT03584191 registriert. Hauptsponsor: Novo Nordisk A/S. Die US-Vorläuferstudie ACTION (NCT03223493) läuft ebenfalls auf dieses Unternehmen.

    Aus diesen Studien stammen die viel wiederholten Zahlen dazu, wie selten dicke Menschen strukturierte Versorgung angeboten bekommen und wie selten Ärztinnen das Thema ansprechen. Sie sind, soweit wir das beurteilen können, methodisch sauber gemacht. Und sie sind ausnahmslos finanziert von einem Unternehmen, das genau die Behandlung verkauft, deren Fehlen die Studien belegen. Dieselbe Asymmetrie prägt, wer diese Mittel überhaupt bekommt. Das haben wir in Dick und arm: Die GLP-1-Zugangsschere bestraft doppelt und in Frankreich zahlt, Deutschland nicht untersucht.

    Eine vergleichbar große, unabhängig finanzierte internationale Forschungsbasis haben wir nicht gefunden. Wenn es sie gibt, freuen wir uns über Hinweise. So oder so ist die Mühe, überhaupt eine zu finden, selbst ein Befund darüber, wer Wissen über dicke Menschen finanzieren darf.

    Warum wir die Zahlen trotzdem benutzen

    Die Alternative zum Zitieren von Auftragsforschung ist, gar nichts zu zitieren, weil es zu vielen dieser Fragen in dieser Größenordnung schlicht nichts anderes gibt. Die Daten abzulehnen erzeugt keine besseren Daten. Es erzeugt Stille, und Stille war noch nie auf unserer Seite.

    Also benutzen wir sie, mit drei Regeln:

    1. Den Auftraggeber im selben Satz nennen wie die Zahl. Nicht in einer Fußnote, nicht am Schluss.
    2. Beschreibung und Politikschluss trennen. „Zwei Drittel der Betroffenen berichten Diskriminierung durch Gesundheitsfachpersonen“ ist eine Beschreibung. „Also müssen die Vergütungskriterien gelockert werden“ ist eine Schlussfolgerung, von der der Auftraggeber profitiert, und sie folgt nicht automatisch aus der Beschreibung.
    3. Die Basis nennen, auf der die Zahl ruht.

    Und was niemand gefragt hat

    Das Aufschlussreichste an einem Fragebogen ist meistens die Frage, die fehlt.

    Das Adipositas-Barometer fragt ausführlich nach Behandlung: welche Therapien genutzt wurden, warum sie abgebrochen wurden, ob die Erstattung leichter werden sollte, ob interdisziplinäre Strukturen fehlen. In der Liste der Abbruchgründe steht „Zielgewicht erreicht“ als Endpunkt.

    Nicht gefragt wird, ob Versorgung so organisiert werden könnte, dass dicke Menschen kompetent für das behandelt werden, weswegen sie eigentlich gekommen sind. Nicht gefragt wird, ob sich Stigma verringern ließe, indem man ändert, wie Praxen arbeiten, statt zu erweitern, was sie verschreiben. Nicht gefragt werden die Betroffenen, ob sie ihren Körper überhaupt behandelt haben wollen. Wie kompetente Versorgung stattdessen aussehen könnte, steht in unserem Leitfaden zur Suche nach gewichtssensibler Psychotherapie.

    Diese Fragen wären beantwortbar. Sie sind nur nicht die Fragen, für deren Beantwortung ein Pharmaunternehmen einen Grund hat zu zahlen. Solange niemand sonst zahlt, werden sie weiter nicht gestellt, und die Evidenzlage wird weiter in eine Richtung zeigen, weil nur für diese eine Richtung jemand eine Karte gekauft hat.


    Quellen, alle am 2. August 2026 an der Primärquelle gelesen: gfs.bern, „Adipositas Barometer 2026“, cockpit.gfsbern.ch, im Auftrag von Novo Nordisk, Befragungszeitraum April bis Mai 2026, N=1.539 Bevölkerung und N=116 Ärzteschaft, Projektnummer CH26OB00079_06/2026. ClinicalTrials.gov-Einträge NCT03584191 (ACTION-IO) und NCT03223493 (ACTION), Hauptsponsor Novo Nordisk A/S.

    Hinweis: Die Studie bezieht sich auf die Schweiz, nicht auf Deutschland. Für Deutschland gibt es keine vergleichbare aktuelle Erhebung, die uns bekannt wäre. Hinweise nehmen wir gern entgegen.

    Fatosphere veröffentlicht keine Diät- oder Abnehminhalte. Dieser Artikel berichtet darüber, wie Forschung über dicke Menschen finanziert und gerahmt wird. Er ist keine Empfehlung für oder gegen irgendeine Behandlung.

  • Frankreich zahlt, Deutschland nicht: Warum die Abnehmspritze hier als Lifestyle gilt

    Frankreich zahlt, Deutschland nicht: Warum die Abnehmspritze hier als Lifestyle gilt

    Seit dem 15. Juni 2026 erstattet die französische Krankenversicherung Wegovy und Mounjaro zu 65 Prozent. Deutschland führt dieselben zwei Präparate namentlich als Lifestyle-Arzneimittel, in derselben Rechtskategorie wie Mittel zur Verbesserung des Haarwuchses und gegen erektile Dysfunktion. Gleicher Kontinent, gleiche Wirkstoffe, gegenteilige Antwort.

    Dieser Text ist keine Empfehlung, diese Mittel zu nehmen, und schon gar keine Aufforderung, abzunehmen. Beides machen wir nicht. Es geht um etwas anderes: Zwei europäische Staaten sehen dieselbe Datenlage und entscheiden gegensätzlich, ob Versorgung für dicke Menschen Medizin ist oder Geschmackssache. Und darum, dass beide Systeme auf ihre Weise verlangen, dass dicke Menschen sich erst einmal rechtfertigen.

    Was Frankreich entschieden hat

    Mehrere Erlasse, veröffentlicht im französischen Journal officiel am 28. Mai 2026, haben Wegovy (Semaglutid) und Mounjaro (Tirzepatid) auf die Liste der erstattungsfähigen Arzneimittel gesetzt. Die Erstattung läuft seit dem 15. Juni 2026 und beträgt 65 Prozent, der Eigenanteil liegt also bei 35 Prozent. Eine vollständige Übernahme ist je nach Versichertenstatus, anerkannter Langzeiterkrankung (ALD) und Zusatzversicherung möglich.

    Die Bedingungen sind eng. Der amtliche Bürgerinformationsdienst der französischen Regierung beschreibt die anspruchsberechtigte Gruppe als diejenigen, die auch für eine bariatrische Operation infrage kämen: BMI ab 40 ohne Begleiterkrankung oder ab 35 mit mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung. Die Mittel gelten als Zweitlinientherapie und sind erst nach dokumentiertem Scheitern einer ernährungsmedizinischen Behandlung zugelassen, wobei dieselbe Quelle Scheitern als weniger als 5 Prozent Gewichtsverlust nach sechs Monaten definiert. Verordnet werden dürfen sie nur zusätzlich zu einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr Bewegung.

    Auch wer verordnen darf, ist begrenzt. Nach Angaben der französischen Krankenversicherung ist die erste erstattungsfähige Verordnung Fachärztinnen und Fachärzten aus der Adipositasversorgung vorbehalten: spezialisierte Adipositaszentren, Universitätskliniken, bestimmte Reha- und Ernährungseinrichtungen oder Endokrinologinnen in Anbindung an ein solches Zentrum. Folgeverordnungen darf danach die Hausärztin ausstellen. Ein Begleitformular muss einmalig von einer berechtigten Ärztin ausgefüllt, den Patientinnen und Patienten mitgegeben und bei jeder Abgabe in der Apotheke vorgelegt werden. Wer die Mittel schon vor dem 15. Juni privat gekauft hat, braucht dieses Formular ebenfalls, sonst gibt es keine Erstattung.

    Was Deutschland entschieden hat

    Deutschland hat die Erstattung nicht nach Abwägung der Evidenz abgelehnt. So weit kam die Frage nie, denn sie war 2004 erledigt.

    § 34 Absatz 1 SGB V schließt Arzneimittel von der Versorgung aus, bei deren Anwendung eine Erhöhung der Lebensqualität im Vordergrund steht. Das Gesetz nennt dann seine eigenen Beispiele. Im Wortlaut ausgeschlossen sind Mittel, die überwiegend zur Behandlung der erektilen Dysfunktion, der Anreizung sowie Steigerung der sexuellen Potenz, zur Raucherentwöhnung, zur Abmagerung oder zur Zügelung des Appetits, zur Regulierung des Körpergewichts oder zur Verbesserung des Haarwuchses dienen. Körpergewicht steht in dieser Aufzählung, in diesem Satz, neben Haarwuchs.

    Am 21. März 2024 hat der Gemeinsame Bundesausschuss Wegovy förmlich in Anlage II der Arzneimittel-Richtlinie aufgenommen, die Anlage mit der Überschrift Lifestyle-Arzneimittel. Die eigene Pressemitteilung des G-BA ist ungewöhnlich offen darüber, wie wenig Spielraum er hatte. Im Stellungnahmeverfahren habe er sich intensiv mit Forderungen nach einer Sonderregelung wenigstens ab einem BMI über 30 befasst und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass er einen solchen Entscheidungsspielraum nicht sieht. Dieselbe Mitteilung nennt eine Folge, die leicht überlesen wird: Weil der Ausschluss am zugelassenen Anwendungsgebiet hängt, kann Wegovy auch nicht im gerade beschlossenen DMP Adipositas berücksichtigt werden. Der Staat richtet also ein strukturiertes Behandlungsprogramm für Adipositas ein und darf das Medikament rechtlich nicht hineinnehmen.

    Mounjaro folgte am 19. September 2024. Die Fachnews des G-BA zu diesem Beschluss formuliert die Begründung sehr direkt: Die Zuordnung zu den Lifestyle-Arzneimitteln werde nicht über den Krankheitswert der zugrundeliegenden Indikation definiert. Sie ergebe sich aus der Übereinstimmung des Anwendungsgebiets Gewichtsreduktion mit den Regelbeispielen im Gesetz. Der Ausschuss verweist auf ein Urteil des Bundessozialgerichts von 2012 (B 6 KA 50/11 R), wonach er hier keinen Ermessensspielraum hat, und nennt seine eigene Listung ausdrücklich deklaratorisch.

    Das ist der Kern. Die deutsche Aufsicht sagt nicht, Dicksein sei keine medizinische Angelegenheit. Sie sagt, die Frage stellt sich nicht. Auf der Zulassung steht Gewichtsregulierung, im Gesetz steht Gewichtsregulierung, und alles Weitere, auch ob die Person vor einem krank ist, ist rechtlich ohne Belang.

    Ein Wirkstoff, drei Namen, zwei Antworten

    Semaglutid wird in Deutschland als Wegovy, Ozempic und Rybelsus verkauft. Ozempic und Rybelsus sind für Typ-2-Diabetes zugelassen und seit Markteintritt erstattungsfähig. Wegovy ist derselbe Wirkstoff, zugelassen zur Gewichtsregulierung, und nicht erstattungsfähig. Bei Tirzepatid ist es dasselbe Muster: als Mounjaro zur Gewichtsregulierung ausgeschlossen, zur Behandlung des Typ-2-Diabetes weiter Kassenleistung.

    An der Chemie ändert sich am Apothekentresen nichts. Es ändert sich nur, welchen Satz der Zulassung die Kasse liest. Ein Körper, der bereits Diabetes entwickelt hat, bekommt Behandlung bezahlt. Derselbe Körper eine Diagnose früher nicht.

    Beide Systeme verlangen erst einen Nachweis

    Man könnte das als Frankreich gut, Deutschland schlecht lesen. So einfach ist es nicht, und die französische Regel verdient dieselbe Prüfung.

    Wer in Frankreich Anspruch haben will, muss zuerst gescheitert sein. Nicht im vagen Sinn: Das Kriterium ist eine dokumentierte ernährungsmedizinische Behandlung, die nach sechs Monaten weniger als 5 Prozent Gewichtsverlust gebracht hat. Diäthalten ist also nicht bloß begleitend erlaubt, es ist die Eintrittskarte, und das Medikament wird erst freigegeben, wenn die Diät nachweislich nicht funktioniert hat. Der Staat hat die Logik der Diätkultur in eine Erstattungsregel geschrieben und ihr eine Formularnummer gegeben. Und verlangt danach, dass die Diät weitergeht, denn die Verordnung gilt nur zusätzlich zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung.

    Die deutsche Variante von beweis es ist kürzer und härter. Es gibt nichts zu beweisen, weil die Kategorie schon feststeht. Wer das Mittel will, zahlt selbst, und wer das nicht kann, bei dem gilt das als Privatsache über Lebensqualität.

    Beides sind Moraltests. Der eine verlangt den Nachweis, dass man sich genug angestrengt hat. Der andere erklärt das ganze Feld zur Eigenverantwortung. Keiner von beiden beginnt bei der Frage, die ein Gesundheitssystem eigentlich stellen soll, nämlich was dieser eine Mensch tatsächlich braucht.

    Der Widerspruch, den Deutschland nicht auflöst

    Die deutschen Institutionen sind sich untereinander nicht einig.

    Die Magenverkleinerung ist Kassenleistung. Das Medikament nicht. Genau diese Lücke war der Anlass für die Petition, über die der Petitionsausschuss des Bundestags im November 2025 entschieden hat. Die Petentin argumentierte, dass eine Magenverkleinerung samt lebenslanger Folgebehandlungen teurer sei als die ebenfalls lebenslange Anwendung der Abnehmspritze. Am 12. November 2025 beschloss der Ausschuss mit breiter Mehrheit, eine Kostenübernahme bei medizinischer Notwendigkeit sei überlegenswert, und empfahl, die Petition dem Bundesgesundheitsministerium als Material zu überweisen. In der Begründung verwies er direkt auf § 34 und die Lifestyle-Kategorie und hielt fest, aussagekräftige Langzeitdaten zu kardiovaskulären Endpunkten und zur Arzneimittelsicherheit seien abzuwarten.

    Überlegenswert und als Material ist die parlamentarische Vokabel dafür, dass vorerst nichts passiert. Neun Monate später ist auch nichts passiert. Und weil der G-BA bereits erklärt hat, dass er keinen Ermessensspielraum hat, kann ausgerechnet das Gremium, das die Listung vorgenommen hat, sie nicht wieder aufheben. Ändern lässt sich das nur über das Gesetz, und das ist Sache des Gesetzgebers, nicht der Aufsicht.

    Was das praktisch bedeutet, wenn du in Deutschland lebst

    Kurz: Die gesetzliche Kasse zahlt Wegovy oder Mounjaro zur Gewichtsregulierung nicht, und ein Widerspruch gegen eine solche Ablehnung greift den Rechtsrahmen an, nicht die Entscheidung deiner Sachbearbeitung. Der Ausschluss steht im Gesetz.

    Zwei Dinge, die dabei oft durcheinandergehen:

    • Der Ausschluss hängt am zugelassenen Anwendungsgebiet, nicht am Wirkstoff. Wer wegen Typ-2-Diabetes behandelt wird, fällt nicht unter den Ausschluss. Das ist keine Hintertür und kein Tipp, sondern schlicht eine andere Indikation.
    • Der Ausschluss sagt nichts darüber, ob eine Praxis dich ernst nehmen muss. Deine Rechte in der Behandlung, von der Akteneinsicht bis zur Zweitmeinung, hängen nicht an dieser Erstattungsfrage.

    Wenn du das Gefühl hast, dass in deiner Praxis jedes Symptom aufs Gewicht geschoben wird, ist das ein eigenes Thema. Dazu haben wir einen eigenen Artikel und eine Anleitung zur Suche nach einer gewichtsneutralen Praxis.

    Warum wir überhaupt darüber schreiben

    Wir sagen niemandem, er solle diese Mittel nehmen, und wir behandeln Abnehmen nicht als erstrebenswertes Ziel. Unser Interesse an der GLP-1-Politik ist immer dasselbe: Sie zeigt, wer zu welchen Bedingungen Zugang zu medizinischer Versorgung bekommt.

    Bisher konnten wir diese Geschichte nur mit US-Material erzählen, wo private Kassen, Medicaid-Programme und Bundespilotprojekte die Tür monatsweise öffnen und schließen. Frankreich und Deutschland erlauben es, sie innerhalb eines Kontinents zu erzählen, unter zwei Systemen, die beide für sich in Anspruch nehmen, alle zu versorgen. Ein Mensch mit demselben Körper, denselben Diagnosen und derselben Ärztin bekommt eine andere Antwort, je nachdem auf welcher Rheinseite er wohnt. Das ist keine Medizin. Das ist Verwaltungsgeografie.

    Und die deutsche Kategorie sollte man beim Namen nennen. Körpergewicht 2004 in eine Rechtsliste mit Haarwuchs und sexueller Potenz zu schreiben, war eine politische Entscheidung, getroffen zu einer Zeit, als es fast keine der heutigen Daten gab. Daraus ist eine Regel geworden, von der die eigenen Vollzugsorgane sagen, sie könnten sie nicht biegen. Was immer man von diesen Mitteln hält, und es gibt gute Gründe, einem so lauten Markt zu misstrauen: Ein Gesundheitssystem, das vorab festlegt, das Thema sei Lifestyle, hat aufgehört, die medizinische Frage zu stellen. Es hat die Antwort nur zum Problem von jemand anderem gemacht.

    Was wir beobachten

    • Ob das Bundesgesundheitsministerium mit der Petition, die es im November 2025 als Material bekommen hat, irgendetwas anfängt.
    • Ob die engen französischen Kriterien Bestand haben, und wen die Anforderung, zuerst eine gescheiterte Diät zu dokumentieren, am Ende ausschließt.
    • Ob weitere EU-Staaten dem einen oder dem anderen Modell folgen. Daran wird sich zeigen, ob die französische Entscheidung ein Ausreißer war oder der Beginn einer Spaltung.

    Weiterlesen

    Unsere frühere Arbeit zur selben Frage, von der US-Seite her: Dick und arm: Die GLP-1-Zugangsschere bestraft doppelt. Zur Rechtslage bei Gewichtsdiskriminierung: Wenn die Welt nicht für dich gebaut ist.

    Quellen

    • Service-Public.fr (Direction de l’information légale et administrative), Deux médicaments contre l’obésité remboursés depuis le 15 juin, 1. Juni 2026, aktualisiert 15. Juni 2026.
    • Assurance Maladie (ameli.fr), Obésité : de nouveaux médicaments peuvent être pris en charge dans des conditions encadrées, 16. Juni 2026.
    • § 34 SGB V im Wortlaut, gesetze-im-internet.de.
    • Gemeinsamer Bundesausschuss, Meldung G-BA vollzieht den gesetzlichen Verordnungsausschluss für das Abmagerungsmittel Wegovy nach, 21. März 2024.
    • Gemeinsamer Bundesausschuss, Fachnews Tirzepatid und Ritlecitinib als Lifestyle-Arzneimittel gelistet, 20. September 2024, zum Beschluss vom 19. September 2024.
    • Deutscher Bundestag, hib 605/2025, Übernahme der Kosten für die Abnehmspritze durch die GKV, 12. November 2025, zur Petition ID 165851.
  • Gewichtssensible Psychotherapie finden: So geht die Suche

    Gewichtssensible Psychotherapie finden: So geht die Suche

    Therapie soll der eine Raum sein, in dem nicht du das Problem bist. Für dicke Menschen stimmt das nicht verlässlich. Die Forschung dazu ist inzwischen umfangreich, und sie fällt für die Berufsgruppe nicht schmeichelhaft aus.

    Dieser Text ist der praktische Teil: was gewichtssensible Therapie meint, welche Verzeichnisse es gibt und was sie tatsächlich leisten, was du vor der ersten Sitzung fragen kannst, und wie die Suche in Deutschland läuft, wo es kein brauchbares Verzeichnis dafür gibt.

    Warum die Suche den Aufwand wert ist

    Ein Scoping Review von 2025 in Frontiers in Psychiatry hat 43 Studien zu Gewichtsbias in der psychotherapeutischen Versorgung ausgewertet (Philip, Standen, Schueler, Fields und Phelan, Weight bias in mental health settings: a scoping review, Front Psychiatry 2025;16:1596625, gesichtet aus 11.035 Treffern). Drei Befunde daraus sind für die Therapeutensuche relevant.

    Die Körpergröße verändert das klinische Bild, das Behandelnde sehen. In experimentellen Studien bekamen Fachleute identische Fallbeschreibungen, die sich nur in der Körperform der beschriebenen Person unterschieden. Den dickeren Klientinnen und Klienten wurde ein niedrigeres allgemeines Funktionsniveau zugeschrieben, mehr Pathologie, mehr negative Eigenschaften und schwerere Diagnosen als dünneren Personen mit demselben Anliegen. In einer Studie wurde der dicken Person häufiger eine Gewichtsreduktionsstrategie empfohlen als den Vergleichsgruppen, bei sonst identischem Fall.

    Der Bias läuft in beide Richtungen, und die zweite Richtung ist die gefährlichere. Wenn die Fallvignette restriktives Essverhalten beschrieb, wurden dicke Personen als weniger schwer betroffen eingeschätzt und bekamen weniger intensive Behandlung empfohlen. Eine im Review erfasste Studie von 2024 fand, dass dünne Klientinnen bei identischer Symptomatik häufiger eine Essstörungsdiagnose erhielten, häufiger als restriktiv beschrieben wurden und häufiger in spezialisierte Behandlung und medizinische Nachsorge vermittelt wurden als Personen mit durchschnittlichem oder höherem Gewicht. Restriktion in einem dicken Körper wird als Disziplin gelesen.

    Die Ausbildung deckt das Thema kaum ab. In einer im Review zitierten Studie gaben 76 Prozent der Befragten an, Körper würden in ihrem Studiengang „selten“ oder gar nicht besprochen, und rund die Hälfte der Studierenden fühlte sich nicht kompetent, in der Sitzung mit Körperbild zu arbeiten. Etwa sechs von zehn sagten, ihr Programm habe sie nicht dazu angeregt, Körpergröße als kulturelle Zugehörigkeit oder die eigenen Annahmen über dicke Menschen zu reflektieren.

    Was daraus nicht folgt: dass deine Therapeutin gegen dich ist. Was daraus folgt: Das Fach hat einen bekannten blinden Fleck, den es nicht systematisch wegtrainiert, also liegt die Prüfung bei dir. Das ist unfair und trotzdem die Lage.

    Was gewichtssensibel heißt und was nicht

    Eine gewichtssensible Praxis behandelt deine Körpergröße als Tatsache über dich, nicht als Diagnose, Symptom oder Behandlungsziel. Konkret:

    • Dein Gewicht wird nicht als Ursache dessen unterstellt, weswegen du gekommen bist, außer es gibt einen konkreten Anhaltspunkt.
    • Gewichtsabnahme wird nicht als Therapieziel, Nebennutzen oder unaufgeforderter Vorschlag angeboten.
    • Gewichtsstigma wird als Belastungsfaktor mit belegten psychischen Folgen verstanden. Deine Diskriminierungserfahrungen werden also als Ereignisse behandelt, nicht als Denkverzerrung, die zu korrigieren wäre.
    • Körpergröße wird als Diversitätsdimension behandelt wie Herkunft, Geschlecht oder Sexualität: als etwas, zu dem die Behandelnden ihre eigenen Annahmen geprüft haben.

    Was es nicht ist: kein Verfahren, keine Methode, keine Schule. Gewichtssensible Praxis ist mit Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Therapie, analytischer und systemischer Therapie gleichermaßen vereinbar. Niemand muss sein Verfahren aufgeben, um dich nicht zu wiegen.

    Und es ist nicht dasselbe wie eine Praxis, die „Adipositas-Behandlung“ oder „Gewichtsmanagement“ im Profil führt. Das beschreibt die Gegenrichtung: Der Körper ist dort Behandlungsgegenstand. Wenn ein Profil beide Etiketten trägt, gilt das zweite.

    Die längere Fassung des zugrunde liegenden Rahmens steht in Health at Every Size erklärt. Das ärztliche Gegenstück zu dieser Suche steht in Gewichtsneutrale Ärztin oder Arzt finden.

    Die Verzeichnisse und was sie wirklich leisten

    Es gibt weniger, als das Internet suggeriert, und sie tun Verschiedenes.

    Das ASDAH Health at Every Size Provider Listing (asdah.org/listing) kommt einem geprüften Register am nächsten. Behandelnde werden über einen Fragenkatalog auf Übereinstimmung mit den Health-at-Every-Size-Prinzipien geprüft, je nach Ergebnis sieht sich ASDAH zusätzlich Website und Social-Media-Auftritt an. Es gibt ein öffentliches Formular, um eingetragene Behandelnde zu melden, die aus deiner Sicht nicht dazu passen, und ASDAH schreibt selbst, die Ergebnisse solcher Prüfungen nicht vertraulich zu halten.

    Zwei ehrliche Einschränkungen. Erstens ist es ein Mitgliederverzeichnis: Wer gelistet werden will, muss zahlendes ASDAH-Mitglied sein. Ein Fehlen in der Liste sagt also nichts über eine Praxis. Zweitens schreibt ASDAH selbst, gelistete Behandelnde würden lediglich zusichern, angemessen ausgebildet und zugelassen zu sein, und fordert Nutzerinnen ausdrücklich auf, die örtlichen Zulassungsvoraussetzungen selbst zu prüfen. Also: brauchbare Vorauswahl, keine Zertifizierung.

    Inclusive Therapists (inclusivetherapists.com) macht etwas anderes, das leicht damit verwechselt wird. Dort lässt sich nach der Identität der Behandelnden filtern, unter anderem „fat person“, und getrennt davon nach Schwerpunkt, unter anderem „fat liberation“. Eine dicke Therapeutin ist nicht automatisch eine gewichtssensible, und eine dünne kann darin sehr gut sein. Beide Filter sind nützlich, sie beantworten verschiedene Fragen.

    EDRD Pro (edrdpro.com) listet Fachleute für Essstörungen, die gewichtsneutral arbeiten, überwiegend Ernährungsfachkräfte, nicht Psychotherapeutinnen. Richtig für die Ernährungsseite eines Behandlungsteams, falsch für die Suche nach Gesprächstherapie.

    Keines dieser Verzeichnisse zertifiziert jemanden. Sie verkleinern das Feld. Prüfen musst du selbst.

    Für Deutschland ist die Verzeichnis-Suche in neunzig Sekunden vorbei

    Wir haben das ASDAH-Verzeichnis am 31. Juli 2026 nach Ländern durchgesehen. Für Deutschland liefert es genau einen Eintrag, und diese Person ist Ernährungswissenschaftlerin, keine Psychotherapeutin. Österreich: kein Eintrag. Schweiz: kein Eintrag. Das Länder-Dropdown führt rund 45 Länder, das Verzeichnis selbst ist ganz überwiegend US-amerikanisch.

    Ein deutschsprachiges Gegenstück haben wir nicht gefunden. Die offizielle Arzt- und Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (arztsuche.116117.de) kennt genau drei Suchfelder: „Wen oder Was?“, den Ort und einen Barrierefreiheitsfilter. Ein Suchmerkmal für gewichtssensibles oder gewichtsneutrales Arbeiten gibt es dort nicht, und in den Praxissuchen, die wir daneben geprüft haben, ebenfalls nicht. Sollte es doch eine deutschsprachige Liste geben, schreib uns, wir nehmen sie auf.

    Das heißt: In Deutschland läuft die Suche über die Regelwege plus eigene Prüfung. Die Fragen weiter unten sind hier nicht die Kür, sondern das ganze Verfahren.

    Zwei Anlaufstellen, die die Suche zumindest erleichtern: der Psychotherapie-Informationsdienst (psychotherapiesuche.de), ein kostenloses Beratungsangebot der Deutschen Psychologen Akademie, einer Tochter des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, dessen Team bei der Praxissuche telefonisch berät, und die Psychotherapeutensuchen der Landespsychotherapeutenkammern, über die sich auch Praxen finden lassen, die auf privater Basis arbeiten. Ein Gewichtsfilter steckt in keiner davon, aber eine Beratung am Telefon lässt sich fragen, was ein Verzeichnis nicht beantwortet.

    Was in Deutschland gilt

    Der Zugang zur Kassentherapie ist geregelt, und einige dieser Regeln arbeiten für dich.

    Du brauchst keine Überweisung. Der Einstieg ist die psychotherapeutische Sprechstunde, die vor jeder Behandlung stattfinden muss. Termine vermittelt die 116117, telefonisch rund um die Uhr, online über 116117.de oder die App.

    Es gibt Fristen. Nach Angaben der 116117 muss die Terminservicestelle innerhalb einer Woche einen Termin vermitteln, der höchstens vier Wochen in der Zukunft liegen darf. Damit sind es maximal fünf Wochen bis zur Sprechstunde. Bei einer Akutbehandlung sind es maximal drei Wochen (eine Woche Vermittlung, Termin höchstens zwei Wochen später). Kann die 116117 keinen fristgerechten Termin in einer Praxis anbieten, muss sie innerhalb einer weiteren Woche einen Termin an einem Krankenhaus oder einer Krankenhausambulanz finden.

    Du darfst dich umsehen, und zwar ausdrücklich. Die 116117 schreibt selbst: „Für eine Psychotherapie ist es wichtig, dass die ‚Chemie‘ zwischen Ihnen und Ihrer Psychotherapeutin oder Ihrem Psychotherapeuten stimmt. Sie dürfen daher Erstgespräche mit verschiedenen Therapeutinnen und -therapeuten führen.“ Und wenn es nicht passt, kannst du über die 116117 einen Termin in einer anderen Praxis bekommen. Das ist keine Kulanz, das ist der vorgesehene Weg. Für dicke Menschen ist genau das der Hebel: Du musst nicht bei der ersten Praxis bleiben, die dein Gewicht zum Thema macht.

    Wenn du gar keinen Platz findest, gibt es das Kostenerstattungsverfahren. Nach § 13 Absatz 3 SGB V muss die Krankenkasse die Kosten einer selbstbeschafften Leistung erstatten, wenn sie „eine unaufschiebbare Leistung nicht rechtzeitig erbringen“ konnte, soweit die Leistung notwendig war. Der Satz danach im Gesetz stellt ausdrücklich klar, dass das auch für psychotherapeutische Leistungen gilt, sofern die behandelnde Person die Voraussetzungen des § 95c SGB V erfüllt. Praktisch heißt das: dokumentierte erfolglose Suche bei Vertragspraxen, dann Antrag bei der Kasse. Die Psychotherapeutenkammer NRW weist darauf hin, dass eine Ablehnung mit Verweis auf Sprechstunde oder Akutbehandlung fachlich und rechtlich nicht zulässig ist, weil beides keine abschließende Versorgung darstellt. Wie viel Wartezeit als zumutbar gilt, ist Auslegungssache und unterscheidet sich je nach Kasse und Rechtsprechung. Wer diesen Weg geht, sollte sich bei der zuständigen Landespsychotherapeutenkammer oder einer Patientenberatung beraten lassen.

    Der Umweg über die Privatpraxis kostet Geld, umgeht aber die Wartelisten und erweitert die Auswahl deutlich. Für die Suche nach einer Praxis, die zu dir passt, ist das oft der einzige Weg mit echter Auswahl. Für viele ist er finanziell nicht gangbar, und das ist eine Klassenfrage, keine Frage der Motivation.

    Fünf Fragen, die schnell sortieren

    Du kannst sie in der Sprechstunde stellen, am Telefon oder per Mail vor der Terminvereinbarung. Wer sie für vernünftig hält, sagt dir damit schon etwas. Wer sie für feindselig hält, ebenfalls.

    1. „Wiegen Sie Ihre Klientinnen, und kann ich das ablehnen?“ In der Gesprächstherapie gibt es dafür in aller Regel keinen klinischen Grund. Gute Antwort: „Nein“ oder „nur bei konkretem Anlass, und ja, Sie können ablehnen“. Gesprächsende: eine routinemäßige Wiegepflicht.

    2. „Wie arbeiten Sie mit jemandem, der abnehmen will, und wie mit jemandem, der das nicht will?“ Die aufschlussreichste Frage, weil sie nicht verrät, welche Antwort du hören willst. Achte darauf, ob die Person beschreiben kann, wie sie mit jemandem arbeitet, der keine Gewichtsabnahme anstrebt, ohne das als Verleugnung, Vermeidung oder fehlende Einsicht zu deuten.

    3. „Hatten Sie Fortbildung zu Gewichtsstigma oder zur Arbeit mit dicken Klientinnen?“ Angesichts der Ausbildungslücke oben ist „nein, aber ich habe mich selbst eingelesen“ eine ehrliche und brauchbare Antwort. „Ja, ich habe eine Fortbildung zu Adipositas gemacht“ ist eine andere Antwort, als sie klingt. Frag nach, was dort vermittelt wurde.

    4. „Wenn ich Ihnen erzähle, dass ich wegen meines Körpers schlecht behandelt wurde, was machen Sie damit?“ Du prüfst, ob Diskriminierung als Ereignis behandelt wird oder als Wahrnehmung, die umzudeuten ist. Beides hat seinen Platz in der Therapie, aber die Reihenfolge zählt, und sie beginnt damit, dir zu glauben.

    5. „Was müsste passieren, damit Sie mein Gewicht ansprechen, wenn ich es nicht angesprochen habe?“ Eine klare Antwort ist in jede Richtung ein gutes Zeichen. „Gar nichts“ ist in Ordnung. „Wenn es mit Ihrem Anliegen zusammenzuhängen scheint, und ich würde vorher fragen“ ist auch in Ordnung. Unklarheit ist das Warnsignal.

    Warnzeichen in der ersten Sitzung

    • Dein Gewicht kommt zur Sprache, bevor dein Anliegen zur Sprache kommt.
    • Du wirst nach Diäten, Essen oder Sport gefragt, obwohl du wegen etwas anderem da bist.
    • Gewichtsabnahme wird als etwas beschrieben, das deine psychische Lage verbessern würde, ohne dass du davon angefangen hast.
    • Deine Diskriminierungserfahrung wird zu Empfindlichkeit umgedeutet, zu deiner Interpretation oder zu einem Motivationsargument für die Veränderung deines Körpers.
    • Das Unbehagen der behandelnden Person mit dem Thema wird zu etwas, das du auffängst.

    Eine Einschränkung zum zweiten Punkt: Es ist legitim, im Erstgespräch nach Essen, Schlaf und Bewegung zu fragen, so wie nach Alkohol gefragt wird. Das Warnzeichen ist die Anschlussfrage, nicht die Frage.

    Du darfst gehen

    Das Wichtigste vorweg: Eine erste Sitzung ist keine Festlegung. Passung ist eine klinische Größe, keine Höflichkeitsfrage, und wer deinen Körper nicht sehen kann, ohne ihn zu kommentieren, passt nicht, egal wie gut die Qualifikation ist.

    Nach einer Sitzung zu wechseln ist kein Scheitern und keine Unhöflichkeit. Es kostet dich eine Sitzung. Bei der falschen Praxis zu bleiben kostet deutlich mehr, und die Forschung oben legt nahe, dass es dich die Richtigkeit deiner eigenen Diagnose kosten kann.

    Wenn dein Anliegen dringend ist oder du dich in einer Krise befindest, nutze den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117, in akuten Notfällen die 112. Das BIÖG (früher BZgA) betreibt außerdem ein Beratungstelefon zu Essstörungen unter 0221 892031. Die Suche nach der langfristig passenden Praxis ist ein Projekt für eine Woche, in der es dir nicht akut schlecht geht.

    Was Gewichtsstigma mit der psychischen Gesundheit macht, steht ausführlich in Die mentale Last, dick zu leben.


    Quellen: Philip SR, Standen EC, Schueler J, Fields SA, Phelan SM. Weight bias in mental health settings: a scoping review. Front Psychiatry. 2025;16:1596625. doi:10.3389/fpsyt.2025.1596625. ASDAH Health at Every Size Provider Listing und Listing-FAQ, abgerufen am 31.07.2026. Inclusive Therapists, abgerufen am 31.07.2026. EDRD Pro, abgerufen am 31.07.2026. 116117.de, Seite „Psychotherapie“, und arztsuche.116117.de, abgerufen am 31.07.2026. § 13 Absatz 3 SGB V, gesetze-im-internet.de. Psychotherapeutenkammer NRW, Hinweis zur Kostenerstattung nach § 13 Absatz 3 SGB V. BIÖG, essstoerungen.bioeg.de.

  • Was ist der Fat Liberation Month? Herkunft, Termine und wie man mitmacht

    Was ist der Fat Liberation Month? Herkunft, Termine und wie man mitmacht

    Jeden August wird ein Teil des Internets laut, lila und feierlich unter dem Hashtag #FatLiberationMonth. Wer darüber gestolpert ist und sich gefragt hat, was das eigentlich ist: Hier steht, woher der Monat kommt, wer ihn organisiert, was darin passiert und wie man mitmacht, wenn man nicht in den USA lebt.

    Eines vorweg, weil es auf dieser Seite zählt: Der Fat Liberation Month ist keine Gesundheitskampagne, keine Aufklärungswoche über eine Krankheit und keine Vorher-Nachher-Geschichte. Er ist eine Feier, organisiert von dicken Menschen für dicke Menschen, und seine erklärte Prämisse lautet, dass dicke Menschen niemandem einen Besserungsplan schulden.

    Die Kurzfassung

    Der Fat Liberation Month läuft den ganzen August. Organisiert wird er von NAAFA, der National Association to Advance Fat Acceptance, die sich selbst als die am längsten bestehende Organisation für die Rechte dicker Menschen weltweit beschreibt. August 2026 ist die sechste Auflage.

    Es gibt keine Mitgliedschaftspflicht und keine Anmeldung. NAAFA hat ausdrücklich alle Menschen weltweit eingeladen, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen.

    Woher er kommt

    Die Entstehungsgeschichte ist ungewöhnlich gut dokumentiert, weil NAAFA sie selbst aufgeschrieben hat.

    Im Herbst 2020 schrieb Clark Beltran einen Essay für den NAAFA-Blog über den Latino Heritage Month. Er beschrieb darin, was es für ihn als mexikanisch-amerikanischen Mann bedeutet, eine landesweite Feier seiner Herkunft zu haben, und als schwuler Mann den Pride Month, aber nichts Vergleichbares für seine Identität als dicker Mann. Er fragte, wo die entsprechende Feier für Menschen mit Größe bleibe.

    Der Essay lief über NAAFAs Social-Media-Kanäle. In der Diskussion darunter schlug die Aktivistin und Performerin Juane Tango vor, die dicke Community könne so eine Feier einfach selbst abhalten. Nach NAAFAs eigener Darstellung hat Tango die Organisation dabei nicht beauftragt und den Vorschlag schon früher gemacht, zusammen mit der Idee einer eigenen Flagge.

    Darliene Howell, damals Vorsitzende von NAAFA, und Tigress Osborn, damals designierte Nachfolgerin, brachten den Vorschlag in den Vorstand. Der gab ihn an sein Future-of-NAAFA-Komitee weiter, das die Details ausarbeitete. Der erste Fat Liberation Month startete im Mai 2021.

    Er wanderte fast sofort. Nach der ersten Auflage kam die Rückmeldung, der Mai passe schlecht, weil dort der Asian American and Pacific Islander Heritage Month liegt. Der Vorstand verlegte die Feier 2022 auf den August. Dort ist sie seitdem geblieben.

    Der Teil, den die meisten Texte weglassen

    NAAFA hat nicht behauptet, die Idee erfunden zu haben, sondern eine Liste derer veröffentlicht, die früher dran waren. Diese Liste ist es wert, wiederholt zu werden, denn eine Bewegung, die ihre Vorläufer nennt, tut etwas, das die Wellness-Industrie sich selten antut:

    • Denarii Grace (@writersdelite) veranstaltete 2019 und noch einmal 2021 einen Online-Fat-Acceptance-Month.
    • Karabelo Makale nutzte 2019 den Hashtag #fatacceptancemonth auf Instagram.
    • A Small Town Monarch (@femmina) begann im Januar 2020 mit #fatliberationmonth, laut NAAFA schlicht aus Erschöpfung darüber, wie der Januar üblicherweise abläuft, also aus Erschöpfung über die jährliche Diät-Vorsatz-Saison.
    • Dr. Victoria Reuveni (@drvixenne) war nach NAAFAs Darstellung die erste Person, die den Hashtag #fatliberationmonth auf Instagram verwendete, am 7. Januar 2020.
    • Luis Heredia plädierte 2017 in einem Meinungsbeitrag für die spanische Seite Hora Jaén für einen Día Orgullo Gordo, einen Fat-Pride-Tag.

    Das Januar-Detail ist das interessante. Der Hashtag entstand als Gegengewicht zum Diätdruck des Jahreswechsels. Die organisierte Fassung landete im August, also am gegenüberliegenden Ende des Kalenders von der Saison, in der der Druck am größten ist.

    Warum ausgerechnet NAAFA

    NAAFAs eigene Geschichte erklärt, warum der Monat so aussieht, wie er aussieht. Nach der Darstellung der Organisation wurde sie 1969 von Bill Fabrey gegründet, einem jungen Ingenieur in New York, der wütend darüber war, wie die Welt seine Frau Joyce behandelte. Er hatte einen Artikel von Lew Louderback in der Saturday Evening Post über Fettfeindlichkeit in der US-Kultur gelesen, kopierte ihn und verteilte ihn an alle, die er kannte. Mit Louderbacks Hilfe versammelte er eine kleine Gruppe und gründete die damalige National Association to Aid Fat Americans.

    Einer Gruppe kalifornischer Feministinnen war NAAFA nicht radikal genug. Sie gründeten die Fat Underground. Was NAAFA Fat Acceptance nannte, nannten sie Fat Liberation. 1973 veröffentlichten sie das Fat Liberation Manifesto, das gleiche Rechte für dicke Menschen in allen Lebensbereichen forderte und die Abnehmindustrie ausdrücklich als Gegnerin benannte.

    Diese Spaltung hört man dem Namen bis heute an. „Fat Liberation Month“ nutzt das radikalere der beiden Vokabulare, ausgerichtet von der Organisation, die ursprünglich das sanftere benutzte. Der Monat bittet nicht um Toleranz. Er behauptet ein Recht.

    Wer die längere Fassung dieser Geschichte will, samt der queeren und lesbisch-feministischen Organisierung, die die Bewegung durch ihr erstes Jahrzehnt trug, findet sie bei uns in Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen.

    Was in dem Monat tatsächlich passiert

    Das Programm besteht überwiegend aus Community-Veranstaltungen, meist online, damit man von überall teilnehmen kann. Die Auflage 2025 gibt ein brauchbares Bild vom Format: eine Auftaktparty, Sessions zu Bewegung und Stuhlgymnastik für dicke Körper, zu Sexualität, zu Schreiben, eine Interviewreihe „Fat Spotlight“, ein jährliches Quiz, eine Abschlussparty und eine virtuelle Auktion, die zugleich der Finanzierung dient.

    Der rote Faden ist das Fehlen eines Gesundheitsrahmens. Niemandem wird beigebracht, irgendetwas zu managen. Das ist der Zweck des Formats, kein Versäumnis.

    Politik kommt auch vor, meist eher durch zeitlichen Zufall als durch Planung. Minneapolis änderte 2025 seine Antidiskriminierungssatzung und verbot Diskriminierung wegen Körpergröße und Gewicht, dazu wegen Wohnungslosigkeit und wegen Vorstrafen. Der Stadtrat beschloss die Änderungen am 1. Mai 2025 einstimmig, Bürgermeister Jacob Frey unterzeichnete sie im selben Monat, in Kraft traten sie am 1. August 2025, also am ersten Tag des damaligen Fat Liberation Month. Wie viele US-Städte solche Regeln haben, berichten die Quellen unterschiedlich; jede konkrete Zählung ist mit Vorsicht zu genießen, die Daten zu Minneapolis stammen von der Stadt selbst.

    Wo 2026 gerade steht, Stand Ende Juli

    NAAFAs Seite zur sechsten Auflage ist online und bestätigt den August 2026, trägt aber mit Stand 30. Juli 2026 weder ein Programm noch ein Jahresthema. Es gibt Spenden- und Newsletter-Links sowie die Archive der Vorjahre, aber noch keine Veranstaltungsliste.

    Praktisch heißt das zweierlei. Wer dem offiziellen Programm folgen will, beobachtet naafa.org/flm2026 und den NAAFA-Newsletter in der ersten Augustwoche. Und wer auf einen Aufhänger gewartet hat: Den gibt es derzeit nicht. Was in den ersten Tagen des Monats passiert, kommt aus einzelnen Communitys, nicht aus einem zentralen Terminplan.

    Wie man von außerhalb der USA mitmacht

    Der Fat Liberation Month wird in den USA organisiert, und die meisten Termine laufen in US-Zeitzonen. Das ist eine echte Einschränkung, kein Detail zum Wegreden. Aber der Monat war bewusst als offenes Format angelegt, und NAAFA hat schriftlich festgehalten, die ganze Welt eingeladen zu haben, den Hashtag zu nutzen und eigene Veranstaltungen zu planen. Es gibt nichts beizutreten und niemanden um Erlaubnis zu fragen.

    Was sich gut übertragen lässt:

    • Den Hashtag auf den Plattformen nutzen, die man ohnehin nutzt. Der Sinn eines offenen Hashtags ist, dass er Aktivität bündelt, die keine Organisation hätte planen können.
    • Etwas Lokales und Kleines machen. Ein Kleidertausch in großen Größen, eine Lesegruppe, eine Schwimmzeit, ein Treffen. Das Programm 2025 bestand im Kern aus genau solchen Dingen, nur in Serie.
    • Online-Termine wahrnehmen, wo die Zeitzone es hergibt. Veranstaltungen am späten Nachmittag US-Pazifikzeit fallen mitten in die europäische Nacht, früher Abend US-Zentralzeit ist eher machbar.
    • Den Monat als Frist benutzen. Ein Aktionsmonat ist ein guter Vorwand für das, was man vor sich herschiebt: eine Marke anschreiben und nach ihrem Größenspektrum fragen, eine seit Monaten entworfene Beschwerde tatsächlich einreichen, die eigene Personalabteilung fragen, ob die Antidiskriminierungsrichtlinie Körpergröße und Gewicht überhaupt nennt.

    Was es in Deutschland nicht gibt

    Wir haben nach einer deutschen Entsprechung gesucht und keine gefunden: keinen etablierten deutschsprachigen Aktionsmonat, keine vergleichbare Struktur, keine Dachorganisation, die so etwas ausrichtet. Falls es etwas gibt, das wir übersehen haben, hören wir gern davon.

    Die Rechtslage ist ein Teil des Grundes, warum es weniger zu feiern gibt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) führt Körpergewicht nicht als geschütztes Merkmal. Ein Antrag, es unter anderen Merkmalen aufzunehmen, hatte im Juni 2026 seine erste Lesung im Bundestag (Drucksache 21/4538), eingebracht von einer Oppositionsfraktion; das ist ein Vorschlag, kein Gesetz. Bis sich das ändert, muss Gewichtsdiskriminierung in Deutschland weitgehend über andere Wege begründet werden. Welche das sind, steht bei uns in Wenn die Welt nicht für dich gebaut ist: Gewichtsdiskriminierung und was du tun kannst.

    Der andere Termin, den man kennen sollte

    Wenn der August vorbeigeht, ist der zweite feste Punkt im Kalender die Weight Stigma Awareness Week vom 8. bis 9. September 2026 unter dem Thema „The Power of Fat Joy“. Ausgerichtet wird sie von Dr. Wendy Oliver-Pyatt (Within Health) und Chevese Turner (The Body Equity Alliance).

    Ein Unterschied ist erwähnenswert: Within Health ist ein kommerzieller Anbieter für Essstörungsbehandlung. Das macht die Woche nicht weniger nützlich, und das Thema, also Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und das Recht, ohne Rechtfertigung freudvoll zu leben, steht klar in derselben Tradition. Aber das ist eine andere Art von Ausrichter als eine mitgliedergetragene Interessenvertretung, und es ist vernünftig, das im Blick zu behalten.

    In einem Satz

    Der August ist Fat Liberation Month. Es gibt ihn, weil ein dicker Mann 2020 gefragt hat, warum es für Menschen wie ihn keine Feier gibt, und weil genug Leute ihm zugestimmt und eine gebaut haben. Ohne Türsteher, ohne Eintritt und ohne angehängten Besserungsplan.

    Quellen: NAAFA, „Fat Liberation Month 2026“ (naafa.org/flm2026, abgerufen 30.07.2026); NAAFA, „History of Fat Liberation Month“ (naafa.org/2022-flm-history); NAAFA, „Fat Liberation Month 2025“ (naafa.org/flm2025); NAAFA, „NAAFA’s Origin Story & Fat Activism History“ (naafa.org/history); Weight Stigma Awareness Week 2026 (within-health.ce-go.com); Änderung der Antidiskriminierungssatzung von Minneapolis, in Kraft 01.08.2025, berichtet u. a. von Marketplace (01.08.2025) sowie mehreren arbeitsrechtlichen Analysen; Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4538, erste Lesung Juni 2026.

  • Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen

    Fett und queer: Die gemeinsame Geschichte zweier Bewegungen

    Die Geschichte der Fat-Liberation-Bewegung wird meist als Geschichte über Selbstwertgefühl erzählt. Sie war keine. In ihrem ersten Jahrzehnt war sie ein kleines, wütendes, überwiegend lesbisch-feministisches Politprojekt, und die Belege dafür sind öffentlich, datiert und zitierbar. Wer die Bewegung nur über das Body-Positivity-Vokabular der letzten fünfzehn Jahre kennt, kennt die Hälfte nicht, die von Anfang an queer war.

    Das ist keine Behauptung darüber, wem Fett-Aktivismus „gehört“. Es ist eine Behauptung darüber, woher die Dokumente kommen.

    Die Chronik haben die geschrieben, die dabei waren

    Im Juni 2010 leitete die britische Fett-Aktivistin und Soziologin Charlotte Cooper beim NOLOSE-Treffen in Oakland, Kalifornien, einen Workshop, in dem rund fünfzig fette Lesben, Dykes, bisexuelle Frauen und trans Personen die Zeitleiste ihrer eigenen Bewegung auf eine Tapetenrolle malten. Cooper veröffentlichte das Ergebnis 2011 als Zine, A Queer and Trans Fat Activist Timeline. Sie schreibt ausdrücklich dazu, dass es keine endgültige Geschichtsschreibung ist: es ist kollektives Erinnern, absichtlich lückenhaft und widersprüchlich, entstanden in einem bestimmten Raum mit bestimmten Leuten.

    Als das gelesen, was es ist, bleibt es bemerkenswert. Die Einträge reichen von einem „Fat-In“ im Central Park 1967 über vier Jahrzehnte, und die queeren Einträge sind keine Ausnahmen. Eine kleine Anti-Diät-Gruppe von Dykes im Castro von San Francisco, 1978. Shadow on a Tightrope, die 1983 erschienene Anthologie von Texten über Fett-Unterdrückung. Das Fat Dykes Statement, 1989 in der britischen feministischen Zeitschrift Trouble & Strife. Ein Fat Dyke Float bei der Parade in San Francisco, 1992. Das Zine FaT GiRL, 1994 bis 1997. 1997 löst ein Foto einer fetten Frau auf dem Cover von Lesbian Connection so viel feindselige Post aus, dass daraus selbst ein Ereignis der Bewegung wird; ungefähr daraus entsteht am Ende des Jahrzehnts NOLOSE. (Die Quellen sind uneins, ob NOLOSE auf 1998 oder 1999 zu datieren ist; die Zeitleiste sagt 1999.)

    Cooper schrieb den Workshop-Vorschlag auch deshalb, weil sie beobachtet hatte, wie diese Chronik still entqueert wurde: Fett-Aktivismus umverpackt als respektable Botschaft darüber, wie normal fette Menschen doch seien, mit den Dykes herausgeschnitten.

    Ein Manifest, das alle nennt außer sich selbst

    Das Gründungsdokument lässt sich leicht prüfen. Das Fat Liberation Manifesto wurde im November 1973 von Judy Freespirit und Aldebaran geschrieben und vom Fat Underground in Los Angeles herausgegeben. Eine getippte Seite, sieben Punkte, erstaunlich gut gealtert. Punkt fünf benennt die „reducing industries“, also die Abnehmindustrie, als besonderen Gegner der Bewegung. Punkt drei erklärt den eigenen Kampf für verbündet mit anderen Kämpfen „gegen Klassismus, Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung, finanzielle Ausbeutung, Imperialismus und dergleichen“.

    Und jetzt das, was in dieser Aufzählung fehlt. 1973, in einem Dokument aus einem radikalfeministischen Umfeld, kommt Homofeindlichkeit nicht einmal in der Solidaritätsklausel vor. Das Queere an der frühen Fat Liberation steckt darin, wer im Raum saß, in den Archiven, in Sinister Wisdom und der lesbischen Presse, die die Positionspapiere des Fat Underground verbreitete. Nicht in der Selbstbeschreibung des Manifests. Diese Lücke gehört zur Geschichte dazu und sollte man benennen statt glattziehen.

    Freespirit starb im September 2010 in San Francisco im Alter von 74 Jahren. Ihr Nachlass liegt im June L. Mazer Lesbian Archives.

    Warum die Überschneidung kein Zufall ist

    Zwei Bewegungen trafen sich hier, weil sie gegen denselben Reflex kämpften.

    Ein fetter Körper und ein queerer Körper werden beide als Beweis über die Person darin gelesen: als nicht ordentlich regierter Appetit, als privates Versagen, öffentlich sichtbar gemacht, als etwas, das in Ordnung wäre, wenn man es nur diskret hielte. Beiden wird derselbe Handel angeboten, nämlich Duldung gegen Selbstverkleinerung. Und beide Bewegungen produzierten darauf dieselbe Spaltung: einen assimilatorischen Flügel, der argumentiert wir sind doch wie ihr, und einen Flügel, der argumentiert, dass genau diese Forderung das Problem ist.

    Die schärfste zeitgenössische Fassung dieses Gedankens ist Da’Shaun L. Harrisons Belly of the Beast: The Politics of Anti-Fatness as Anti-Blackness (North Atlantic Books, 2021), ausgezeichnet mit dem Lambda Literary Award 2022 in der Kategorie Transgender Nonfiction. Harrison, fett, Schwarz, behindert und nichtbinär trans, argumentiert, dass Fettfeindlichkeit sich nicht von Anti-Schwarzsein trennen lässt, und arbeitet sich dafür durch Begehrenspolitik, Healthism und Polizeigewalt. Ein Buch darüber, wie Körper einsortiert werden, nicht über Körper. Lesen, bevor man es zitiert; die Einzeiler-Version wird ihm nicht gerecht.

    Wo die Überschneidung konkret wird: in der Klinik

    Diese Geschichte ist nicht nur Geschichte. Sie hat eine aktuelle Adresse, und die ist eine OP-Warteliste.

    Viele fette trans Personen stoßen bei geschlechtsangleichenden Operationen auf eine Gewichtsgrenze. Es lohnt sich, genau hinzusehen, woher diese Grenze kommt, denn sie wird meist als medizinischer Standard dargestellt und ist meist keiner.

    Die World Professional Association for Transgender Health führt in Version 8 ihrer Standards of Care die Kriterien für geschlechtsangleichende chirurgische Behandlung auf: anhaltende Diagnose einer Geschlechtsinkongruenz, Einwilligungsfähigkeit, Verständnis der Auswirkungen auf die Fortpflanzung, Ausschluss anderer Ursachen, Bewertung von Bedingungen, die das OP-Ergebnis beeinträchtigen könnten, und Stabilität unter Hormontherapie, wo einschlägig. Ein Körpergewichtskriterium steht nicht in dieser Liste. Häuser, die eines ansetzen, sagen das selbst: Die Cleveland Clinic führt ihre BMI-Grenzen ausdrücklich als Anforderungen „zusätzlich zu den WPATH-Standards“ auf.

    In Deutschland läuft es von der anderen Seite auf dasselbe hinaus. Geschlechtsangleichende Maßnahmen werden in der gesetzlichen Krankenversicherung anhand einer verbindlichen Richtlinie begutachtet, die für den GKV-Spitzenverband nach § 282 SGB V erlassen wurde: der Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus gem. ICD-10, F64.0″, Stand 31. August 2020. Ihre Kriterien betreffen Diagnostik, Leidensdruck, Behandlungsverlauf und Alltagserfahrungen. Eine Volltextsuche in dieser Anleitung nach einem Gewichts- oder BMI-Kriterium liefert nichts, weil keins darin steht.

    Woher kommen die Zahlen dann? Von einzelnen Häusern. Die Cleveland Clinic taugt hier als Beispiel, weil sie ihre Regeln veröffentlicht und ehrlich über deren Status ist. Ihre Seite zu geschlechtsangleichenden Operationen listet diese BMI-Grenzen als eigene Voraussetzungen des Hauses auf. Sie unterscheiden sich je nach Eingriff: 35 oder darunter bei Vaginoplastik, Vulvoplastik, Brustaufbau und Mastektomie; 32 oder darunter bei Metoidioplastik und Phalloplastik; 40 oder darunter bei Hysterektomie; und gar keine Grenze bei Orchiektomie, Gesichtsfeminisierung und Stimm-OP.

    Zwei Dinge daran sind aufschlussreich. Erstens sind die Zahlen untereinander nicht konsistent, was heißt, dass sie chirurgische Einschätzungen zu einzelnen Eingriffen abbilden und keine allgemeine Regel über fette Körper. Zweitens schreibt die Klinik, ihre Anforderungen könnten angepasst werden, „um die Genehmigung für chirurgische Eingriffe zu optimieren“. Die Grenze ist also zum Teil eine Verhandlung mit Kostenträgern und nicht nur ein klinischer Befund. Dazu räumt die Seite ein, der BMI sei „nicht perfekt“ und als Gesprächseinstieg gedacht.

    Das darf eine Chirurgie so entscheiden, dokumentieren und begründen. Es ist kein Berufsstandard, und es sollte Patient:innen auch nicht als einer verkauft werden.

    Der praktische Unterschied ist erheblich. „Die Standards verbieten das“ beendet ein Gespräch. „Dieses Haus hat sich diese Regel gegeben“ ist eine Tatsache, nach deren Begründung man fragen und die man in einer anderen Klinik erneut prüfen kann. Nichts in diesem Text ist ein Ratschlag zu irgendjemandes Körper. Es ist ein Hinweis darauf, vor welcher Tür man tatsächlich steht. Wie so ein Gespräch läuft, steht in unseren Texten was tun, wenn die Ärztin alles aufs Gewicht schiebt und gewichtsneutrale Ärztin oder Arzt finden.

    Manchmal ist Zugang eine Frage der Möbel

    Ein Eintrag in Coopers Zeitleiste ist kleiner als die anderen und bleibt trotzdem hängen. 1996 stellte das Callen-Lorde Community Health Center, die LGBT-Gesundheitsklinik in New York, nach einem Beschwerdebrief von Geleni Fontaine in allen Wartebereichen Stühle ohne Armlehnen auf.

    Das ist der ganze Eintrag. Keine Kampagne, kein Gesetz. Jemand schrieb einen Brief über die Bestuhlung in einer Klinik, die ohnehin schon Menschen versorgte, die andere Häuser wegschickten, und die Klinik tauschte die Stühle. Das meiste, was Fat Liberation und queeres Organisieren tatsächlich teilen, sieht so aus: keine Parole, sondern die Erkenntnis, dass ein Raum so gebaut sein kann, dass er einen ausschließt, ohne dass jemand an der Tür etwas sagen muss.

    Wozu diese Geschichte taugt

    Bewegungen, die ihre Anfänge vergessen, führen die Debatten noch einmal, die sie längst gewonnen haben. Fat Liberation begann als Bündnispolitik, 1973 auch so aufgeschrieben, wurde drei Jahrzehnte lang überwiegend von queeren Frauen und später von trans und nichtbinären Aktivist:innen getragen und von Leuten archiviert, die verstanden hatten, dass Archive die Art sind, wie eine kleine Bewegung das Vergessenwerden überlebt.

    Wer das weiß, liest „Fett-Akzeptanz“ anders. Es war nie eine Bitte, akzeptabel gefunden zu werden.


    Quellen: Charlotte Cooper, A Queer and Trans Fat Activist Timeline (Zine, 2011, CC BY-NC-ND); Fat Liberation Manifesto, Judy Freespirit und Aldebaran, November 1973, über das Fat Liberation Archive; Nachruf auf Judy Freespirit bei Lambda Literary, September 2010; Da’Shaun L. Harrison, Belly of the Beast, North Atlantic Books, 2021; WPATH, Standards of Care 8, chirurgische Kriterien; Medizinischer Dienst, Begutachtungsanleitung „Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualismus“, 31. August 2020; Cleveland Clinic, Seite zur Terminvereinbarung für geschlechtsangleichende Operationen. Übersetzungen aus den englischsprachigen Quellen sind eigene Übersetzungen.

  • Fliegen als dicker Mensch: Airline-Regeln zu Sitzbreite, Gurtverlängerung und dem Recht auf einen zweiten Sitz

    Fliegen als dicker Mensch: Airline-Regeln zu Sitzbreite, Gurtverlängerung und dem Recht auf einen zweiten Sitz

    Fliegen als dicker Mensch bedeutet Vorarbeit: Jede Airline handhabt es anders, was passiert, wenn man nicht in einen Standard-Economy-Sitz passt, und fast keine macht diese Regel leicht auffindbar, bevor man das Ticket schon bezahlt hat. Dieser Leitfaden bündelt die tatsächlichen Regeln, geprüft an den offiziellen Angaben der jeweiligen Airline, dazu den einen verbindlichen Rechtsprecedenzfall, der weltweit für einen kostenlosen zweiten Sitz existiert.

    Das ist ein Service-Stück, kein Urteil über den Anstand einzelner Airlines. Es geht darum, vorher zu wissen, worauf man sich einlässt, nicht erst am Gate.

    Die Grundlagen: Armlehne, Gurt, und wer entscheidet

    Jede Regel in diesem Artikel läuft auf zwei Tests hinaus, von jeder Airline leicht anders formuliert:

    • Der Armlehnen-Test. Lässt sich die Armlehne zwischen zwei Sitzen nicht herunterklappen, weil der Körper im Weg ist, oder reicht der Körper über sie hinweg in den Nachbarsitz, werten die meisten Airlines das als Bedarf für einen zweiten Sitz.
    • Der Gurt-Test. Standard-Economy-Sicherheitsgurte messen voll ausgezogen je nach Flugzeug und Airline etwa 102 bis 112 cm. Reicht das nicht, braucht es eine Verlängerung. Jede Airline, die in den USA, UK und der EU operiert, ist gesetzlich verpflichtet, Gurtverlängerungen an Bord zu haben und kostenlos auszugeben. Das ist eine Sicherheitsvorschrift, keine Kulanz, und danach zu fragen ist keine Information, die man irgendjemandem schuldet.

    Wer diese Entscheidung trifft und wann, das ist der Punkt, an dem sich die Airlines deutlich unterscheiden.

    Airline für Airline

    Southwest Airlines (USA)

    Southwest hat seit über 30 Jahren eine Form von „Customer of Size“-Regelung, die 2026 eine sehr öffentliche Kehrtwende durchlaufen hat. Am 27. Januar 2026 verschärfte Southwest die Regel im Zuge der Umstellung auf feste Sitzplatzzuweisung: Ein zweiter Sitz musste vorab gekauft werden. Nach wochenlangen Beschwerden und öffentlicher Kritik machte die Airline das bis Ende Mai 2026 rückgängig.

    Die aktuelle Regel, direkt am Southwest-Hilfecenter zum Zeitpunkt dieses Artikels bestätigt:

    • Die Armlehne gilt als offizielle Grenze zwischen zwei Sitzen.
    • Zwei Sitze vorab zu buchen wird „dringend empfohlen“, um Nachbarsitze zu sichern, und dieser zweite Sitz ist nach dem Flug erstattungsfähig, sofern der Flug mit mindestens einem freien Sitz abgeflogen ist.
    • Wer nicht vorab gebucht hat und sich am Gate herausstellt, dass mehr Platz nötig ist, bekommt von Southwest einen kostenlosen zweiten Sitz, aber nur, wenn tatsächlich Nachbarsitze frei sind. Ist der Flug voll, gibt es eine Umbuchung, keine Enge.
    • Eine Gurtverlängerung pro Passagier, gestellt von Southwest, nicht nutzbar an einem Notausgangsplatz.

    Southwest bleibt die einzige große US-Airline mit einem kostenlosen Weg als festem Bestandteil der Alltagsregel, nicht nur als Notlösung.

    American Airlines (USA)

    American hat keine kostenlose Lösung. Wer mehr Platz braucht, kauft einen zweiten Sitz zum vollen Erwachsenentarif (plus Steuern, minus bestimmter Flughafengebühren), gebucht in derselben Reservierung als „EXST“. Es gibt kein Limit für die Zahl zusätzlicher Sitze. Wer ohne Vorbuchung erscheint, für den versucht das Gate-Personal zwei Nachbarsitze zu finden, bedeutet das eine höhere Tarifklasse, wird die Differenz fällig. (Quelle: Americans interne „Extra Seat Procedures“-Dokumentation, Stand November 2025.)

    Delta Air Lines (USA)

    Deltas Formulierung ist weicher, die Mechanik ähnlich: Wer in den Nachbarsitz hineinreicht oder die Armlehne nicht herunterklappen kann, wird „ermutigt“, vorab einen zweiten Sitz zum gleichen Tarif zu kaufen, oder auf Premium Select, First oder Delta One upzugraden. Ohne das, bei vollem Flug, gibt es eine Umbuchung. Delta erstattet den zweiten Sitz bei nicht erstattungsfähigen Tarifen nicht, ein echter Unterschied zu Southwests Erstattungsregel.

    United Airlines (USA)

    United verlangt von Passagieren, die nicht in einen Sitz passen, den Gurt nicht schließen können (auch mit einer 64-cm-Verlängerung nicht) oder die Armlehne nicht herunterklappen können, entweder einen zweiten Sitz zu zahlen oder sich umbuchen zu lassen. United versucht zuerst kostenlos, auf einen freien Nachbarsitz woanders im Flugzeug umzusetzen, bevor eine Zahlung verlangt wird, die kostenlose Option existiert also, aber nur bei freier Kapazität.

    British Airways (UK)

    BA verlangt einen zweiten Sitz, wenn die Armlehne nicht heruntergeklappt werden kann oder der Körper in den Nachbarsitz reicht; das muss mindestens 48 Stunden vorher über die Airline oder ein Reisebüro gebucht werden, nicht online, und wird zum Standard- oder niedrigsten anwendbaren Tarif berechnet. Gurtverlängerungen sind an Bord jedes Flugzeugs vorhanden und werden auf Anfrage kostenlos ausgegeben. Die manchmal für BA kursierenden konkreten Gewichts- oder Breitengrenzen (etwa eine feste Kilogramm- oder Zentimeterzahl) konnten wir nicht an BAs eigener veröffentlichter Regel verifizieren, deshalb übernehmen wir diese Zahlen hier nicht. Die von BA genannten Kriterien sind Armlehne und Gurt, kein veröffentlichter Messwert.

    Ryanair (UK/EU-Billigflieger)

    Ryanair verkauft einen zweiten Sitz als allgemeine „Komfort“-Option, nicht als größenbezogene Regelung: Man bucht zwei volle Tickets, der zweite Passagier wird als „EXTRA COMFORT SEAT“ eingetragen. Es gibt keine eigene Größenregel, keinen reduzierten Tarif für den zweiten Sitz und kein Gepäckkontingent dafür. Das ist funktional die unflexibelste Option in diesem Vergleich, voller Preis, keine größenbezogene Einordnung, kein kostenloser Weg.

    Lufthansa, Eurowings, Condor (Deutschland)

    Keine der drei hat eine formelle, veröffentlichte Größenregel. In der Praxis versucht das Check-in-Personal, von Fall zu Fall einen freien Nachbarsitz zu finden, und keine der drei berechnet dafür einen Aufpreis, wenn es klappt. Das ist im Alltag flexibler als bei den großen US-Airlines, bedeutet aber auch: Es gibt nichts Schriftliches, worauf man sich berufen kann, wenn ein bestimmter Flug oder eine bestimmte Mitarbeiterin nicht entgegenkommt. Keine Regel heißt keine Garantie, in beide Richtungen.

    Der eine Rechtsanspruch, der tatsächlich existiert: Kanada

    Im Januar 2008 entschied die Canadian Transportation Agency, dass Air Canada, Air Canada Jazz und WestJet auf Inlandsflügen „eine Person, ein Tarif“ anbieten müssen, für Passagier:innen, die in der Sprache der Behörde „durch Adipositas funktional behindert“ sind und einen zweiten Sitz brauchen, sowie für Passagier:innen mit Behinderung, die eine notwendige Begleitperson mitnehmen. Die Airlines legten Berufung ein, der Oberste Gerichtshof Kanadas lehnte die Anhörung ab, damit steht das Urteil als bindender Präzedenzfall in Kanada.

    Zwei Einschränkungen zählen: Es gilt nur für Inlandsflüge in Kanada, und es setzt eine dokumentierte Behinderung im rechtlichen Sinn voraus, nicht einfach „ich wäre bequemer gesessen“. In den USA, UK oder der EU wurde das nie übernommen.

    Was für Deutschland gilt

    In Deutschland und der EU gibt es keine gesetzliche Mindest-Sitzbreite und keinen Anspruch auf einen kostenlosen zweiten Sitz. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) nennt Körpergewicht bislang nicht als Diskriminierungsmerkmal, Fluggesellschaften können also grundsätzlich frei entscheiden, wie sie mit dem Thema umgehen. Ein Antrag der Linksfraktion, das AGG unter anderem um das Merkmal Körpergewicht zu erweitern, hatte im Sommer 2026 erst seine erste Lesung im Bundestag, eine Gesetzesänderung ist damit nicht absehbar. In der Praxis heißt das für Lufthansa, Eurowings und Condor: Anrufen und vorab klären ist die verlässlichere Strategie als sich auf eine Lösung am Gate zu verlassen, weil es keine schriftliche Regel gibt, auf die man sich berufen könnte.

    Buchungstipps, die direkt aus den Regeln oben folgen

    • Den zweiten Sitz gleich mitbuchen, wo immer diese Option existiert (Southwest, American, Delta, United, BA und Ryanair erlauben das bei der Buchung). Erst am Gate zu hoffen überlässt die Entscheidung dem Ermessen der Airline, nicht dem eigenen Anspruch.
    • Vor dem Kauf nach der Erstattungsregel fragen. Southwest erstattet, Delta bei nicht erstattungsfähigen Tarifen nicht, vorher prüfen statt annehmen.
    • Eine Gurtverlängerung ist keine Herabstufung und kein Gefallen. Sie ist Pflicht-Sicherheitsausrüstung, die jede hier genannte Airline vorhalten und kostenlos ausgeben muss. Eine Rechtfertigung braucht es dafür nicht.
    • Bei Lufthansa, Eurowings oder Condor vorher anrufen, statt sich aufs Gate zu verlassen, weil es keine schriftliche Regel gibt, auf die man sich bei vollem Flug berufen kann.
    • Die eigene Route kennen. Bei Inlandsflügen innerhalb Kanadas kann der Eine-Person-ein-Tarif-Anspruch greifen, wenn eine qualifizierende Behinderung dokumentiert werden kann, das lohnt sich vorher zu klären, nicht erst nach einer schlechten Erfahrung.

    Was dieser Leitfaden nicht tut

    Er bewertet Airlines nicht nach Freundlichkeit, und er sagt nicht, dass der eigene Körper das Problem ist, ein 43 cm breiter Economy-Sitz ist eine Design-Entscheidung der Airline, keine Tatsache über eine Person. Was er liefert, sind die tatsächlichen Regeln, geprüft an den eigenen veröffentlichten Angaben der jeweiligen Airline, wo es sie gibt, damit sich eine Reise planen statt riskieren lässt.

    Quellen

    • Southwest Airlines, „What is your policy for Customers of size?“ — support.southwest.com (live abgerufen, 28.07.2026)
    • American Airlines, „Extra Seat Procedures“ — saleslink.aa.com (Stand November 2025)
    • Delta Air Lines, „Extra Seat – Personal Comfort“ — pro.delta.com
    • Ryanair, „Can I buy an extra seat for comfort?“ — help.ryanair.com
    • Canadian Transportation Agency, Entscheidung Januar 2008, und die Ablehnung des Obersten Gerichtshofs Kanadas 2009, die Berufung der Airlines zu hören
    • United Airlines und British Airways über unabhängige Sekundärquellen bestätigt, da die offiziellen Seiten nicht direkt abrufbar waren; nicht verifizierbare Zahlenwerte (siehe BA-Abschnitt) wurden bewusst weggelassen
    • AGG-Stand: Drucksache 21/4538 (Antrag Die Linke), erste Lesung Mitte Juni 2026
  • Richtig Maß nehmen für Plus-Size-Mode (und der Größentabelle endlich trauen)

    Richtig Maß nehmen für Plus-Size-Mode (und der Größentabelle endlich trauen)

    Online-Shopping für Plus-Size-Mode scheitert meist an einem banalen Grund: Man bestellt nach der Größe, die man zu „sein“ glaubt, statt nach den Maßen, die man hat. Etiketten lügen, Marken sind sich untereinander uneinig, und eine 48 im einen Shop ist eine 52 im nächsten. Die Lösung ist unglamourös und völlig verlässlich: einmal Maß nehmen, die Zahlen notieren und nach Tabelle kaufen statt nach Etikett. So geht es richtig.

    Was du brauchst

    Ein Maßband aus Stoff (das flexible zum Nähen, nicht das Metall-Band aus dem Werkzeugkasten). Hast du keins, geht auch eine Schnur plus Lineal: umwickeln, markieren, dann die Schnur flach ausmessen. Trag dünne Kleidung oder Unterwäsche, denn über einem dicken Pullover misst du Phantom-Zentimeter mit. Wenn möglich, lass dir bei den Rückenmaßen helfen; das Band gerade zu halten ist an sich selbst schwer.

    Die Maße, auf die es ankommt

    Halt das Band eng, aber nicht straff — es soll flach anliegen, ohne einzuschneiden. Steh entspannt und atme normal. Notier jede Zahl in Zentimetern und Zoll, weil Marken unterschiedliche Einheiten nutzen.

    Brustumfang

    Leg das Band um die stärkste Stelle der Brust, meist über den Brustwarzen, und gerade über den Rücken. Halt es parallel zum Boden. Trag den BH, den du normalerweise unter dem Teil trägst, das verändert die Zahl.

    Taille

    Finde deine natürliche Taille, die schmalste Stelle des Oberkörpers, etwa auf Höhe des Bauchnabels oder leicht darüber. Siehst du keine schmalste Stelle, beug dich zur Seite; die Falte, die entsteht, ist deine natürliche Taille. Nicht den Bauch einziehen.

    Hüfte

    Miss um die stärkste Stelle von Hüfte und Po, Füße zusammen. Für enge Röcke und Hosen nimm zusätzlich die „hohe Hüfte“ — um die oberen Hüftknochen, etwa 8 cm unter der Taille —, denn genau dort klemmt es bei vielen Plus-Size-Hosen.

    Für Hosen: Schrittlänge und Leibhöhe dazu

    Schrittlänge: an der Beininnenseite von der Schrittnaht bis zum gewünschten Saum messen, am besten an einer gut sitzenden Hose flach ausgelegt. Leibhöhe: an derselben Hose von der Schrittnaht bis zur Oberkante des Bunds, vorne und hinten. Die Leibhöhe entscheidet, ob eine Hose dort sitzt, wo du willst, oder dich den ganzen Tag ärgert.

    Wie du eine Größentabelle liest, ohne reinzufallen

    Jetzt der Teil, der dir das Rückporto spart. Jede seriöse Marke veröffentlicht eine Größentabelle mit echten Körpermaßen. Ignorier den Größennamen und gleich deine Zahlen mit der Tabelle genau der Marke ab, bei der du kaufst — nie annehmen, dass deine Größe einfach mitwandert.

    • Richte dich zuerst nach deinem größten relevanten Maß. Landet die Hüfte in einer 52, die Taille aber in einer 50, nimm die 52 und nimm die Taille bei Bedarf enger. Enger nähen ist viel leichter als auslassen.
    • Prüf, ob die Tabelle Körper- oder Kleidungsmaße nennt. Körpermaße sind deine Größe; Kleidungsmaße enthalten schon Bewegungsweite und fallen größer aus. Steht nichts dabei, geh von Körpermaßen aus.
    • Achte auf den Hinweis zur Weite. Ein gewebter, nicht dehnbarer Stoff braucht ein paar Zentimeter Spielraum zum Bewegen und Sitzen; ein dehnbarer Jersey darf nah an deinen genauen Zahlen liegen.
    • Zwischen zwei Größen: bei Webware aufrunden, bei Strick nach deiner wichtigsten Stelle wählen. Eine leicht weite Webware kannst du ändern lassen, eine zu enge ist einfach unbequem.

    Ein Wort zu internationalen Größen

    Deutsche, UK-, US- und EU-Größen decken sich nicht, und Umrechnungstabellen sind nur grobe Anhaltspunkte. Eine deutsche 52 ist nicht verlässlich eine UK 24. Genau deshalb zählen die Maße mehr als das Etikett: Zentimeter sind überall gleich, Kleidergrößen-Zahlen nicht. Behalt deine Maß-Karte im Handy und gleich sie bei jeder Marke neu mit deren eigener Tabelle ab.

    Der Punkt

    Nichts davon dreht sich darum, in ein Kleidungsstück hineinzuschrumpfen. Im Gegenteil: So bringst du Kleidung dazu, sich nach deinem Körper zu richten, statt umgekehrt. Kleidung, die passt, ist ein Recht, keine Belohnung — und der schnellste Weg dorthin ist ein Maßband und fünf Minuten, keine kleinere Größe.


    Fatosphere hält eine rote Linie: Wir bewerben keine Diät- oder Abnehmprodukte. Das hier ist ein Passform-Leitfaden für den Körper, den du hast.

  • Woher der Hass auf Fett kommt: Die rassistische Geschichte hinter dem „Schlankheitsideal“

    Woher der Hass auf Fett kommt: Die rassistische Geschichte hinter dem „Schlankheitsideal“

    Die meisten Menschen halten das Schlankheitsideal für zeitlos: Der Mensch habe schlanke Körper immer bewundert und dicke immer beargwöhnt. Stimmt nicht. Die Vorstellung, ein schlanker Körper stehe für Gesundheit, Disziplin und Wert, ist erstaunlich jung, und ihre Geschichte ist hässlicher als jede „Wellness“-Erzählung. Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten argumentiert, dass der moderne Fett-Hass zu großen Teilen aus antischwarzem Rassismus entstanden ist. Es lohnt sich zu verstehen, woher dieses Argument kommt, was es erklärt und wo es umstritten bleibt.

    Das Kernargument

    Die einflussreichste Fassung dieser Geschichte ist Sabrina Strings’ Fearing the Black Body: The Racial Origins of Fat Phobia (NYU Press, 2019). Die Soziologin verfolgt die westliche Angst vor Fett vom 16. Jahrhundert bis heute und verbindet dabei Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Religion. Ihre These ist nicht, dass vorher nirgends jemand einen dicken Körper abgelehnt hätte. Sie ist genauer und schärfer: Die spezifische Idee, dass Schlankheit gleich Schönheit, Moral und rassische Überlegenheit sei, entstand parallel zum transatlantischen Sklavenhandel.

    Als Europäer ein System aufbauten, das die Versklavung afrikanischer Menschen rechtfertigen musste, so Strings, wurde Fett zunehmend als „afrikanisch“, maßlos und unbeherrscht codiert, Schlankheit dagegen als „europäisch“, kultiviert und rational. Renaissance-Kunst, die einst runde, üppige Körper feierte, wich einer Ästhetik der Zurückhaltung. Protestantische Moral verband Appetit mit Sünde. Die Rassenwissenschaft des 19. Jahrhunderts kleidete das ganze Vorurteil schließlich in die Sprache der Medizin. Als die moderne Diät erfunden wurde, war das „Managen“ des Körpers längst eine Art, Weißsein und Respektabilität aufzuführen.

    Da’Shaun L. Harrison führt das Argument in die Gegenwart: Belly of the Beast: The Politics of Anti-Fatness as Anti-Blackness (North Atlantic Books, 2021). Harrison verbindet Anti-Fatness mit Polizeigewalt und stellt fest, dass mehrere von US-Polizei getötete Schwarze Menschen — Eric Garner, Mike Brown, Tamir Rice — nicht nur Schwarzsein teilten, sondern auch größere Körper, und dass Fett einen Körper im kulturellen Bild als bedrohlich und „kriminell“ markiert. Beide Autor:innen bauen auf Schwarzen feministischen Denkerinnen wie bell hooks und Patricia Hill Collins auf, die seit Langem argumentieren: Schönheitsnormen sind nie nur Ästhetik, sondern immer Macht.

    Warum das zählt, auch außerhalb der USA

    Man könnte das für eine rein US-amerikanische Geschichte halten. Ist es nicht. Das Schlankheitsideal wurde global über dieselben kolonialen und kommerziellen Kanäle exportiert wie alles andere — Mode, Film, Medizin, Werbung. In Deutschland und in ganz Europa wurde der „respektable Körper“ ebenso gegen koloniale Andere definiert wie im angloamerikanischen Raum. Wenn wir Fettfeindlichkeit als neutralen Gesundheitsratschlag behandeln, übernehmen wir stillschweigend ein Wertesystem, das nie neutral war. Seine Herkunft zu benennen macht die Diskriminierung nicht schlimmer, sondern lesbar.

    Es rahmt auch eine Debatte neu, die wir ständig behandeln. Wenn der heutige Diskurs Abnehmspritzen als reinen Fortschritt behandelt oder eine „Rückkehr“ zur Schlankheit als schlicht guten Geschmack, dann liefert diese Geschichte den fehlenden Kontext: Das Schlankheitsideal ist keine natürliche Ausgangslage, von der wir abgedriftet sind. Es ist eine hergestellte Norm mit einer konkreten, nachvollziehbaren und rassifizierten Vergangenheit.

    Wo das Argument umstritten ist

    Sauberes redaktionelles Arbeiten heißt, klar zu sagen: Das ist eine starke These, kein abgeschlossener Fall. Körperhistoriker:innen weisen darauf hin, dass die Skepsis gegenüber Fett auch ältere und mehrfache Wurzeln hat — griechisch-römische Mäßigungsideale, die christliche Lehre von der Völlerei als Todsünde, Klassenängste vor Exzess. Kritiker:innen der stärksten „racial origins“-Lesart argumentieren, dass Strings einen realen und wichtigen Strang der Geschichte beschreibt, nicht die einzige Ursache aller Fett-Stigmatisierung überall.

    Die ehrliche Synthese lautet: Fett-Stigma ist überdeterminiert — viele Kräfte haben es gespeist. Aber das spezifisch moderne westliche Paket, das Schlankheit mit Gesundheit, Tugend und Status verschmilzt und uns das dann als Wissenschaft zurückverkauft, ist untrennbar von der Geschichte der Rasse. Man kann beides zugleich gelten lassen. Das ist überzeugender, als so zu tun, als sei die Sache einfacher, als sie ist.

    Was man damit anfängt

    Die Wurzeln der Anti-Fatness zu verstehen ist kein akademischer Luxus. Es ändert, was man mit der Schuld macht. Wenn die Stimme, die deinen Körper zum moralischen Versagen erklärt, das Echo einer kolonialen Hierarchie ist, dann klingt „nimm einfach ab“ nicht mehr nach Gesundheitsrat, sondern nach dem, was es ist: Druck, eine Norm zu erfüllen, die von Anfang an manipuliert war. Das befreit niemanden sofort. Aber es verschiebt das Problem aus deinem Körper heraus in die Geschichte, die es dort platziert hat — genau dorthin, wo es hingehört.

    Wer tiefer einsteigen will, sollte beide Bücher ganz lesen: Strings für den langen historischen Bogen, Harrison für die scharfe Gegenwartspolitik.

    Fazit

    Die Norm, an der du gemessen wurdest, wurde konstruiert, nicht entdeckt.

    Das Schlankheitsideal ist nicht uralt, nicht universell und nicht unschuldig. Die beste aktuelle Forschung führt seine moderne Form auf die Maschinerie von Rassismus und Kolonialismus zurück — eine These, die einflussreich, gut begründet und an den Rändern weiter umstritten ist. So oder so gilt die praktische Lektion: Die Norm, an der du gemessen wurdest, wurde konstruiert, nicht entdeckt. Das zu wissen ist der erste Schritt, sie abzulehnen.


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